Ein Monat Freiestrasse - Quak!

Genau vor einem Monat wurde das Haus an der Freiestrasse in Zürich besetzt. Vier turbulente Wochen im neuen Frauen*Squat - eine Zwischenbilanz von der Krötenfamilie

Die Eigentümerin Interpool Investement AG, konkret Yves und Raffael Meili schliessen mit der Zwischennutzungsfirma Intermezzo (1) einen Vetrag, diese kümmert sich um Zwischenmieter_Innen und schafft damit einen Räumungsgrund. Das Image der Meili Brüder, welches die letzten drei Wochen durch unsere Kontakte mit der Nachbarschaft, den Medien und vielen solidarischen aktivistischen Gruppen durch den Krötenschleim gezogen wurde, muss wieder aufpoliert werden. 
Die Meilis ändern ihre Strategie und bieten uns das Nachbarschaftshaus, Freiestrasse Nr. 138 und die daran anschliessende, ehemalige Kongresshalle an. Für diese Liegenschaften besteht angeblich kein Interesse für eine Zwischennutzung. Der Aufwand scheint grösser zu sein, die Sanitäranlagen müssen erst wieder eingebaut werden, stand doch das Haus mehr als 1 1/2 Jahre leer. 
Meilis gehen auf unsere Forderungen ein, wir gründen einen Verein und schliessen einen Gebrauchsleihvertrag ab. Wir können bleiben bis Baubeginn, wann der sein wird ist ungewiss.
Bravo! Wir haben also endlich ein Haus zum Wohnen und einen Raum für Veranstaltungen, Sitzungen, und queerfeministische Projekte. Das was wir wollten. 
Okay - vielleicht spulen wir noch einmal kurz ein Stück zurück.

Warum besetzen wir?

Stadtentwicklung ist politisch und wird von unterschiedlichen Interessen gelenkt, zunehmend von jenen der Immobilenbranche.
Liegenschaften werden aufgekauft, abgerissen oder teuer saniert. Die Mieten steigen, Menschen werden an den Rand der Stadt gedrängt. Zugegeben, hier in Hottingen ist dies vielleicht weniger der Fall. Die Menschen, die von hier wegziehen, können sich wahrscheinlich immer noch ein schönes Plätzchen in der Stadt leisten. Doch Verdrängung hat viele Gesichter (1) und im grösseren Kontext gesehen, bleibt es das gleiche Muster: Wenige entscheiden über viele und schlagen daraus Profit. Und die Mieten steigen weiter.

Diese Tatsache ist eines von vielen Mosaiksteinchen unseres Systems, welches auf Hierarchien, Ausbeutung, Profitgier und leeren Moralvorstellungen aufbaut. Kapitalismus, Neoliberalismus, egal welche Schlagworte wir für die Gesamtscheisse verwenden, wir wissen worum es geht und wo die Probleme liegen.

Züri braucht eine Frauen*Besetzung!

Seit dem ersten Tag der Besetzung ist klar, dass es sich hier um eine Frauen*Gruppe handelt. Wir haben uns bewusst entschieden, dass wir dies nach aussen kommunizieren. Warum sich Frauen* dazu entschliessen, ein Haus ohne Cis-Männer zu besetzen und zu bewohnen, kann an anderer Stelle erklärt werden. Dass so ein Raum notwendig und sinnvoll ist, liegt auf der Hand.
Allein die Reaktionen auf unsere Besetzung, die wir beobachten, sind gute Beispiele für den alltäglichen Sexismus, der unsere Gesellschaft durchdringt:
Die Meilis fanden es zum Beispiel sehr amüsant, dass das Haus von Frauen* besetzt wurde. Ob wir nicht Angst hätten vor radikalen Gruppierungen. Das will hier nicht weiter kommentiert werden, ist eher langweilig. 

Dann die Nachbarschaft, die sich zum Teil sehr begeistert zeigt und uns ermutigen will: Super, was ihr da macht. Weiter so! 
Ein Grund für diese Haltung, ist sicherlich die Tatsache, dass wir Frauen* sind, uns also "typisch weibliche" Attribute zugeschrieben werden, sprich kommunikative, soziale Kompetenzen, Ruhe und Zurückhaltung. 
Hier soll betont werden, dass wir uns bewusst und aus strategischen Gründen auf eine kooperative Art der Kommunuikation mit den Eigentümern und den Nachbar_innen geeingt hatten. Es haben sich einige nette Begegnungen mit Menschen aus der Nachbarschaft ergeben, die unser Projekt als Kampfansage an die Gesamtscheisse erkannt haben. Was uns natürlich freut und motiviert.
Unsere Freundlichkeit hat jedoch nichts damit zu tun, dass wir Frauen* sind. Klar ist, dass auch andere Ideen vorhanden waren und es auch anders hätte kommen können. Einige von uns, hätten sich nachdem klar wurde, dass wir die Nr. 134 verlassen müssen, sehr gerne darin verbarrikadiert und den Meili Brüdern und der Polizei den Kampf angesagt.

