Eine Welle der Sabotage gegen Tierausbeutung

Es ist heiß, die Metzger*innen und Züchter*innen haben schlaflose Nächte, die Scheiben klirren und die Unterdrückung durch die Zucht verliert sich im Freien. Eine Rückblende, auf die sich seit einigen Monaten in der ganzen Schweiz ausbreitende Welle antispeziesistischer direkter Aktionen.

Westschweiz

Seit Ende Februar wurden in Genf, Carouge und in den letzten Tagen auch in Nyon, rund zwanzig Metzgereien, Restaurants, Fast-Food-Läden und Pelzgeschäfte Ziele von nächtlichen Aktionen. Woche für Woche werden diesen Orten, die von der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere profitieren, systematisch die Fenster durch Steine zerschlagen [1], mit Slogans übermalt und mit Aufklebern verziert [2].

Manchmal sind es bis zu sechs Standorte, die in einer Nacht angegriffen werden. Der Betrieb der Geschäfte wird gestört, die Kosten sind hoch, das Image wird beschadet und vor allem wird es breit diskutiert. Artikel über diese Sabotageaktionen machen in den lokalen Medien Schlagzeilen. Es wird schwierig, die Kritik an der Tierausbeutung zu ignorieren.

Die Polizei ist auf Zack, und kommt immer zu spät. Sie gab bekannt, dass sie eine verdächtige Person anhand von Videoüberwachungsbildern identifizieren konnte. Diese Person soll am 21. März verhört und wieder freigelassen worden sein, ohne die Fragen der Polizei beantwortet zu haben [3] Doch dieser Anfang der Repression scheint die Saboteur*innen nicht zu bremsen, im Gegenteil, sie kündeten weitere und heftigere Aktionen an; "Diese Aktionen können überall und jederzeit stattfinden". Und genau dies geschah auch, seit dem 21. März wurden vierzehn weitere Aktionen registriert.

Aber was macht die Polizei?

Der genfer Metzgerei-Arbeitgeberverband schickte einen Brief an Pierre Maudet, den renommierten Sicherheitsberater und Rassisten, um ihn zu ermutigen, diese Angelegenheit vorrangig zu behandeln. Ein weiterer Arbeitgeberverband, NODE, welcher viele Mitglieder unter den Kleinhändler*innen hat, bat Maudet und Olivier Jornot, einen berüchtigten rechtsextremen Politiker und derzeitigen Generalstaatsanwalt des Kantons Genf, in Briefen um Hilfe.
Im Kanton Waadt hat der Grosse Rat einen dringenden Beschluss zur Bekämpfung des "radikalen Antispeziesismus" gefasst. Diese Resolution wurde von der SVP vorgeschlagen. Indem sie von "Terroranschlägen" spricht und die von vielen Bauern/Bäuerinnen, Metzger*innen und der Fleischlobby eingenommene Opferhaltung anheizt, versucht sie das Thema politisch zurück zu erobern.

Ein interessanter und eher positiver Aspekt des bisherigen Medienechos ist, dass sich die antispeziesistischen Gruppierungen aus der Westschweiz in ihren Stellungsnahmen nicht von den Aktionen distanziert haben.
Im Gegenteil, sie unterstützten das Konzept, das auch von Saboteur*innen in ihrem Interview vorgetragen wurde: Es ist problematisch, dass sich der Fokus auf einige wenige zerbrochene Fenster konzentriert, anstatt auf die Unterwerfung, Gefangenschaft und Ermordung von Milliarden von Tieren jedes Jahr. Die Gewalt steckt hinter den Türen von Viehzuchtbetrieben und Schlachthöfen.
Diese Akzeptanz der Vielfalt der Kampftaktiken unterstreicht die Relevanz und Stärke des gemeinsamen Diskurses. Die Ausbeutung von Tieren in all ihren Formen ist eine unhaltbare Realität, welche stark hinterfragt werden muss.

Mit dem folgenden kurzen Überblick über die letzten Aktionen, kriegt man eine Vorstellung von den Geschehnissen:

23. Februar 2018 Genf
Sechs Geschäfte in der genfer Innenstadt werden in derselben Nacht angegriffen:

  • « Sogood SA KFC »
  • « Hall de la gare Cornavin »
  • « Les Trulli »
  • « Le Minotor »
  • « Ates Kebab »
  • « Noël Fourrure »

13. April 2018 Genf
Das Schaufenster des kantonal bekannten Unternehmens - die "Grande Boucherie du Molard" - wird zerschlagen, dies führt zu einer starken Medienpräsenz. Der Chef des Unternehmens erhebt Anklage gegen Unbekannt.

