Bericht Awareness-Workshop

Bericht zu einem Awareness-Workshop mit zwei Psychologinnen
Im Frauen*raum der Reitschule Bern, 14. Januar 2018

Ziel des Workshops war es, zu lernen bzw. zu reflektieren, wie wir uns als Unterstützende besser in der Awareness-Arbeit von Erlebtem oder Erzähltem abgrenzen können. Welche Strategien gibt es, um damit umzugehen? Zudem: Wer unterstützt die Unterstützenden? Wie können wir uns selber unterstützen?

Um diese Fragen professionell anzugehen, haben wir zwei Psychologinnen eingeladen. Diese haben den Workshop grosszügigerweise kostenlos abgehalten. Die Teilnahmezahl war auf 20 Personen begrenzt, der Workshop wurde nur intern in Awareness-Strukturen beworben, sodass in kleinem Rahmen konkrete (erlebte) Situationen besprochen werden konnten.

Dieser Bericht wurde von einer Teilnehmerin anonymisiert verfasst. Die Teilnehmenden haben ihr Einverständnis zu einem solchen Bericht gegeben. Der Text soll der (Weiter-)Reflektion sowie ev. auch als Hilfestellung für alle Interessierten dienen.

Kommentare, Kritik, Wünsche für weitere Workshops gerne an info@awarenetz.ch

In der Vorstellungsrunde mit Pronomen teilen wir unsere Erwartungen an den Workshop mit. Wir vereinbaren, dass im nachfolgenden Bericht sowie ausserhalb dieses Raumes nichts Persönliches weitergegeben wird.

Die beiden anwesenden Psychologinnen sind selber seit Jahrzehnten in feministischen Kämpfen und Strukturen aktiv. Sie verfügen über ebensolange Erfahrung im professionellen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Ziele des Workshops:

• Austausch
• Abgrenzungsstrategien – im Moment der Unterstützung, individuell wie auch als Team, sowie im Verarbeitungsprozess danach
• Umgang mit Betroffenen in akuten Notfällen
• Wohin kann mensch Betroffene vermitteln
• Analyse des psychologischen Hintergrundes bei konkreten Situationen

Zuerst schildern wir konkrete Erfahrungen in der Awareness-Arbeit und analysieren unsere Reaktionen.

Situation 1 – Party
Eine Party in einer Schweizer Stadt – wir haben einen Awareness-Stand und drücken am Eingang allen Eintretenden unser Awareness-Konzept in die Hand. Später kommt eine Person zu uns und meldet, dass jemand sie auf der Tanzfläche ungewollt unangenehm berührt sowie verfolgt hat (fortan: übergriffige Person [1] ). Die betroffene Person (fortan: Betroffene) zittert und ist sichtlich aufgewühlt. Die Betroffene wird von ihren Freund*innen begleitet, die sie unterstützen. Die Betroffene spricht konkret eine Person von uns am Tischende des Standes an. Wir reagieren wie folgt: Wir sagen ihr, dass sie sehr mutig war, sich zu melden, und das sie das richtige getan hat. Wir glauben ihr und sagen, dass es vollkommen daneben ist was sie erlebt hat und dass dies inakzeptabel ist. Wir werden mit ihr einen Weg finden, zu reagieren. Wir fragen, ob sie sich zu uns hinsetzen möchte, ob sie was trinken möchte, ob sie in eine ruhigen Raum gehen möchte (sie verneint). Wir fragen, ob sie möchte, dass die Person, die den Übergriff begangen hat, von der Party fliegen soll. Sie meint: Ja, aber sie kann sich leider nicht an deren Gesicht erinnern. Wir fragen, was wir tun können: Wir könnten mit ihr die Person suchen gehen, die Party-Orga informieren…? Die Betroffene beschliesst, mit ihren Freund*innen zur Party zurückzukehren. Wir vereinbaren, dass sie sich immer an uns wenden kann (auch, falls die übergriffige Person nochmals auftaucht). Die Betroffene hat sich sichtlich beruhigen können und wirkt sehr gefasst. Sie dankt für die Unterstützung. Wir besprechen das Ganze im Team (die Betroffene hat in Hörweite mit uns allen geredet, wir haben ihr gesagt, dass das Ganze im Team besprochen wird); die Situation fühlt sich auch für uns gut an. Im Verlauf des Abends informieren wir das Bar- und Orgateam, wobei wir die Identität der Betroffenen nicht preisgeben, der Betroffenen aber die Identität des Orgateams mitteilen, sodass sie sich immer an sie wenden könnte. Wir sprechen immer wieder casual mit ihr, schaffen Blickkontakt und Vertrauen. Wir wollen auch nicht „überreagieren“, damit es keine „peinliche“, unerwünschte Situation von zu viel Aufmerksamkeit für die Betroffene gibt.

