"Der Bund" auf dem Weg zum Boulevard

Medienkonzentration und Zeitungssterben führten in den letzten Jahren zu einer Verschlechterung journalistischer Qualität. Redaktionen wurden zusammengelegt und eigenständige Blätter in sogenannte „Mantelteile“ aufgelöst. Auch Bern blieben nur zwangsgeschrumpfte Lokalredaktionen.

Erschienen im megafon Nr. 432, Juni 2018.

Die ehemals um die Lesenden ringenden „Bernerzeitung“ und „Bund“ sitzen heute im selben Tamedia-Gebäude am Dammweg; „20 Minuten“ und „Radio Bern“ heissen die anderen Zimmernachbar*innen. Leider scheinen die Redaktionen nicht nur quantitativen, sondern auch geistigen Schrumpfungsprozessen zu unterliegen. Zu diesem Schluss kommt der oder die kritisch Lesende, wenn er oder sie sich die Inhalte vom „Bund“ genauer anschaut. Statt den Mächtigen auf die Finger zu schauen, Politik, Wirtschaft und Recht kritisch zu begleiten und der Bevölkerung aufzuzeigen, was in der Gesellschaft geschieht, konzentriert sich die Redaktion in Bern auf Katzenleitern, Verkehrsfragen und das Diffamieren von emanzipatorischen Bewegungen. Das Nachdenken über Ursachen für gesellschaftliche Phänomene und die konsequente Nachforschung bei fragwürdigen Entwicklungen in der Lokalpolitik verliert beim Bund an Stellenwert. Im April z.B. lediglich ein kritischer Beitrag zum Polizeigrosseinsatz, als in Bern 239 Leute verhaftet wurden, weil sie für Frieden in Syrien demonstrierten. Dazu ein zahnloses Interviews mit dem Sicherheitsdirektor (der aus seiner Ferienresidenz seine krude Weltsicht unkritisch herumspritzen durfte) sowie einzelne distanzierte Kurzmeldungen.

Dütschlers Welt

Die „Bund“-Redaktion interessierte sich im Handumdrehen wieder für andere Themen: Am 24. April berichtet die Zeitung in mehreren Artikeln in ihrer Print- wie Onlineausgabe über den Veloverkehr und Parkplatzproblematiken in Bern. Bereits zuvor spekuliert sie über Velobrücken und analysiert Zahlen zu Velos und E-Bikes. Am Folgetag beschäftigen sich die Redakteure mit einem Buch über Katzenleitern in der Stadt Bern, das „gar nicht so kauzig sei, wie man denken könnte“ und den „heiss laufenden Vorbereitungen für eine mögliche Meisterfeier (des Berner Fussballclubs BSC YB) am kommenden Wochenende“ in der Berner Gastroszene. Poller-Kolumnist Markus Dütschler versucht sich gleichtags an einer Polemik gegen linke Protestierende, die am Wochenende zuvor den christlich-fundamentalistisch-nationalistischen „Up to faith“-Tanz auf dem Bundesplatz kritisierten und zu stören versuchten. Seine Kritik gerät zum peinlichen Outing eines schlecht informierten Anstands-Demokraten, der diesen Protest mit neonazistischen Aktivitäten gleichsetzt. Recherchen der Protestierenden , die zum Beispiel auf die starke Vernetzung freikirchlich-fundamentalistischer Organisationen mit völkischen Gruppierungen aufmerksam machen, tut er ab als „verschwörerische Behauptungen“, unterlässt es aber, seine Behauptungs-Behauptung zu begründen.

Wie protestieren wir am besten? Gar nicht!