14. April 2018 Genf
Die "Boucherie de Champel" wird mit Steinen beworfen. Zwei Steine treffen die Kühlregale im Inneren und ein dritter die Tür eines Kühlschranks.

15. April 2018 Genf
Neue eingeschlagene Scheiben im "Quartier des Grottes". Die Metzgerei «Boucherie des Grottes» von Eric Muller wirde getroffen.

2. Mai 2018 Genf
Die "Boucherie Faure-Malan" in Eaux-Vives wird angegriffen. Daneben werden Aufkleber mit einer Tatbekennung geklebt. Auf denen verurteilen Antispeziesist*innen die Dominanz des Menschen gegenüber anderen Lebewesen.

3. Mai 2018 Genf
"McDonald de la Servette" ist das nächste Ziel. Der Chef Xavier Maîtrepierre beschwert sich, dass er "seine rechte Schulter ausgekugelt hat, währenddem er die getagte Inschrift "Antispeziesismus" auf der Fassade putzen musste"[sic].

4. Mai 2018 Lancy
In Lancy starten die Metzgerei "des Palettes" und ein Feinkostladen in den Communes-Réunies mit zerschlagenen Fenstern in den Tag. Francis Merle, Besitzer der Metzgerei "des Palettes", schätzte den Sachschaden der fünf kaputten Scheiben auf 20’000 Franken.

25. Mai 2018 Carouge
Antispeziesistische Aktivist*innen wählen in dieser Nacht zwei weitere Metzgereien als Ziele. Es handelt sich um die "Boucherie-Charcuterie Boisson" am Place du Marché und die "Boucherie chevaline du Vieux-Carouge" in der Saint-Victor-Strasse. Beide Geschäfte werden mit Steinen beworfen und ihre Scheiben eingeschlagen.

11. Mai 2018 Genf
Die "Boucherie du Molard" wird zum zweiten Mal getroffen.

11. Juni 2018 Nyon
Diesmal finden die Anschläge nicht im Kanton Genf statt, sondern in Nyon im Kanton Waadt. Es werden vier Standorte ins Visir genommen:

  • « Boucherie-Charcuterie la Côte »
  • « McDonald’s »
  • « Restaurant le Bosphore »
  • « Boucherie Gilles Pradervand »


Deutschschweiz

Auch die Deutschschweiz ist in letzter Zeit mit einer explosionsartigen Zunahme von antispeziesistischen direkten Aktionen konfrontiert. Tatsächlich sind seit dem letzten Herbst viele Orte und Akteur*innen der Tierausbeutung betroffen. Nachtexpeditionen werden gegen Universitäten, Bauernhöfe, Jagdinfrastrukturen, Werbungen, ein Restaurant durchgeführt und dies sowohl auf dem Land als auch auf den Straßen verschiedener Stadtzentren.

Die Ziele und Methoden sind vielfältig. Auf dem Land werden die Tiere von den Zuchthöfen befreit, auf denen sie bis zu ihrem Mord gehalten werden. In der Stadt werden Aktionen mit Farbe, kritischen Slogans und Plakaten durchgeführt, während in den Wäldern die Wachtürme der Jäger*innen gnadenlos zu Boden gebracht werden.

Die in diesem Zusammenhang entwickelten Strategien zeigen weniger Kontinuität auf - sowohl thematisch als auch geographisch - als die in der Westschweiz unternommenen Aktionen. Dies könnte auch ein Grund sein, wieso es in den bürgerlichen Medien kaum Ressonanz gab. Andererseits ermöglichen diese diffuseren Interventionen, viel mehr Facetten der Tierausbeutung zu erreichen und sind in einem größeren Gebiet verankert. Zudem, und das ist eine interessante Tatsache, haben die Aktivist*innen hier im Gegensatz zur Westschweiz die Produktion von Informationen und die Verbreitung ihres Diskurses autonom übernommen, ohne sich allein auf den reaktionären Filter der Presse und der sozialen Medien zu verlassen. Konkret wurden alle hier aufgeführten Aktionen durch eine Stellungsnahme auf der lokalen, revolutionären und antiautoritären Internetplattform "barrikade.info"verbreitet. Der breite Einsatz dieses Instrument, dass die freie Veröffentlichung von Artikeln ermöglicht, hat eine direkte Kommunikation der antispeziesistischen Aktionen ermöglicht. Dies konnte offenbar zu eine Art gegenseitiger Inspiration und Antreibung führen; Durch jede Aktion wurde mehr Motivation für die nächste geschaffen.