Reflektion der Psychologinnen

Ein solch traumatisierendes Erlebnis erzeugt Druck: für die Betroffenen sowie für die Unterstützer*innen.
1. Druck muss reduziert werden. Als erstes soll mensch sich zurücklehnen und durchatmen. Erst dann kann ich objektiv und sachlich an die Situation gehen.
2. In einer Traumatisierung findet ein Kontrollverlust statt. Die Betroffene hat keine Kontrolle mehr über die Situation. Dies ist ein schwieriges Erlebnis für alle. Als erstes soll die Betroffene Kontrolle wieder zurückerhalten: sie soll entscheiden, was in der Situation passiert. Die Awareness-Leute sollen ihr Möglichkeiten aufzeigen, Handlungsvorschläge unterbreiten. Die Betroffene kann dann eine Entscheidung fällen.
3. Die Betroffene muss ernstgenommen werden. So kann sie auch sich selber ernst nehmen. Oft wird Betroffenen die Realität abgesprochen, «sie sollen doch kein Theater machen». Dies darf nicht geschehen!

Erfolgreiche Abgrenzungsmechanismen:

• Beim Erstkontakt: Die oben genannte Awareness-Person hat zwei Sätze für den Erstkontakt auswendig gelernt: „1. Du bist richtig, du wirst ernstgenommen, 2. wir machen das, was du entscheidest.“ Dieses Auswendiglernen hilft ebenfalls, sich abzugrenzen und den Druck in der Situation wegzunehmen. Dabei spielt auch die Stimme eine Rolle: Wir sollten ruhig bleiben. Wenn jemensch aufgeregt reagiert, wird die Situation dynamisiert, dies hilft der Betroffenen nicht.
• Neben dem gemeinsamen Angehen des Vorfalls kann das Formulieren von «Wir sind für dich da», als Awareness-Team, schon als Abgrenzung funktionieren (die Awareness-Person ist nicht mehr alleine mit dem Problem)

Weitere Ratschläge für den Erstkontakt:

• Sich persönlich mit Namen vorstellen sowie als Awareness-Gruppe. So wird Vertrauen aufgebaut
• Die ganze anwesende Awareness-Gruppe ist aufmerksam, offen, lächelt. Sie muss sich nicht ins Gespräch einmischen, zeigt jedoch, dass die Betroffene ernst genommen wird und falls gewünscht für sie da wäre.
• Im genannten Beispiel hat die Betroffene mit ihren Freund*innen über den Vorfall gesprochen. Sehr positiv: sobald darüber gesprochen wird, wird ein «Bann gebrochen», mensch ist mit dem Erlebnis nicht mehr alleine.

Situation 2: Übergriff im Freund*innenkreis I
Nach einem Übergriff im Freund*innenkreis hat sich spontan eine Unterstützungsgruppe für die betroffene Person gegründet. Über eine Anzeige wurde lange nachgedacht. Eine Anwältin wurde zu Rate gezogen, diese meinte, dass die betroffene Person einen Prozess nicht sicher gewinnen würde. Überdies hat sie aufgezeigt, dass ein solcher Prozess sehr lange dauern würde. Die betroffene Person hat sich schliesslich gegen eine Anzeige entschieden. Die übergriffige Person wurde bisher nicht informiert und ist sich wohl nicht bewusst, was sie getan hat (im ersten Moment hat sie alles abgestritten). Sie ist geographisch entfernt, ist einigen flüchtig bekannt. Übergriffige Person und betroffene Person haben auch keinen Kontakt mehr. Bisher stand die betroffene Person im Fokus, um die übergriffige Person konnte sich niemensch kümmern. Ein transformativer Prozess könnte möglich sein, ohne Einschalten der Polizei. Jedoch ist dafür sozialer Druck notwendig – dieser müsste in der Stadt der Person, die den Übergriff begangen hat, kreiert werden. Kann eine Anzeige als Druckmittel im Gespräch mit der übergriffigen Person verwendet werden (sozusagen als ultima ratio)? Medizinische Untersuchungen bei der betroffenen Person wurden vorsorglich (auch als Druckmittel) vorgenommen.