Dütschler meint auch zu wissen, wie in Deutschland der „Hase läuft“: Würde die Linke auf Gegenproteste bei rechtsextremen Veranstaltungen verzichten, „krähe kein Hahn“ danach. Erst durch Gegenproteste und die Polizei, die dann „Mord und Totschlag“ verhindern müsse, erhielten die Rechten Relevanz. Dütschler vergisst dabei die Dimensionen der Neonazi-Mobilisierungen von Themar 2017 (6‘000 Teilnehmende) oder Ostritz im April 2018 (1000 Teilnehmende). Zudem sei hier nochmal das Konzert von Unterwasser SG 2017 (5000 Teilnehmende) erwähnt. Wo der Gegenprotest nicht existent oder zersplittert und klein war, konnten die Rechten ihre Feste feiern, die Vernetzung intensivieren – und erhielten trotzdem mediale Aufmerksamkeit. „Einfach zu Hause bleiben und die Ewiggestrigen machen lassen“, könnte mensch das Dütschler-Konzept nennen. Eine brandgefährliche Aufforderung zum Nichtstun und zum Zuschauen, wie die unsichtbare Hand der bürgerlichen Vernunft die Dinge regelt. Leider hat sich diese Hand weder in der Ökonomie noch in der Politik der Strasse jemals bewährt; Menschen und ihre Institutionen sind und bleiben die relevanten Akteur*innen, die die Entwicklung einer Gesellschaft mitbestimmen. Doch genug zu Markus und seiner Wird-schon-gut-gehen-Welt.

„Fussball ist unser Leben…“

Dass Sport, Fussball und YB eine gewisse gesellschaftliche Relevanz haben, sei nicht in Abrede gestellt. Aber wie ist es für eine sich als seriös begreifende, fern vom Boulevard angesiedelt verstehende Tageszeitung möglich, ganze Zeitungen nur mit YB, YB und nochmal YB zu füllen? Fans zu interviewen, Restaurants zu ihren Vorbereitungen für die Meisterfeier zu befragen, Prominente wie Pedro Lenz in grossen Interviews nur zu YB zu befragen und Umfragen zu machen innerhalb der Lesendenschaft? Sind die elf Männer, die einem Ball hinterherrennen und dafür hunderttausende Franken verdienen, wirklich diesen Fokus wert? Ich glaube nicht. Und wahrscheinlich denken das viele der Schreibenden im „Bund“ selbst.
Bei aller Schelte für den Bund sei ihm zu Gute gehalten, dass er in der Vergangenheit auch positive Beispiele für guten Journalismus geliefert hat. Im Dossier zur Veränderung der städtischen Wohnsituation und der Gentrifizierung nahm sich die Zeitung feinfühlig der Problematik an; die Betroffenen wurden über das neue interaktive Modul „Stadtgespräch“ eingebunden. Es geht also auch anders.

Beim „Bund“ ist nicht alles schlecht. Er scheint sich aber, so meine These, viel stärker daran zu orientieren, wo bei der Öffentlichkeit sensible Punkte diagnostiziert werden: Dem Volk wird aufs Maul geschaut. So fokussiert die Redaktion auf Themenfelder, in denen die Lesenden sich (vermutlich) am ehesten wiederfinden: Im Sport (Fussball, Identität, Emotion), in der Wohnungssuche und im Verkehr (direkte Betroffenheit, Dach über dem Kopf und tägliche Routinen), bei der Reitschule (ewiger Zankapfel, Garant für Unruhe und Eskalationen), Katzenleitern und Restaurantkritiken („Softnews“: luftig-leichte Kost für den gestressten Durchschnittsbürger), Kommentare und Kolumnen (Sticheln gegen die Störenfriede der Stadt mittels Übertreibung und Zuspitzung). So scheint Journalismus heute zu gehen – „Blick“ und „20 Minuten“ habens vorgemacht. Nur die nackte Haut fehlt noch: Ansonsten könnte sich der Bund problemlos als besseres Boulevard-Lokalblatt für Distinguierte bezeichnen. Vielleicht hätte Ringier Interesse an der Lokalredaktion?

Hoffen wir, dass die letzten Mohikaner*innen in der Berner Redaktion sich nicht schon geistig auf ihre zukünftige „Blick-“ oder „Schweizer Familie“-Karriere vorbereiten. Und stattdessen über die bedenkliche Zeit, in der wir leben, nachdenken. Zu schreiben und zu kritisieren gibt es heutzutage nämlich genug.

P.S.

...Siehe uptofaith.ch.
...Dütschler, Markus: Poller Kolumne: Schwache Blase, vom 25.04.2018, Der Bund.
...Dokumentation von 2017: „Abtreibungsgegner auf dem Vormarsch“, 2017 (F)