Und nun, ohne weiteres, eine Chronologie :

24 Oktober 2017 Zürich
Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ) und der Campus der Universität Zürich wurden während einer Aktion der ALF (Animal Liberation Front) mit Farbe angegriffen als Protest gegen das neue Tierversuchsprojekt an Affen unter der Leitung von Dr. Mante und seinem Forschungsteam.
https://barrikade.info/ETH-und-Campus-Irchel-Verschonert-490?lang=de

5 Dezember 2017 Bern
In der Nacht zum 5. Dezember ging eine Gruppe von Freund*innen durch die Strassen von Bern und hinterliess verschiedene antispeziesistische und antiautoritäre Schablonen und Graffiti. Das Thema der bio-alternative Tierausbeutung war besonders im Fokus der Sprayer*innen.
https://barrikade.info/Tierbefreiung-statt-grossere-Kafige-620?lang=de



29 Januar 2018 Zug
Freilassung von 14 Kaninchen aus den Käfigen, in denen sie gehalten wurden. Das Kommuniqué der Aktion endet mit einem Aufruf :
« Bildet Banden! Befreit die Tiere! Für die Befreiung von Mensch und Tier! »
https://barrikade.info/Tierbefreiung-in-Zug-782?lang=de

Erste März Woche in Winterthur
Als Reaktion auf den Aufruf vom 29. Januar wurden fünf Wachtürme (3 aus Holz und 2 aus Metall), die als Schießposten für Jäger*innen dienten, abgehackt [4]. Das Kommunique gibt einige nützliche Tipps und Tricks für diejenigen, die das Gleiche tun möchten und stellt sich gegen Käfige und Gefängnisse.
https://barrikade.info/Hochsitze-umgemaht-Animal-liberation-882?lang=de

13 März 2018 Zürich
Inspiriert von den bisherigen Aktionen in Zug und Winterthur wurde das Restaurant "Butchers Table" mit Farbe beschmiert. Die Aktion findet kurz nach der Eröffnung dieses Restaurants statt, das über eine eigene Metzgerei verfügt und dessen Besitzer, Gregory Knie, in einem Video mit einem enthaupteten Schweinekopf spielt.
https://barrikade.info/Butchers-Table-verschonert-904?lang=de

15 März 2018 Zollikofen
Graffiti-Aktion in einem Forschungszentrum für Hühner- und Kaninchenzucht in Zollikofen (Bern). Eines der Gebäude wurde mit dieser Botschaft beschmiert: "Mehr als 50 Millionen Hühner wurden für Profit getötet. Kein Frieden für Tiermörder. ALF". Das Kommunique informiert über die Realität der Eier- und Geflügelfleischproduktion in der Schweiz und zeigt Solidarität mit den Verteigungskampfen in Rojava und Afrin.
https://barrikade.info/Kein-Frieden-den-Tiermordern-910?lang=de

1 April 2018 Winterthur
Graffiti-Aktion im Widerstand gegen den Zirkus Knie im Zirkusgehege. Von der ALF unterzeichnetes Kommunique.
https://barrikade.info/Fre-Us-Free-Us-983?lang=de

1 Mai 2018 Roggliswil (Kanton Luzern)
Eröffnung eines Loch im 2 Meter hohen Zaun eines Bauernhofes, in dem etwa fünfzig Hirsche eingeschlossen waren[9]. Aktion unterschrieben von der ALF.
https://barrikade.info/Ausbrechen-1075?lang=de

13 Mai 2018 unbekannter Ort
"Human & Animal Liberation" Schablonen auf spezistische Werbungen gesprayt.
https://barrikade.info/Rage-statt-Massage-1103?lang=de

24 Mai 2018 unbekannter Ort
Plakat gegen eine sexistische und spezistische Migros-Werbekampagne zur Förderung von Fleischkonsum und Grillen (ein Mann mit einem Stück Fleisch untem der Slogan "auch Männer tragen Rosa". Die Anzeigen sind wild mit alternativen Plakaten überzogen.
https://barrikade.info/Plakatieren-gegen-Grillitarier-mach-mit-1124?lang=de


Anmerkungen

[1Nur ein kurzer Gedanke, nebenbei bemerkt. Es kann sicherer sein, Hämmer oder Eisenstangen zu benutzen als Steine, um Fenster zu zerbrechen. So ist das Risiko, DNA zurückzulassen, kleiner! Tatsächlich sammeln Schweizer Polizist*innen nach dieser Art von Aktionen fast systematisch verlassene Geschosse, um DNA-Forschung zu betreiben.

[2Dieselbe Bemerkung wie bei den Steinen.Es ist fast unmöglich sicherzustellen, dass keine DNA auf Aufklebern hintergelassen wird