Situation 3: Übergriff im Freund*innenkreis II, Prozess transformativer Gerechtigkeit
Eine Freundin aus der Stadt x wurde Betroffene von einem Übergriff in der Stadt y. Die übergriffige Person kam aus einer anderen Stadt z. In der Stadt x hat sich eine Unterstützungsgruppe für die Betroffene gebildet; Leute aus der Stadt y formten eine kleine Gruppe um die übergriffige Person. Die geographische Distanz und der fehlende soziale Druck erschwerten die Arbeit mit der übergriffigen Person. Diese Arbeit darf nicht unterschätzt werden, es müssen genügend Ressourcen dafür bereit sein (Personen, Energie, etc.). Ein Prozess transformativer Gerechtigkeit wurde initiiert, mit Forderungen der Betroffenen an die übergriffige Person. Der Prozess dauert immer noch an (wurde auf ca 3 Jahre angelegt).

Psychologie eines Übergriffs

Die Frage, warum die übergriffige Person ihr dies angetan hat, bedrängt eine betroffene Person oftmals. Aus der «Täterpsychologie»: dem Moment eines Übergriffs geht vieles vorher. In der übergriffigen Person existiert einerseits der Pol des Begehrens und andererseits der Pol des Wissens, dass dieses Begehren falsch ist. Es werden Rechtfertigungsstrategien («sie will es auch» etc.) gesucht, um die Pole näher zusammen zu rücken. Am Schluss der Vereinigung entfällt der Widerspruch zwischen den Polen und der Übergriff passiert. Das Verständnis dieses psychologischen Prozesses kann einer betroffenen Person helfen. Ziel eines transformativen Prozesses mit der übergriffigen Person muss sein, die zwei Pole wieder auseinanderzubringen.

Nach dem Vorwurf eines Übergriffs an die übergriffige Person zeigt diese oft zwei Reaktionen: Entweder 1) «Das stimmt alles gar nicht», oder 2) «die betroffene Person wollte es auch». Deswegen: Es geht nicht darum, die Wahrheit zu finden. Es geht darum, die übergriffige Person zu einer Entwicklung zu bewegen: sich mit der ausgeübten Gewalt auseinanderzusetzen und eine Wiederholung vion Vorfällen zu verhindern. Bei der zweiten Variante ist immerhin die Einsicht da, dass etwas stattgefunden hat – auch wenn aus der Perspektive der übergriffigen Person das Geschehene konsensual war.

Was passiert bei einer Anzeige?

Sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt und Körperverletzung sind Offizialdelikte.Sobald die Polizei Kenntnis von solchen Fällen hat, kann eine Anzeige somit nicht mehr zurückgezogen werden, sondern der ganze Prozess muss durchgestanden werden. Für die betroffene Person findet somit wiederum ein Kontrollverlust statt. Der Prozess einer Anzeige in Bern, Schritt für Schritt: Meldung auf dem Polizeiposten; die betroffene Person muss das Geschehene detailliert schildern (dies kann sehr schlimm für die betroffene Person sein, zudem muss sich die betroffene Person sehr sicher in der Darstellung des Erlebten sein); Spurensicherung – falls es keine Spuren gibt, ist der Fall schwieriger zu «beweisen»; Polizei konfrontiert übergriffige Person, dann steht oft Aussage gegen Aussage; Prüfung des Erzählten durch eine*n Untersuchungsrichter*in; Faktenlage wird eingeschätzt; Bildung einer Hypothese zu einem wahrscheinlichen Tathergang; betroffene Person sowie übergriffige Person müssen nochmals eine Aussage machen; Gerichtsprozess, im Verfahren muss klar werden, dass die betroffene Person erstens NEIN sagte und zweitens dass die übergriffige Person dies auch verstanden hat; wiederum Aussagen von beiden; zuletzt: Urteilfällung. Schwierig ist insbesondere, dass der Ablauf sehr lange dauert – dabei möchte die betroffene Person oft Ruhe haben und den Prozess abschliessen können.

