7 Thesen zum Riot

1. Riots sind Eruptionen die den Ausschluss zu Tage bringen

Riots bringen etwas an die Oberfläche was verdrängt und unterdrückt wird. Im Moment des Riots wird genau das individuelle Erleben von Unterdrückung kollektiv artikuliert, es wird etwas benannt und sichtbar gemacht: der alltägliche Ausschluss. Riots bringen diesen sozialen Krieg an die Oberfläche.
Wir alle haben uns schon viel zu sehr an die unterschiedlichen Ausschlüsse gewöhnt, auch als Marginalisierte. Der Ausschluss hat System, er funktioniert beispielsweise über Rassismus oder Sexismus, dies sind nur zwei von zahllosen Differenzlinien, die die Gemeinschaft der Unterdrückten teilt. Der Ausschluss von etwas, meint von etwas wie Macht, Teilhabe, Ressourcen, der Ausschluss davon überhaupt wahrgenommen zu werden, selbst wenn wir schreien oder kämpfen.
Die tägliche Unterdrückung wird individualisiert. „Die“ Emanzipation hat es nun also soweit gebracht, dass nicht mehr die Frauen im allgemeinen hysterisch sind, sondern nur noch die einzelne Frau hysterisch ist. Jede*r ist des eigenen Glückes Schmied*in. Die Logik des Ausschlusses wird individualisiert. So wird auch der Umgang mit Unterdrückung individualisiert und unsichtbar, es erscheint wie ein persönliches Problem für das es eine individuelle Lösung gäbe.
Eruptionen rücken diesen Teil der Herrschaftstechnik ins Licht; das Unsichtbare wird sichtbar, das individuelle Erleben von Unterdrückung kollektiv artikuliert und die Vereinzelung zeitweise aufgehoben.

