Die Besetzung der Casa d’Italia

Am Samstag, dem 26. Januar hat sich eine Gruppe von Menschen dazu aufgemacht die Casa d’Italia, eine seit mehr als einem Jahr leerstehende italienische Schule in Zürich, zu besetzen. Ca. 100 Personen sind losgezogen, mit der Absicht in dem leerstehenden Haus einen selbstorganisierten Quartiertreff einzurichten. Etwa 3 Stunden später waren sie schon wieder draussen.

Hintergrund
Die Casa d’Italia steht mitten im Kreis 4, wo erschwinglicher Raum knapp ist und Orte, in denen sich alternative, kulturelle Einrichtungen entwickelten, immer mehr Neubauten weichen mussten, zu welchen der ansässigen Bevölkerung der Zugang verwehrt bleibt. Prominente Beispiele sind die Neufrankengasse oder gleich um die Ecke das Polizei- und Justizzentrum:
2011 hat das Zürcher Stimmvolk dem PJZ knapp zugestimmt, wofür der Güterbahnhof und seine kulturelle Nutzung geopfert wurden. Nach der Abstimmung stellte sich heraus, dass der Justizpalast um einige Millionen mehr kostet und sowieso sei der Platz für das Polizeirevier zu knapp. So beschloss die Regierung spontan, die von der Polizei genutzten Räume im Kasernenareal nicht wie versprochen freizugeben.
Und auch wenn sich die Polizei mittlerweile davon überzeugen liess, dem Stimmvolk nachzugeben, verrennen sich Stadt- und Kanton in einem ewigen Hickhack um die Nutzung des frei werdenden Kasernenareals und kommen – seit 40 Jahren – nicht zu einer Einigung.

Das Anliegen für das Haus
Der Kreis 4, einst Arbeiter*innenquartier, steckt mitten im Gentrifizierungsprozess und beherbergt Menschen aus allerlei Bevölkerungsgruppen. Die Besetzer*innen wollten in der Casa einen selbstorganisierten Quartiertreffpunkt einrichten, wo Anlässe geschaffen werden um sich kennenzulernen, um Freundschaften zu knüpfen. Ein Ort des Zusammenseins, der ermöglicht, sich anstecken zu lassen von Gedanken, Ideen und gemeinsamem Tun. Generationenübergreifend und transkulturell wollten die Besetzer*innen ein Zeichen gegen die Vereinzelung setzen.
Auch eine Schule sollte die Casa bleiben. In den ehemaligen Klassenzimmern der Casa d’Italia hätte wieder Bildung stattgefunden. An Ideen mangelt es nicht: Ein Raum für Technik, in dem sich Mädchen und Frauen einen selbstbewussten Umgang mit Maschinen aneignen. Ein anarchistischer Kinderraum für die Kleinsten. Ein Nähatelier, in dem die Jüngeren von den Älteren lernen – im Informatikraum wärs umgekehrt. Ein Raum für Politik und Gesellschaft, wo Zugang zu aktuellen Geschehnissen und Debatten ermöglicht wird.
Platz gäbe es genug in der Casa, auch für die Nachbarschaft, die eigene Lernräume gestalten hätte können.

Taktik der Isolierung
Doch schon wenige Minuten nach dem Einzug in die Casa d’Italia, ist die Polizei angerückt und hat erst die Erismannstrasse für Passant*innen abgeriegelt, um dann mit einem riesigen Aufgebot von Polizist*innen das Quartier zwischen Hohlstrasse und Lochergut faktisch zur Sicherheitszone zu erklären. Polizist*innen in Uniform und junge Männer in Trainingsanzügen führten Personenkontrollen durch, Streifen- oder Kastenwagen wachten an jeder zweiten Ecke und zivile, weisse VW-Kleinwagen patrouillierten durch die Strassen. Nicht wenige Menschen haben ohne offenkundige Verbindung zum Ereignis Rayonverbot erhalten. Sie durften sich somit für die Dauer von 24h nicht mehr im Umkreis von 500 Metern rund um die Erismannstrasse aufhalten. Die Unschuldsvermutung wird ausgehebelt, in dem ohne Beweislast ein Tatverdacht ausgesprochen wurde.

Diese Taktik der Polizei, welche in Verbindung mit den in den letzten Jahren häufiger angewendeten Wegweisungen funktioniert, wurde auch schon Anfang letztes Jahr bei der Besetzung des Bsetziparks beim Letzipark angewendet – sie könnte Taktik der Isolierung genannt werden. Passant*innen sollen offensichtlich nicht sehen, was die Besetzer*innen tun. Durch die Personenkontrollen und die Wegweisungen gelingt es der Polizei ein Vakuum zu schaffen, welches zwischen der Besetzung und dem Rest des Quartiers dafür sorgt, dass das Ereignis weder Aufmerksamkeit auf sich zieht, noch die Möglichkeit für die zivile Bevölkerung besteht, sich mit der Besetzung solidarisch zu zeigen.

So hat die Polizei das Vorhaben der Besetzer*innen die Casa d’Italia als zukünftigen Quartiertreffpunkt umzufunktionieren im Keim erstickt. Die Quartierbewohner*innen wurden klar von der Besetzung und somit von dem gemeinschaftlichen Anliegen der Besetzer*innen fern gehalten.

Ein Denkmal
Die Casa d’Italia ist ein historisch aufgeladenes Gebäude. Es steht symbolisch für die Geschichte der italienischen Einwanderer*innen in der Schweiz und ist ein italienischer Repräsentationsbau. Dem sind sich die Besetzer*innen bewusst. Das geplante Projekt nimmt die Geschichte des Hauses und damit assoziierte Bevölkerungsgruppen ernst und will sie miteinbeziehen. Das Haus für alle zu öffnen und darin ein Quartiertreffpunkt sowie ein Ort des gemeinsamen Lernens und Handelns einzurichten, sehen die Besetzer*innen als konsequenten Schritt, um zeitgemäss mit der Frage der Transkulturalität umzugehen. Wir müssen uns treffen, woher auch immer wir kommen, treffen und kennenlernen, miteinander zu tun haben – ohne Konsum- oder irgend anderen Legitimierungszwängen – um gemeinsam herauszufinden, wie wir zusammen neues erschaffen können.

Die Stadt Zürich geht etwas protektionistischer mit diesem kulturellen Erbe um: Sie hat das Gebäude ins Inventar der potentiell schützenswerten Bauten aufgenommen. Das heisst aber noch nicht, dass das Gebäude tatsächlich denkmalgeschützt ist. Dies wird aktuell erst geprüft. Dieser Graubereich wurde von der Polizei genutzt: Diese hat den Besetzer*innen mit einer Räumung gedroht, wenn nicht alle freiwillig das Gebäude verlassen würden. Grund dafür sei – entgegen der Recherche der Besetzer*innen - der Denkmalschutz, welchem das Gebäude unterliege. Als Beweismittel dafür hat die Polizei den Besetzer*innen das Inventardokument gezeigt. Ohne zu wissen, ob Polizist*innen den Unterschied zwischen Inventar und Denkmalschutz kennen, oder ob es für sie einfach keinen Unterschied macht in der Begründung einer Räumung, haben die Besetzer*innen sich dafür entscheiden das Gebäude zu verlassen.

Nun steht das denkwürdige Gebäude noch immer leer. Wir wollten nichts kaputt machen. Wir wollten etwas Neues schaffen. Nicht zuletzt ein Ort des Denkens, des Nachdenkens, vielleicht ein neues Denkmal - welches nur geschützt werden kann durch die Menschen, die daran beteiligt sind.