Was, wenn mit der zeitlichen Distanz die Glaubwürdigkeit der betroffenen Person sinkt? Die Verfährungsfrist bei Vergewaltigung beträgt 15 Jahre; immerhin positiv, dass dem Fakt Rechnung getragen wird, dass betroffene Personen sich nicht sofort melden können.
Möglichkeit der vorsorglichen Spurensicherung in Bern, Frauenklinik des Inselspitals: Das so genannte «Berner Modell» ermöglicht seit 30 Jahren eine Zusammenarbeit zwischen Polizei, Frauenklinik, Lantana und weiteren Organisationen. Personen mit einer Vagina können sich direkt in der Frauenklinik melden, in der Ärztinnen sich rund um die Uhr um Notfälle sexualisierter Gewalt kümmern. Vor Ort findet eine Dokumentation der Verletzungen statt (DNA, Kratzer, etc.). Die Spuren werden gesichert, jedoch noch nicht ausgewertet: eine Auswertung kann stattfinden, falls die Betroffene sich für eine Anzeige entscheidet. Bis zu dieser Entscheidung findet alles ohne Polizei statt.
In einem konkreten Fall an besagter Frauenklinik erschien jedoch die Polizei im Spital, obwohl mensch sie explizit nicht vor Ort haben wollte. Die Polizei verdächtigte darauf sogar die Unterstützer*innen, die eine betroffene Person ins Spital begleitet hatten, und kreuzte gar am Wohnort der Unterstützer*innen auf. Wie kann dies geschehen sein, hat eine Ärztin die Polizei ungefragt alarmiert? Nach Einschätzung der Psychologinnen ist dies eine aussergewöhnliche Ausnahme – eine solche Situation war beiden nicht bekannt. Zwei Tipps für die Zukunft: besser mit zwei Begleitpersonen für die betroffene Person ins Spital anstatt alleine; lieber mit Taxi oder Bus ins Spital anstatt mit einer Ambulanz (aka «Sanitätspolizei»), da diese die Polizei einschalten könnte.

• Kritische Nachfrage aus einer antiautoritären Perspektive: An (Opferhilfe-)Fachstellen wird viel Macht ausgeübt, der Kontakt kann auch traumatisierend wirken. Deswegen bestehen auch Zweifel, Betroffene überhaupt dorthin zu verweisen. Die Psychologinnen verstehen den Einwand. Sie empfehlen, abzuklären, welchen Sachhilfeauftrag eine Institution hat, und verschiedene Aufträge voneinander zu trennen. Dies heisst konkret, bei einer Stelle juristische Unterstützung einzuholen und bei einer anderen eine Vertrauenspsycholog*n* aufzusuchen.

“Hilfekoffer” für den Umgang mit Erlebtem

Was hilft uns, mit dem Erlebten umzugehen? Wir sammeln Ideen:
• Sich selber und die Situation ernstnehmen und auf die Awareness-Schicht vorbereiten. Ruhe und Auseinandersetzung mit sich selber fördern.
• Sich austauschen über das Erlebte – mit Awareness-Personen sowie auch weiteren Bezugspersonen. Es kann geschehen, dass Erlebtes auf sich bezogen/projiziert wird – hier hilft es, diese Gedanken mit anderen zu teilen und abzugleichen. Die Nachbereitung nach Awareness-Schichten muss mehr Priorität erhalten – sie kommt oft zu kurz. Mensch muss sich bewusst machen, dass eine Awareness-Präsenz auch unterbewusst auf eine*n wirkt und lastet. Das Erzählte wirkt nonstop weiter, auch wenn die betroffene Person nicht mehr da ist. Genau deswegen sind Austausch und ein Netzwerk so wichtig. → «Supervision»
• Aufeinander Acht geben: aktiv beieinander nachfragen, wie es uns geht.
• (Awareness-)Strukturen aufbauen – sich gemeinsam zu organisieren und die Arbeit zu teilen. Das Gefühl von Verantwortung und diese Verantwortung dazu noch alleine zu tragen kann ohnmächtig und hilflos machen. Ein Teilen der Verantwortung nimmt Last von den Schultern und macht Mut.
• Ein Schritt zurückgehen und Grundsatzdiskussionen zu Awareness-Arbeit führen. Dies schafft Distanz und ermöglicht eine Aussenperspektive.
• Das Wissen, dass es ok ist, mensch ein Vorfall emotional sehr mitnimmt. Mensch ist kein Awareness-Roboter. Auch der eigenen Erfahrung / den eigenen Emotionen muss Raum gegeben werden.
• Erlebtes wirkt auf Geist und Körper: es ist wichtig, sich auch körperlich Raum zu nehmen, auszuatmen, den Körper zu lösen und sich zu befreien. Beispiele: den Körper schütteln, das Erlebte ausschütteln, fest auf dem Boden stehen, sich auf die Atmung konzentrieren, tief durchatmen, Druck wegnehmen.
• Angst vor übergriffigen Personen wirkt auch auf Awareness-Personen. Z.B. kann es Angst machen, nach einem Vorfall alleine heimzugehen. Tipp: Bei den Veranstaltenden des Events Taxigeld einzufordern; dazu stehen, dass die Angst existiert und sich validieren. Wenn für Betroffene Taxigeld bereitliegt, sollte es dies auch für das Awarenessteam. Weiter kann helfen, mit anderen Rollenspiele durchzuführen, wie mit der übergriffigen Person umgegangen werden kann. Wie soll / kann die Person beim nach draussen befördern angefasst werden? (Findet hier ev. auch eine Grenzüberschreitung statt?). Das Rollenspiel kann helfen, (körperliches) Selbstvertrauen und Sicherheit aufzubauen (trotz dem Fokus auf der betroffenen Person kann es dennoch, wohl oder übel, eine Auseinandersetzung mit der übergriffigen Person geben…).
• Schwierig ist die persönliche Abgrenzung bei eigener Erfahrung von sexualisierter Gewalt. Das Erzählte kann Eigenes triggern. Wie kann mensch sich selber beherrschen, wie kann die eigene Wut/das eigene Trauma nicht an der betroffenen Person «ausgelassen» werden? Wie kann ich damit umgehen, wenn doch der Fokus auf der betroffenen Person liegt? Was tun, wenn es nicht der Wunsch der betroffenen Person ist, die übergriffige Person rauszustellen – die eigene Wut jedoch bleibt?
Was, wenn mehrere Personen betroffen sind: wie kann eine gemeinsame Entscheidung gefunden werden?
• Immer am Montag hat die Psychologin im Lantana-Büro jeden Montagmorgen Blumen für das ganze Team besorgt. Dieses Schöne wurde neben das Schlimme gestellt – nicht darüber, sondern daneben. In Traumatherapien, in denen Horrendes erzählt und gehört werden muss, reibt sich die Psychologin mit einem Solarplexus-Chakra-Öl ein; der ganze Körper wird sozusagen mit dem Öl eingewickelt. Dies soll gegen Ohnmacht schützen.