2. Riots brechen mit dem Bestehenden

In der Überwindung des Ausschlusses, eigenen wir uns etwas an. Es ist notwendiger Weise eine Regelüberschreitung, schließlich sind es Gesetze, Regeln, Normen, ja die gesamte abendländische Moralphilosophie, die die Struktur und Systematik des Ausschlusses absichert. Dies schreibt sich über die private Ebene von Familie und Beziehung ein, bis hinein in den eigenen Körper.
Wir werden so sozialisiert, dass wir Gesetze und Regeln brauchen um zu wissen was Unrecht ist. Der öffentliche Raum ist mit Verboten übersät, selbst Alkohol trinken ist in der U-Bahn von Hamburg verboten. Die Verbote und Gebote schaffen Normen, an die wir uns halten und in den meisten Fällen sogar dann wenn uns kein*e Bulle, Erzieher*in oder irgendeine andere Autorität kontrolliert oder uns dazu zwingt.
Macht tritt nicht als ein monolithischer Block auf - der Tyrann ist gestürzt - Staatlichkeit ist ein perfides Geflecht von Politiker*innen über Lehrer*innen, bis hin zu Sozialarbeiter*innen oder Bullen. Sie sind dabei die klar erkenntlichen Repräsentanten einer staatlichen Macht. Doch ist es auch ein Meer an kleinen unauffälligen Verboten und Normierungen die den Alltag regeln, oder einfach nur Zuschreibungen wie: „es waren erstaunlich viele Frauen dabei“ oder „Riot Barbie“, so die Kommentare zu den G20 Riots in Hamburg. In all dem schwingt eine unterschwellige Handlungsanweisung mit, die in diesem Fall definiert, wie Weiblichkeit sein soll und das nicht konforme Verhalten diffamiert. Diese Praxen sind dabei ein unauffälliger und unausweichlicher Bestandteil unseres Alltages. Dieser Prozess des permanenten Erziehens um zu funktionieren, hin zu einem sich selbst kontrollierende Körper, ist das was wir Subjektivierung nennen. Wir haben schon längst jegliche Sensitivität dafür verloren, wo wir überall diesen bösen Blicken und den stichelnden Kommentaren begegnen, wo wir sie selber auf uns oder unser Umfeld reproduzieren. Die einzige Mündigkeit die wir besitzen ist die, die uns aufgezwungen wird, ist die der Selbstkontrolle innerhalb dieser Kontrollgesellschaft.
Es ist diese Kontrollgesellschaft mit ihrem freiheitlichen Anstrich, in der sich das Netz der Macht immer weiter ausfranzt. Jedoch nur, da das Netz der Kontrolle immer tiefer, schneller und umfassender wird. In Form einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie müssen wir uns, selbst gegenüber unseren Freund*innen vermarkten. Immer on-sein, Erreichbarkeit ist das Schlagwort der Gesellschaft, parallel dazu produzieren wir permanent Daten über uns und unsere sozialen Netze. Diese Daten werden längst nicht nur zu Werbezwecken verkauft, sondern dienen der schnellen und effektiven Lenkung der Gesellschaft. Regelmäßig schalten Regime die sozialen Netze ab, oder wie es in den USA während der black lives matters Bewegung war, manipulieren sie Startpunkte und Uhrzeiten für Demonstrationen um so Bewegungen zu verwirren.
So schreiben sich die Verhältnisse, gegen die wir kämpfen wollen, in unsere Körper ein. Es sind genau diese kleinen Praxen, die zu einer Verschleierung der Macht führen, da sie nicht nur auf einer staatlich institutionellen Ebene erfolgen. Voller Angst und Selbsthass geißeln wir uns, reden uns die Ohnmacht ein, richten und bestrafen uns, so dass die staatliche Autorität in der Regel nur noch korrigiert oder uns in Knäste, Psychiatrien sperrt oder Waffen auf uns richtet.
Der Bruch mit dieser Macht ist ein doppelter. Wir brechen zunächst mit dieser Gesellschaft und wie sie uns ihre Rechte und Normen aufzwingt. Und brechen mit uns selber, brechen mit der Selbstkontrolle, brechen mit dem Funktionieren. Es ist der Ausbruch aus diesen Normen, die wie alle Normen den Zwang ausüben, diese Normen zu erfüllen. Doch auch innerhalb dessen haben wir stets die Möglichkeit widerständig zu handeln und immer wieder stellen wir über dieses Handeln das Bestehende in Frage. Die widerständigen Handlungen sind immer gut fürs eigene Herz und sind nicht selten notwendig um im Ausschluss zu überleben. Vereinzelt durchleben wir den Ladendiebstahl, das Krankfeiern. Da bei ist es ist dieser spezielle Umgang mit dem Ausschluss, der zwar meist vereinzelt und unsichtbar bleibt, doch die Logik des Riots bildet und sie dann kollektiv ausführt. Die Leute die dies praktizieren haben notwendiger weise eine ganz andere Haltung zu diesen speziellen Handlungen.
Riot ist dieser Moment der Ent-Rechtung der Rechtschaffenden, die Zersetzung des juristischen Rechtes und der bürgerlichen Normen, der Moment der De-Subjektivierung. Im Riot müssen wir unabhängig vom juristischen Recht und den Normen, lernen selbst zu definieren wie wir und warum wir unser Handeln einschränken wollen. Und so gibt es diese offenen Widersprüche im Riot, denn nichts ist im vorhinein ausgeschlossen. Und natürlich passiert Scheiße. Doch übernehmen Menschen die Verantwortung auch für das Handeln Anderer. Sie lassen sich nicht einfach nur mitreißen, sondern schätzen die Folgen des Handelns ab. Riot bleibt die legitime Antwort auf diese Zeit!

