25 Jahre zapatistischer Aufstand

Silvester, Mitternacht. Korken und Raketen knallen, die mexikanische Elite stößt mit Sekt auf den Jahreswechsel an. Die Feier im Präsidentenpalast hat einen speziellen Grund: An diesem 1. Januar 1994 tritt das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) in Kraft, und damit soll Mexiko den Anschluss an die “entwickelten” Länder finden. Doch mitten in die Fiesta der neoliberalen Elite hinein platzt die Nachricht des Undenkbaren: Im südlichen Zipfel des Landes, in Chiapas, besetzen tausende indigene Rebell*innen mehrere Städte.

Für das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) ging Mexikos Präsident Carlos Salinas bis zum Äußersten. Er opferte eine der wichtigsten Errungenschaften der Mexikanischen Revolution (1910-17): Der kollektive Landbesitz der Gemeinden (Ejido) soll abgeschafft und das gigantische mexikanische Territorium dem Kapital grenzenlos geöffnet werden. Salinas hatte seine Rechnung ohne das Zapatistische Heer der Nationalen Befreiung (EZLN) gemacht. Ihr Sprecher Subcomandante Marcos kommentierte den Aufstand am 1. Januar 1994 in San Cristóbal de Las Casas mit den Worten: „Wir sind das Mexiko, das niemand beachtet”. Die Gefechte in den ersten Januartagen zwischen der Guerilla und der Armee fordern mindestens 100 Tote, darunter Zapatistas, die nach ihrer Gefangennahme außergerichtlich hingerichtet wurden. Vom 5. bis zum 11. Januar bombardiert die mexikanische Luftwaffe mit PC-7-Flugzeugen aus den Pilatuswerken im schweizerischen Stans indigene Dörfer in Chiapas. Per Fax zirkulieren die ersten Kommuniqués der Aufständischen um die Welt.

Die radikale Linke, noch mit dem Ende der bewaffneten Befreiungskämpfe in Zentralamerika und dem angeblichen „Ende der Geschichte” nach dem Mauerfall beschäftigt, reibt sich verblüfft die Augen. Chiapas macht weltweit Schlagzeilen und am 11. Januar 1994 erreicht die EZLN dank breiter Mobilisierung der mexikanischen Gesellschaft einen Waffenstillstand. In der Tagesschau nimmt ein zermürbter Schweizer Bundesrat zum Thema Stellung: Er bedauere „zutiefst”, dass in Chiapas indigene Dörfer von Pilatus-Flugzeugen bombar­­­diert wurden, er sei auch als Tourist im pittoresken Mexiko gewesen. Ende Januar 1994 bereiten Demonstrierende dem Präsidenten Salinas einen heißen Empfang anlässlich des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos. Mit Feuerwerk und Sprechchören vor dem Kongresszentrum fordern sie den Abzug des Militärs aus Chiapas.

Silvester 2018, Mitternacht. Die Raketen knallen und tausende Indigene intonieren im Dorf La Realidad mitten im lakandonischen Urwald die zapatistische Hymne „Ya se mira el horizonte”. Ein Meer von Handys wird den Moment filmen, an dem die Uhren auf das Jahr 2019 umschalten. Ein Vierteljahrhundert später sind die Zapatistas immer noch und erst recht real, zumindest in La Realidad und Umgebung. Seit 25 Jahren sind die Zapatistas eine globale Referenz für die Rebellion von unten und inspirieren weltweit Kämpfe gegen die neoliberale Globalisierung.

Doch wo steht die zapatistische Bewegung heute, im Mexiko des Drogenkriegs, der Militarisierung, der Menschenrechtskrise, der Strukturanpassungsmaßnahmen? Und was hält sie vom neuen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador von der linken Partei Morena, der am 1. Dezember sein Amt angetreten hat und verspricht, mit dem neoliberalen Regime zu brechen?

Die Verhandlungsresultate der Friedensgespräche von San Andrés zwischen den Zapatistas und der Regierung über die Garantie der indigenen Rechte haben Parlamentarier*innen aller Couleur im Jahr 2001 verraten. Seither verweigerte die EZLN jeglichen weiteren Dialog und setzte auf den Ausbau der indigenen Autonomie in ihren Gemeinden. Im vergangenen Wahlkampf versuchte die von den Zapatistas inspirierte indigene Allianz des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) mit María de Jesús Patricio, von vielen nur Marichuy genannt, eine eigene Kandidatin in das Rennen um die Präsidentschaft zu schicken – nicht in der Absicht, die Wahlen zu gewinnen, sondern um eine indigene und feministische Agenda zu positionieren. Aber in der viermonatigen Sammelaktion verpasste Marichuy die notwendige Unterstützung von einem Prozent der Wähler*innen, um als parteiunabhängige Kandidatin im Wahlzirkus präsent zu sein: Immerhin 281.955 Wähler*innen unterstützten Marichuys Kandidatur mit ihrer Stimme, 866.593 wären notwendig gewesen. Dennoch half der organisatorische Prozess, die Themen der indigenen Bewegungen sichtbar zu machen, und der 1996 im Rahmen der Verhandlungen von San Andrés gegründete CNI erwachte in den vergangenen zwei Jahren zu neuem Leben.

