Anstadt - eine kleine Utopie in der Stadt

Ich bin gross, grün, umzäunt und seit Jahren einsam.
Ich bin die grosse Wiese im Gaswerkareal.
In der Nacht von letztem Mittwoch auf Donnerstag erhielt ich Besuch.
Eine Gruppe Menschen begrüsste mich in den noch mondbeschienenen Morgenstunden herzlich, bepackt mit Holz und Farbe, Zelten, Wagen und Werkzeugen.

Die Besuchenden sind eine Gruppe von zusammengewürfelten, kulturellen, politischen, kreativen, erfinderischen, arbeitenden, malenden, neugierigen, studierenden, träumerischen und praktischen Menschen mit einer gemeinsamen Idee: Anstadt
Was das sei, wollte ich wissen und da erzählten sie mir:
„Anstadt ist wie eine kleine Stadt, nur anders: Ohne Profit. Ohne Miete. Basisdemokratisch. Mehr miteinander, mehr füreinander.
Da gibt es zum Beispiel eine Tausch- und Leihwerkstatt, damit nicht alle ihre eigenen Werkzeuge und Maschinen kaufen müssen. Da gibt es ein Nähatelier, ein Bootskafi, eine vegane Gemeinschaftsküche, und alles ist auf Kollekten- oder Richtpreisbasis.
Anstadt ist eine kleine Utopiestadt, der Versuch einer solidarischen, antikapitalistischen Gesellschaft. Anstadt lädt alle Menschen, die nach eben diesem Ziel streben, ein zu partizipieren und sich zu engagieren. Das Areal von Anstadt bietet Projekten und Ideen, die in den städtischen Strukturen nicht existieren können, weil sie nicht genug rentabel und effektiv sind, Platz und Möglichkeit zur Entfaltung. Anstadt ist ein Treffpunkt zum Spielen, Austauschen, Vernetzen und Ausprobieren. Für Kinder und Alte, für Junge und Junggebliebene, die von anderem träumen, als uns vorgegeben wird. Für diejenigen, die sich nicht in die leistungs- und konsumorientierten, bürokratischen und statischen Strukturen hineinzwängen mögen.“

Ja, das haben mir die Menschen über Anstadt erzählt. Und während sie mir von ihrer Idee berichteten, wurde mir klar, warum sie hier sind: Anstadt soll auf mir entstehen!
Ich bin eine der letzten nicht zubetonierten und ungenutzten Wiesen in der Stadt. Mit meiner Grösse und Stadtnähe biete ich die perfekte Möglichkeit für die Realisierung eines alternativen Stadtexperiments. Mir gefällt die Idee.
Ich möchte jetzt belebt werden und nicht in einigen Jahren, wenn die Stadt allenfalls eine Überbauung plant. Ich möchte zu einem gemeinschaftlichen, nachhaltigen und gesellschaftlich relevanten Ort werden. Ich freue mich auf die Gesellschaft und alles, was diese Bewegung ins Rollen bringen kann.
Momentan sind die Besuchenden noch ein wenig scheu. Da ich der EWB gehöre, seien sie eigentlich illegal hier, haben mir die Menschen erklärt. Deshalb müssen sie jetzt zuerst mit der EWB verhandeln, bevor ich für alle zugänglich gemacht werden könne. Sie hoffen, dass dies bald soweit sei.
Ich hoffe das auch.
Meine Tore wurden geöffnet und ich wünsche mir, dass ich sie bald für alle öffnen kann.

Die Gaswerkareal-Wiese