3. Riot ist Befreiung

Es wird sich etwas zurückgenommen, von dem wir zuvor strukturell ausgeschlossen waren. Nein! Viel mehr wird sich das genommen, von dem wir Strukturell ausgeschlossen wurden. Das was wir uns (zurück) nehmen ist also mehr als nur der Flachbildfernseher - der dann im Feuer landet - es ist vor allem die Selbstbestimmung. Das befreiende Gefühl, nicht von der Normalität erdrückt zu werden, oder kurz: der Mensch lebt erst in der Revolte. Der Mensch lebt erst wenn er sich befreit, erst dann entwickeln wir unsere Menschlichkeit.
Wir wollen nun zwei unterschiedliche Formen der Befreiung aufzeigen, um fassen zu können, was im Riot mit uns passiert: einmal als Befreiung von etwas, zum anderen als Befreiung durch etwas. Die Befreiung von etwas, können wir als Befreiung von einem Zustand, dem Status quo, mit dem Ziel einen neuen Zustand zu erreichen bezeichnen. Das Verbindende ist die kollektive Perspektive auf den Status quo. Diese kollektive Perspektive entwickelt sich aus ähnlichen Erfahrungen von Unterdrückung und den ähnlichen Wirkungsweisen der Macht auf die jeweiligen Körper. Brauchte die alte Fabrik noch einen homogenen Körper, werden die Ausbeutungsverhältnisse immer komplexer, verlassen die Fabrik und ziehen sich hinein in jeden Bereich des Lebens. Die Befreiung von etwas greift sich nur einen Teil dieser Wirkungsweise der Macht heraus, befreit sich von ihm. Die Macht wird hier als etwas betrachtet das von Außen auf den Körper wirkt und ihn formt. Wir kennen dies als Gliederung unterschiedlicher Teilbereichskämpfe, die dann enden wenn der Status quo überwunden worden ist; der neue Zustand bildet dann ein mehr oder weniger festes Gegenbild, oder eine Art Negativ zum alten Status quo.
Die Befreiung durch etwas, zielt nicht auf einen neuen Zustand, viel mehr ist hier der Weg das Ziel. Es geht in erster Linie um die befreiende Handlung die parallel sich selbst - bezogen auf die Handlung - und das Subjekt - den*die Handelnde*n - befreit. Als persönliches Handeln, trägt die Befreiung durch etwas die Handschrift einer individuellen Perspektive auf den Status quo und richtet sich an dieser Perspektive aus. Es befreit sich selbst im und durchs eigene Denken, Sprechen und im Riot vor allem im und durchs Handeln.
Die Handlungen re-produzieren sich in gewisser Form selbst und differenzieren sich weiter. Beispielsweise, der Rausch in den wir beim Plündern verfallen. Wer den Rausch kennt, weiß wie sich dieses Handeln selbst re-produziert. Sich den Raum zu nehmen und darüber nachzudenken warum es uncool ist aus der vorletzten Reihe mit Steinen zu werfen, warum machistisches Rumgemacker oder selbstdarstellender Smartphonehype scheiße ist; dies ist die Differenzierung innerhalb befreienden Handelns. Diese Differenzierung findet nicht nur zwischen dem Außen und mir statt, es passiert auch in mir. So war es Anfangs schwer innerhalb dieses Rausches die Ziele bewusst zu wählen und uns nicht einfach nur vom Rauschen mitreisen zu lassen. Im Riot müssen wir eben selber definieren und überprüfen wie wir handeln wollen.
Die Befreiung durch etwas ist immer eine individuelle Befreiung. Logischerweise, schließlich kann ich mich immer nur selber durch etwas befreien. Weil Macht nicht monolithisch, sondern ein komplexes Gebilde ist, welches differenzierend wirkt, äußert sich dies auch in den jeweiligen Kampfformen und Zielen. So wie sich die Macht auf den einzelnen Körper auswirkt, so muss sich dieser auch davon befreien. Dies ist zunächst ein individueller Prozess. Es geht darum wie Macht auf mich wirkt und wie ich mich davon befreie.
Diese Selbstbefreiung bedeutet für uns nicht das Individuum im Sinne seiner Isolation zu re-produzieren. Alle kämpfen, doch alle kämpfen für sich. Vielmehr erkennen wir die isolierenden Wirkungsweisen der Macht an und geben den Individuen den Raum sich selbstbestimmt gegen diese zu wehren. Im Gegenzug davon ist das zeitweise außer Kraft setzen staatlicher Herrschaft nur kollektiv möglich und eine Voraussetzung einen kollektiven Freiraum zu erkämpft. Diese Wirkungsweisen der Befreiung wirken also auf individuellen Ebenen über die Handlungen auf das Subjekt, aber auch auf einer gesellschaftlichen Ebene in dem sie den frei werdenden Raum füllen.
Das Zusammenspiel zwischen der Notwendigkeit des Kollektives und individueller Befreiung wird dort deutlich, wo die einen sexistische bodyistische Werbung zerstören während die anderen sich neue Smartphones besorgen und wieder andere diese am Bordstein zertrümmern. Alle vereinigen und verteidigen sich als ein wir sobald die Bullen versuchen Einzelne raus zu ziehen. In diesem wir ist es auch völlig egal, wen sie versuchen fest zu nehmen, in diesem wir sind alle gleich, werden gleichermaßen beschützt und verteidigt.