Am 1. Juli 2018 gewann Andrés Manuel López Obrador (kurz: AMLO) im dritten Anlauf mit überwältigender Mehrheit die Präsidentschaftswahlen. Ganze 53 Prozent der Bürger*innen gaben nach einem von Gewalt geprägten Wahlkampf ihre Stimme dem Kandidaten der neuen Partei Morena und ließen die etablierten Parteien richtig alt aussehen. Doch mitten in die Euphorie des Erdrutschsiegs von Morena mischte sich schon bald eine kritische Stimme, natürlich die EZLN: Der Aufseher der Plantage mag wechseln, aber der Besitzer bleibt derselbe, merkten die Indigenen an. Und gemäß den Aufständischen, die erst einen neuen Wahlbetrug gegen den sicheren Sieg von AMLO prophezeit hatten, würde dieser durch seine Pakte mit Teilen des Großkapitals und der Politikerkaste während des Wahlkampfs zu einem “Verwalter”, dem man die Staatsmacht anvertrauen kann. Kurz, “ein Verwalter, der nicht so brutal ist, das heißt, er beutet genauso aus, aber mit freundlichem Antlitz“, so die EZLN.

Tatsächlich scheint AMLO für den Beginn seiner Amtszeit mehr auf Kontinuität zu setzen denn auf radikale Brüche, dies mit dem alten Argument der Stabilität. Ob die politischen Räume der neuen Regierung es zulassen werden, den Kompass mittelfristig wirklich auf eine „Trennung von politischer und ökonomischer Macht” zu stellen, wie AMLO verspricht, und damit ein Ende der neoliberalen Epoche in Mexiko einzuläuten, bleibt tatsächlich äußerst fraglich. Die Zapatistas stellen sich schon mal auf das schlimmstmögliche Szenario ein, auf weitere Angriffe der „Raubtier-Ökonomie”, die „Territorien erobert und zerstört, wo es nur geht”. Als Strategie dagegen praktiziert die indigene Bewegung die Organisierung von unten, ohne sich in die Sphären der traditionellen Macht- und Parteipolitik zu begeben.

Das Menschenrechtszentrum Frayba in San Cristóbal de Las Casas beschreibt die Strategie der EZLN wie folgt: „Die Stoßrichtung ist der Organisationsprozess von unten, und gleichzeitig eine moralische und politische Instanz für die Gemeinden zu bleiben. Die Zapatistas werden sich deshalb nicht an der neuen Regierung beteiligen, sondern ihre Autonomie weiter ausbauen”, meint Jorge, langjähriger Mitarbeiter des Frayba, im Interview. Ein anderer, neuer Schwerpunkt ist die Verteidigung der Territorien gegen Großprojekte. Aber insgesamt sieht Jorge in der Positionierung der EZLN eine historische Kontinuität: „Die Autonomie und Selbstbestimmung bleibt der Dreh- und Angelpunkt, allerdings nicht nur in politischer Dimension, sondern neuerdings auch in anderen Bereichen, insbesondere in Kunst und Kultur”. Zu diesen Themen führen die Zapatistas regelmäßig größere Foren durch. Im März 2018 fand auch ein grosses internationales Frauentreffen in Chiapas statt, an dem tausende Frauen aus aller Welt teilnahmen. Auch die internationale Solidarität begleitet die Gemeinden auf diesen Wegen. So sind in den vom Frayba koordinierten Friedenscamps internationale Beobachter*innen anwesend, welche Spannungen in Gemeinden wie La Realidad oder Acteal dokumentieren. Gleichzeitig wird die internationale Begleitung auch mit neuen Themen konfrontiert, zum Beispiel mit den mit massiver Gewalt durchgesetzten Großprojekten und auch mit humanitären Katastrophen wie internen Vertreibungen.

Die dunklen Jahre der Narco-Gewalt in Mexiko gingen auch in den Regionen mit zapatistischer Präsenz nicht spurlos vorbei. Die Strukturen zur Aufstandsbekämpfung der späten Neunziger Jahre wurden nie entwaffnet und zahlreiche alte und neue paramilitärische Gruppierungen treiben ihr Unwesen, oft in Verbindung mit der organisierten Kriminalität. So wurden in den Hochland-Bezirken Chalchihuitán, Chenalhó, Aldama und jüngst in der ehemaligen Zapatistenhochburg Chavajebal insgesamt über 7000 indigene Bewohner*innen aus ihren Gemeinden vertrieben. Diese ausufernde Welle der Gewalt nimmt auch für die zivilen Autonomiestrukturen der zapatistischen Gemeinden immer bedrohlichere Ausmaße an. Das Beispiel der Vertreibungen von Zapatistas und Nicht-Zapatistas zeigt: Die teilweise blumigen Kommuniqués dürfen nicht zur irreführenden Vorstellung von völlig autarken Gemeinden verleiten. Die Regionen mit zapatistischem Einfluss waren und sind keine Inseln der Glückseligkeit, sondern Bestandteil der harten geopolitischen und ökonomischen Auseinandersetzungen in Südmexiko, in denen sich diese soziale Bewegung hartnäckig und geschickt zu behaupten weiß.

P.S.

Der Artikel wurde auf chiapas.ch gefunden und zuerst im Vorwärts sowie in den Lateinamerika Nachrichten publiziert.