Buchvorstellung: Gesundheit - ein Gut und sein Preis

Kann man das Thema Gesundheit getrost der Medizin und Psychologie überlassen? Was gibt es dazu aus marxistischer Perspektive zu sagen?

Viele sozialkritische Ansätze beginnen mit ihrer Kritik oft erst dort, wo die Gesundheit "zur Ware" wird. Wenigstens dieses "hohe Gut" sollte doch nicht vom Geldbeutel der Kranken abhängig gemacht werden. Dass unsere Gesundheit oft sehr viel Geld kostet, lässt viele fordern, zumindest doch bei Gesundheit, oder wenigstens in der medizinischen Grundversorgung der Menschen, mal ausnahmsweise nicht die sonst so sehr gelobten "Mechanismen" der Marktwirtschaft gelten zu lassen.

Dagegen ist es schon bemerkenswert, dass das Buch von Predehl und Röhrig sich mit der Gesundheit als solches auseinandersetzt, bevor ihr "Preis" im letzten Teil thematisiert wird. Die Autor*innen kritisieren die Rolle, die der Gesundheit in unserer Gesellschaft zukommt, von Grund auf.

Dass Krankheit, ihre Entstehung und ihre Behandlung eine gesellschaftliche Frage ist, ist eine Tatsache, von der auch die medizinische Wissenschaft ausgeht. Schon längst sind zumindest in der „1. Welt“ die meisten „natürlichen", infektiösen Krankheiten, darunter die grossen Seuchen, hinreichend erforscht und ausgerottet.

Dagegen leidet der Mensch heutzutage unter "modernen" Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie Krebs. Die Medizin bezeichnet diese als "Zivilisationskrankheiten". Damit werden gesellschaftliche Ursachen angenommen, rein "natürliche" Krankheitsauslöser als nachrangig betrachtet. Damit berührt die medizinische Wissenschaft selber die Frage, welche gesellschaftlichen Umstände sind es genau, die die meisten Krankheiten verursachen, und wie lassen die sich abstellen.

Es ist also notwendig, die Krankheitsursache "Zivilisation" als das zu nehmen, was sie praktisch ist: Wir leben nun mal im Kapitalismus. Systematisch und in angebrachter Kürze analysiert das Buch dann auch die wichtigsten kapitalistischen Lebensbedingungen vieler Menschen: „Krankheitsursache Lohnarbeit, Rentabilität, Konkurrenz und Freizeit“ (S. 15 ff.), um die kapitalistischen Gründe zu ermitteln, die die Gesundheit des modernen Menschen so beanspruchen. Insbesondere die Produktivitäts- und Rentabilitätsvorhaben von Unternehmer*innen stellen die erkorene Betriebsbesatzung vor die weder leichte noch "natürliche" Aufgabe, dabei gesund zu bleiben.

Mit dieser ökonomischen Analyse bietet das Buch - leider - eine seltene Ausnahme, die man in der überbordenden Literatur zum Thema Gesundheit vergeblich sucht. Warum verwehrt sich die medizinische Wissenschaft so systematisch einer genaueren Analyse und Kritik der kapitalistischen Lebensumstände, die sie selber als bedeutende Krankheitsursache ausgemacht hat? Weil sie medizinische Forschung und Lebenshilfe bleiben will.

Dadurch nimmt der medizinische Forschungsgeist von heute eine ignorante Haltung ein. Er identifiziert die allgemeinen Lebensumstände aber auch den individuellen Lebensstil als begünstigende Faktoren für die Entstehung von Krankheiten. Damit werden die Zivilisationskrankheiten zu unveränderlichen, quasi naturwüchsigen Geisseln der modernen Menschheit erklärt. So werden die kapitalistischen Krankheitsursachen vom medizinischen Standpunkt aus hingenommen, weil sie mit Skalpell und Tupfer kaum veränderbar sind. Der Erkenntnisweg der modernen Medizin krankt damit im Ausgangspunkt, sich von den erkannten Krankheitsursachen theoretisch wie praktisch zu lösen.
Das lässt den*die hilfsbereite*n Mediziner*in aber keineswegs verzweifeln. Seine*ihre Hilfe besteht ganz konstruktiv darin, dem Menschen seine physische wie psychische Funktionsfähigkeit für seinen kapitalistischen Lebenskampf, so gut es geht, zu erhalten.

Für Diagnostik und Therapieangebote bedeutet das, dass die erkannten gesellschaftlichen Ursachen als unumstössliche "Rahmenfaktoren" hingenommen werden. Ihre gesundheitsschädlichen Wirkungen werden dann mit symptomatischen "Individualtherapien" behandelt.

Dass die „Gesundheit als Ware“ (Kap. III) behandelt wird, zu der nicht jede*r Zugang hat, ist schliesslich nur konsequent. Im Kapitalismus, in dem alle versuchen gesund zu bleiben, herrscht eben die "Vernunft", die für alle lebensnotwendigen und anderen Waren gilt. Wieviel der*die Einzelne davon hat, ist, bekanntermassen davon abhängig, was der Privatmensch an Geld dafür aufbringen kann, und ob die Pharmaindustrie mit der Wiederherstellung seiner Gesundheit ein gewinnbringendes Geschäft machen kann.

Mit dieser Analyse stellt das Buch eine Rarität im Bücherschrank zum allzeit hochbrisanten Thema Gesundheit dar, und bietet sachliche und lehrreiche Einsichten über eben dieses Gut in der modernen Gesellschaft.

Guter Rat ist also nicht teuer, aber recht unbequem. Wers trotzdem wissen will, kommt vielleicht morgen Dienstag, 12.9., 19.30 Uhr in den Breitsch-Träff, Bern.