4. Riots sind kollektiv

Dieses wir verbindet sich über die unterschiedlichen Formen und Erfahrungen des Ausschlusses. Es macht den Riot für alle zugänglich. Das Kollektiv Bildende ist die Anerkennung dieser individuellen Erfahrungen des Ausschlusses. Doch ist dieser allen offen, der Riot schließt ein und nicht aus, in diesem Sinne ist auch nicht jeder Riot per se emanzipativ. Er ist nur dann emanzipativ, wenn er offen ist, und die Teilnehmenden die Ausschlusserfahrungen der anderen anerkennen.
Das was zuvor unsichtbar war und uns von einander trennte, wird im Riot sichtbar über diese gemeinsamen Verbindungen jenseits des Ausschlusses. So überwindet der Riot die alte Technik von „Teile und Herrsche!“. Wir finden eine gemeinsame Sprache für die geteilte Wahrnehmung.

5. Der Riot ist ein Schwarm

Es gibt wohl kaum ein besseres Bild um ein widerständiges wir zu zeichnen als das eines Schwarmes. In dem Moment in dem sich Feinde näher steigen Vögel in die Luft, bilden eine fast geschlossene Formation die sich meist an drei Prinzipien orientiert: zusammen bleiben, den gleichen Abstand zueinander halten und Orientierung an der Richtung der Nächsten. Innerhalb unseres Schwarmes gibt es noch eine viertes Prinzip; wir achten auf einander.
Einige Vogelschwärme umschließen die Angreifenden so sehr, das diese an Auftrieb verlieren und nur noch in die Tiefe stürzen, oder sie fliegen so dicht zusammen, dass es im Angriff unmöglich ist einen einzelnen Vogel heraus zu greifen. Vereinzelte Fische sind meist orientierungslos auf der Suche nach Schutz. Im Schwarm potenziert sich das orientierungslose Suchen, doch zugleich auch die Wahrscheinlichkeit Schutz zu finden. Hat einer der Fische einen sicheren Platz gefunden, schwimmt er langsamer, dabei orientieren sich zunächst die Nachbarfische an ihm. Wie durch ein unsichtbares Band, das alle verbindet, werden die anderen nach und nach auch in diesen sicheren Ort gezogen. All das ohne Hierarchie, ohne eine Anweisung von oben, in den meisten Schwärmen ohne eine Zuweisung einer speziellen Tätigkeit. All das nur weil jede*r Einzelne eine individuelle Entscheidung trifft und sich die einzelnen Körper dabei aufeinander beziehen. Im Schwarm gibt es kein ich ohne das wir.
Wir kennen das auch, das „bleibt zusammen!“, das schnelle Abbremsen und Formieren nach einem Angriff der Bullen. Wir finden einander durch die leuchtenden Augen in den Reihen, in denen die verbale Kommunikation zusammenbricht, in dem wir selten Körper aktiv lesen sondern primär unser Handeln synchronisieren. Dieses Chaos ist nicht durch seinen Unordnung bestimmt, sondern durch seine Geschwindigkeit, Symbiose und Achtsamkeit schaffen Ordnung. Im Chaos nutzen wir Handzeichen oder das Aufrufen des Bezugsgruppennamens, um kurz inne zu halten. So haben wir einen Augenblick der Ordnung und Sicherheit durch diese klar definierte Gemeinschaft, die Bezugsgruppe, die sich von dem Gewusel des Schwarmes für eine Sekunde abgrenzt, bevor sie sich wieder darin verliert.
Das unsichtbare Band, das alle verbindet ist die Intensität jenes Momentes. Die Intensität, die Dichte, die emotionale Energie verbindet den Schwarm. Dieser Äther hat keine klaren Grenzen, er läuft aus, wie ein Tropfen Tinte in einem Glas Wasser, darum werden die Umstehenden angezogen, darum werden Leute mitgerissen, je näher sie sich dem Zentrum nähern. Es sind nicht die gemeinsamen Feinde, eine übereinstimmende Analyse oder die gleiche Vergangenheit, es ist diese Intensität die den Schwarm verbindet und wachsen lässt.
Im Gegensatz zum Schwarm braucht die Bande, die Gang, die Bezugsgruppe, nicht diese Intensität um zu bestehen. Es gab sie vor dem Riot und ist das was bestehen bleibt, wenn sich der Schwarm auflöst. Sie ist der Raum zum Vorbereiten, zur Reflexion und der Verarbeitung des Geschehenen.