Feedback für den Workshop

• Die Runde war sehr offen, bestärkend, unterstützend, mutig und ermutigend, bereichernd. Es war lehrreich, Lösungsansätze von anderen Personen zu hören. Mensch ist nicht alleine mit der Schwere, mit den Problemen, Herausforderungen. Die Vorfälle sind, so unterschiedlich die Situationen sein mögen, dennoch strukturell ähnlich.
• Bestärkend, kollektiv über unsere Welt und Herausforderungen nachzudenken.
• Gleichzeitig wird vieles ausgelöst und Personen werden mit der eigenen Geschichte konfrontiert, was nicht leicht wegzustecken ist. Mensch kann sich bedroht und beschwert fühlen von Gewalteinwirkungen, von einer Gewalt, die so gross wirkt. Der Workshop war somit gleichzeitig wertvoll wie anstrengend.
• Zeit muss eingeplant werden, mal was anderes zu machen und nicht immer über Awareness etc. nachdenken zu müssen.
• Es war wunderbar, die beiden Psychologinnen ratgebend bei uns zu haben, auf Augenhöhe mit ihnen zu diskutieren und sich auszutauschen.
• Der Workshop ruft auch Angst hervor: Wie gehen wir damit um, wenn sich Vorfälle in unserem Bekanntenkreis ereignen, wenn sie uns selber passieren? Es hat sehr geholfen zu sehen, dass sich bereits viele Menschen engagieren, ihre Erfahrungen sammeln und teilen.
• Die Offenheit der Teilnehmenden war gar nicht selbstverständlich und deswegen umso schöner.
• Die Psychologinnen beobachten, dass auch heute noch dieselben Frauenkämpfe stattfinden – dies ist einerseits schlimm, andererseits aber auch schön, dass die Kämpfe weitergeführt werden.
• Es war schön, dass Fragen an alle und nicht nur an die beiden Expertinnen gestellt wurden.
• Viele Fragen stehen noch offen, der Gesprächsbedarf bleibt bestehen.
• Bedürfnis nach Distanz und Loslassen: Einige stehen auf und schütteln das Belastende aus ihren Körpern! :-)

Der Wunsch nach weiteren Workshops ist da. Ideen dazu:
• Kombination Körperarbeit und Gesprächsarbeit
• Länge des Workshops ändern?
• Kleinere Gruppen

Anmerkungen

[1Wir verwenden diese Begrifflichkeit “Person, die einen Übergriff begangen hat” oder “übergriffige Person” anstatt “Täterperson”, denn eine Person ist nicht “ein Leben lang ausschliesslich Täterperson” (im Sinne einer Verurteilung) sondern auch sie hat eine vielfältige Identität. Für den Begriff “betroffene Person” könnte mensch auch “Person, die einen Übergriff erlebt hat” einsetzen.

P.S.

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