Wir haben uns also wirklich Mühe gegeben, ein gutes Bild abzugeben. Haben erklärt, geredet und erklärt, auch wenn wir gerade keine Lust und Zeit hatten und uns gruppeninterne Angelegenheiten eigentlich dringlicher erschienen. Wir haben Texte geschrieben, diese verteilt, telefoniert, gekocht, diskutiert. Selbst die Eigentümer und die Polizei meinten am Ende, wir seien ganz nett und harmlos. Und niemand wird bestreiten, dass deren Interessen mit unseren generell wenig bis gar nichts gemeinsam haben. 

Hier ist es sehr spannend zu sehen, wie einfach Bilder und Kommentare von linken, radikalen Chaoten, die in den Medien erzeugt werden, von der Allgemeinbevölkerung ignoriert oder durch andere ersetzt werden können, je nachdem was man eben gerade haben will. 
Denn Besetzen heisst, mal von der politischen und persönlichen Motivation abgesehen, zunächst ganz konkret, dass Menschen ein Haus beobachten, herausfinden ob es leer steht, und dann in einer Nacht losziehen. Vielleicht wird ein Fenster eingeschlagen oder eine Tür aufgebrochen. Kommt es dann zur ersten Konfrontation mit der Polizei oder den Eigentümer_innen fallen meist die gleichen Argumente und Anschuldigungen, so auch zum Thema Eigentum. "Hättet ihr zuerst gefragt, dann sehe es jetzt vielleicht anders aus für euch. Aber so geht das nicht. Ich nehme mir auch nicht einfach etwas, was nicht mir gehört."
Was Eigentum ist (sozial, ökonomisch und politisch), und ob mit Eigentum überhaupt das gleiche gemeint sein kann, wenn Häuser profitgeilen Firmen gehören, auch das sprengt hier den Rahmen. Auf jedenfall ist es eine Art von Widerstand gegen dieses System: Sich ein Haus zu nehmen, ohne zu fragen. Da wir die Eigentumsverhältnisse selbst schon in Frage stellen.

Besetzen oder Zwischennutzen?

Natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn uns dann plötzlich von der Investment Firma die Haustür aufgeschlossen und die Zimmer gezeigt werden und wir die frische Besetzung ohne Widerstand für einige Studierende freiräumen. Angeblich Studierende - der Wohltätigkeit wegen. Diese zahlen der Zwischennutzungsagentur Intermezzo ab jetzt rund 7000 Franken pro Monat für das Haus an der Freiestrasse Nr. 134.
Intermezzo, Interim, Novac Solutions: Sicher gibt es bald noch mehr von diesen Agenturen, die Vermittlung von Zwischennutzungen scheint ein sehr lukratives Buisness mit wenig Aufwand zu sein. Sogenannte innovative Jungunternehmer_innen brauchen nur ein leeres Haus zu finden, die Eigentümer_Innen davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee ist, es leer stehen zu lassen und ein paar anspruchslose Nutzer_innen finden. Et volià.
Dass sich diese Gruppe von Studierenden ausbeuten lässt, indem sie einen extrem hohen Preis für eine Miete ohne Mietrechte zahlt und nebenbei indirekt eine Besetzung verjagt, sich nicht überlegt, den Deal platzen zu lassen, bzw. wenigstens ein Statement abgibt, ist für uns schwer verständlich. Es wird noch eine interessante Nachbarschaft werden.

Die Frauen*Besetzung beginnt also mit einigen Widersprüchen. Natürlich sind wir froh, haben wir nach den vier Wochen ein Haus zum Wohnen. Aber wir hatten auch andere Gedanken. Bis jetzt ist die Kröte, die vor dem Haus auf dem Transpi hängt, noch freundlich und freut sich auf viele queer-feministische, anti-kapitalistische und anti-autoritäre Projekte, die hier hoffentlich stattfinden werden. Doch wir bleiben widerspenstig.


(1) www.intermezzo.ch
(2) So lautet auch der Titel des Films, der in der zweiten Woche auf unserer Dachterasse gezeigt wurde und die Gentrifizierung in Berlin thematisiert.
(3) Foto: Ein Security, höchstwahrscheinlich von Intermezzo angestellt, befand sich letzte Woche vor dem Haus und rief die Polizei, welche einige Frauen* rund um das Haus kontrollierte. Er zog wieder ab, als Interpool und Polizei versicherten, wir seien umgänglich. Zudem hatten wir selbst direkten Kontakt mit den neuen Zwischennutzer_Innen.

P.S.

Bald gibt es Vokü im und Infos zum Haus - haltet die Ohren offen!