6. Riot ist Prozess kein Zustand

Wer Riot als einen Zustand begreift, nimmt ihm diese Intensität, die Dynamik, das Irreguläre, das Unvorhersehbare, das Spontane, kurz; seine Schönheit. Riot ist Befreiung nicht Freiheit, Riot ist ein Prozess kein Zustand. Wer versucht den Protest zu strukturieren, versucht ihm eine Richtung und Grenzen aufzudrücken.
Institutionalisierte Proteste greifen auf mehr oder weniger etablierte Formen der politischen Äußerung zurück. Bestimmte Protestformen, „realistische“ Forderungen, klar definierte Akteure bzw. Teilnehmende und deren Aushandlungen liegen innerhalb des sozialen Feldes, das überwunden werden muss. Der organisierte Konflikt, der strukturierte Protest, sind Teil einer Strategie die eine „einvernehmliche Lösung“ möglichst vieler zum Ziel hat, doch wer sind diese Vielen? Wer spricht für diese Vielen?
Massenhafter ziviler Ungehorsam ist hierbei die Vereinigung von Quantität und Qualität, möglichst viele sollen in einer zuvor definierten Form widerständig handeln. Zuerst war der Aktionskonsens, und dann kam das Nichts. Der Aktionskonsens macht bereits die Hierarchisierung deutlich, Quantität vor Qualität. Er grenzt im vorhinein den Raum des Möglichen ein, bevor dieser überhaupt entstehen kann.
Der Riot ist auch eine Verbindung von Quantität und Qualität, und auch deren Hierarchisierung, doch die der Qualität vor der Quantität. Die Qualität ist dabei das Vermögen auszuschöpfen, mit dem Bestehenden zu brechen und etwas ganz anderes zu leben. Wir müssen uns nicht vor Augen führen das es vielen Leuten in dieser Welt scheiße geht. Uns reicht es nicht, einfach nur das zu benennen und dagegen zu sein, wir wollen mit diesen Verhältnissen brechen. Die Qualität von der wir sprechen ist der Moment der De-Subjektivierung.

