Demokratischer Konföderalismus - Ein Modell für Europa?

Wer kennt sie nicht, die Sätze des Mitleids: „Schrecklich, der Krieg‚ da unten”. Mit ‘da unten’ sind dann wahlweise Aleppo, der Kundus oder aber der Krieg der Islamisten, der Türkei oder des syrischen Regimes gegen die Kurden gemeint. Aber stimmt es, dass im Nahen- und Mittleren Osten nur religiöser Fanatismus und Mord und Totschlag regiert? Und agiert der Westen für die Verteidigung demokratischer Werte und universeller Menschenrechte wie Frieden, Freiheit oder Toleranz, die in den Krisenregionen dieser Welt - wenn nötig - mit Gewalt durchgesetzt werden müssen?

Wir denken, dass Fortschritt und Barbarei auch in Europa näher beieinander liegen, als uns lieb sein kann und dass kriegerische Auseinandersetzungen in der Welt nicht durch Machtpolitik, sondern nur durch den Kampf der fortschrittlichen Bewegungen vor Ort gelöst werden. Wir sind überzeugt, dass der Demokratische Konföderalismus in diesem Sinne ein Modell für den gesamten nahen Osten darstellt. Schliesslich glauben wir, dass wir von den Erfahrungen der kurdischen Freiheitsbewegung auch in Europa lernen und profitieren können! Mit dem eintägigen Seminar zum Demokratischen Konföderalismus möchten wir zu einer Verständigung der Bewegung ‚von unten’ beitragen und mit euch gemeinsam diskutieren.

Einladung zum Tagessminar am Pfingstsamstag (03. Juni 2017)
DEMOKRATISCHER KONFÖDERALISMUS -
EIN MODELL FÜR EUROPA?
mit Meike Nack (Stiftung der Freien Frau in Rojava/Nordkurdistan
09:30 - 19:00 Uhr (Seminarraum)
LoLa, Lothringerstr. 63, Basel

Unter dem Eindruck des Krieges und des Blutvergießens – der kurdische Aufstand im Osten der Türkei führte von Anfang der 80er Jahre bis zum Ende der 90er Jahre in den kurdischen Gebieten zu 40.000 Toten, 4.000 zerstörten Dörfern und mehr als einer Million Vertriebener – musste sich die Guerilla eingestehen, dass sie die Bevölkerung nicht effektiv gegen die militärische Eskalation schützen konnte. In den frühen 1990ern begann in der PKK daraufhin ein Prozess der Reflexion und Selbstkritik. Die Logik des Krieges verhinderte zudem Fortschritte in der sozialen Dynamik der kurdischen Gesellschaft. 1993 erklärte die Arbeiterpartei Kurdistan ihren ersten, einseitigen Waffenstillstand. Sie unterbrach damit die Logik des Bürgerkrieges und schaffte Raum für zivilgesellschaftliche Strukturen. Bis 2005 vollzog die kurdische Freiheitsbewegung einen Wandel von einer Avantgarde-Organisation zu einer Massenbewegung, ein Wandel, der heute von ihr als ein »neues Paradigma« bezeichnet wird und welcher die Ziele und Strategien der kurdischen Bewegung grundlegend veränderte.

Für die Neuausrichtung nahm der Vorsitzende der PKK, Abdullah Öcalan, mit seinen Schriften aus der Haft heraus wegweisenden Einfluss. Öcalan bediente sich der Überlieferung und den Mythen aus der mesopotanischen Geschichte, bezog sich auf Feministinnen wie Judith Buttler oder den amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin und dessen utopischen Potentials eines demokratischen Konföderalismus. Zentral für das »neue Paradigma« der PKK ist die Idee des Kommunalismus, nach dem jeder Teil der Gesellschaft sich selbst organisieren und in dezentralisierten, kommunitaristischen Konföderationen zusammen kommen sollte. Das Grundprinzip des demokratischen Konföderalismus sieht einen gesellschaftlichen Aufbau von unten nach oben vor. Ein bedeutender Impuls dieses Prozesses der internen Veränderung kam aus der kurdischen Frauenbewegung.

Eine für uns besonders beeindruckende Leistung und Erfahrung der kurdischen Bewegung sehen ist die Wiederentdeckung des “subjektiven Faktors” für revolutionäre Politik. Nach insgesamt 40 Jahren radikalen Kampfes mit allen Fehlern, Reflexionen und Fortschritten formulierte die kurdische Bewegung ein neues ökologisches, demokratisches und geschlechterbefreiendes Modell, und beweist, dass es nicht nur in der kurdischen Bewegung ohne Entschlossenheit, unseren Mut und unseren Willen, heute und jetzt etwas aufzubauen auch morgen nichts geben wird.

Eine Veranstaltung von Dem-Kurd Basel und dem Netzwerk Solidarische Linke. Kosten entstehen keine – Spenden sind erwünscht. Für Verpflegung (vegan/vegetarisch) wird gesorgt. Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich, aber hilft uns in der Planung. Anmeldung: netzwerksolidarischelinke@gmail.com