7. Der Riot ist der offene Raum des Möglichen

Riot überschreitet das Altbekannte, verlässt die Norm. Er ist ein Bruch mit der Alltäglichkeit, die nicht einfach nur reproduziert wird. Der urbane Raum ist eigentlich nichts weiter als eine Organisationsstruktur für die Bevölkerung. Er wird anhand drei wesentlicher Funktionen geschaffen: Kontrolle, Isolation, Strömen. Der Raum bildet hierbei die Schranken des Handelns. Vor dem Riot beginnt das Umstrukturieren dieses Raumes. Durch die Partizipation bildet sich eine kritische Masse, die Funktionsträger werden vertrieben, Bullen werden zurück gedrängt, Kameras zerstört, die Straße wird erobert. Der Raum wird umfunktioniert: Kontrollverlust, Fließen, Verstopfen statt Strömen und erste Anzeichen eines Schwarmes werden der Isolation entgegengesetzt. Der Riot ist ein sich vergrößernder Raum des Möglichen. Er ist die Umsetzung des Möglichen, das zuvor unreal und unvorstellbar war und das sich im Riot neu produziert. Hätte uns vorher jemand erzählt, was in Hamburg alles möglich sein wird und was geschehen würde, hätten wir diese Person für verrückt und übermütig gehalten und aus Gründen unserer eigenen Sicherheit wahrscheinlich nicht mit ihr zusammen arbeiten wollen. Absurd, ja unvorstellbar, dieser offenen Raum des Möglichen!
Die Offenheit beinhaltet für uns zwei Elemente. Erstens, zugänglich und offen für Neues zu sein. Zentral für die Kreation eines Raumes des Möglichen ist die Partizipationsmöglichkeit die er bietet. Ein Artikel im Autonomen Blättchen beschreibt auf wunderschöne Weise, wie nicht nur Menschen in unmittelbarer Nähe in dessen Bann gezogen werden, sondern auch diejenigen vor den Fernsehern und den sozialen Medien. Die Berichterstattung, die eigentlich ein Untergangszenario zeichnen soll, wirkt wie eine Einladung zum Fest des Pöbels.
Das zweite Element des offenen Raumes ist es, offen für etwas Anderes zu sein, zu bejahen. Alles ist möglich! Nichts stellt Macht mehr in Frage als ihre Abwesenheit. Das reicht aber nicht aus. Es gilt den Raum auszufüllen und ihn lebenswert zu machen. Im Riot befreien wir uns also nicht nur selber, sondern negieren die Wirkungsweisen und stellen ihnen etwas Positives gegenüber. Dann endlich: wie viele haben nicht schon immer davon geträumt einen Flachbildfernseher ins Feuer zu werfen, erst im Riot können wir diesem Begehren gegenüber offen sein, es zulassen es ausleben. Primär bringt der Riot also diese Begehren nur zum Erscheinen, und produziert keine Neuen, in diesem Sinne ist er nicht spontan. Wir können also feststellen, dass uns nichts für den nächsten Aufstand fehlt, nicht einmal das Begehren und die Wut, es fehlt nur der Moment es auszuleben...

Übrigens

Die Zersetzung der Macht bedeutet nicht die Auflösung des Machtgeflechts, Privilegien verfallen nicht einfach nur weil die Identitäten verschmelzen. Das Schlachtfeld auf dem letztlich jede*r gegen die Unterdrückung eines*r jeden und aller kämpft, kann jede*r nur selber bestimmen wer der*die aktuelle Gegner*in ist. Die Stärke eines Riots äußert sich in der Präzision, die Feinde zu bestimmen. Uns steht es nicht zu, diese Gegner für irgendwen außer für uns selbst zu bestimmen. Immer finden wir diese Gegner auch unter und in uns. Der Riot zieht eben auch Machos an.
Wir gehen von der These aus, dass die Gewaltverhältnisse in denen wir leben nur durch Gewalt überwunden werden können. Riot äußert sich unter anderem durch die Anwendung von Gewalt. Wer im Riot jedoch ausschließlich Gewalt sieht, reproduziert den skandalisierenden, bürgerlichen Blick auf die Geschehnisse. Ein Blick, der nicht sieht, wie viel mehr in einem Riot passiert, als das Fliegen von Steinen. Wer denn Kampf hierbei aber als etwas „männliches“ sieht, reproduziert geschlechterspezifische Vorurteile, indem Kampf und Stärke mit Männlichkeit gleichgesetzt werden. So wird dem nicht cis-männlichen Körper die Fähigkeit zu kämpfen und stark zu sein abgesprochen. Eine Kritik, die sich nur schwer ohne die Erfahrung abbauen lässt: wie das Auswaschen der Augen, die Versorgung mit Material, oder sich einfach nur die Straße nehmen und den Bullen das Durchkommen erschweren, physische Gewalt ist in diesem Ensemble nur eine unter vielen Techniken.