Freundschaft ist die Wurzel von Freiheit

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Joyful Militancy" von Carla Bergman und Nick Montgomery, welches 2017 bei AK Press erschienen ist.

„Dies sind nicht nur Wörter; es sind Hinweise und Anstösse für Erdbeben im Erschaffen von Verwandtschaft, die nicht beschränkt ist auf westliche Familiendispositive, seien sie heteronormativ oder nicht" - Donna Haraway [1]

Freiheit und Freundschaft bedeuteten einst das Selbe: intime, verflochtene Beziehungen und das Versprechen, der Welt gemeinsam zu begegnen. Im Grunde bedeutet relationale Freiheit nicht, unbeschränkt zu sein. Sie ist vielleicht die Fähigkeit zu Vernetzung und Bindung. Sie könnte auch gegenseitige Unterstützung und Zuwendung bedeuten oder geteilte Dankbarkeit und Offenheit gegenüber einer ungewissen Welt. Möglicherweise ist sie auch eine neuerliche Befähigung zum Kämpfen an der Seite Anderer. All dies ist jedoch nicht, was Freiheit im Empire bedeutet.
Sucht in einem Wörterbuch nach der heutigen Bedeutung von „Freiheit. Ihr werdet im Kern etwas über Rechte, Abwesenheit und das Fehlen von Restriktionen finden, angewendet auf ein isoliertes Individuum. Hier sind einige der Definitionen, die uns der Oxford English Dictionary gibt:

Die Ermächtigung oder das Recht zu handeln, sprechen oder denken wie man will:

„wir haben die Freiheit zu wählen“

Ein Zustand von nicht eingesperrt oder versklavt zu sein:

„der Hai erkämpfte sich seinen Weg in die Freiheit“

Ein Zustand von nicht unter dem Einfluss oder der Auswirkung (von etwas unerwünschtem) zu sein:

„Regierungsmassnahmen um Freiheit von Mangel zu erreichen“ [2]

Im Grunde drehen sich all diese Definitionen darum, weg von externen Einschränkungen oder Einflüssen zu kommen; ungehindert, unbeeinflusst, unabhängig zu sein. Gerade im Kapitalismus ist Freiheit verknüpft mit dem Freien Markt und dem*der freien Akteur*in, welche*r Entscheidungen auf Grund individueller Vorlieben trifft. Trotz Kapitalismus und Kolonialismus kann diese fade Form von Freiheit in vielen Teilen der Welt noch immer nicht Fuss fassen. Selbst in Europa, wo doch so viele Werkzeuge der Kolonialisierung verfeinert wurden, ist die Wurzel von Freiheit eine andere. Vor Jahrhunderten hatten einige Europäer*innen eine relationalere Vorstellung von Freiheit, die sich nicht nur um das Fehlen von äusseren Bedingungen drehte, sondern auch unser Eintauchen in die Beziehungen, die uns erhalten und uns gedeihen lassen, mit einbezog.
„Freiheit“ und „Freund“ teilen dieselbe, frühe indo-europäische Wurzel: *fri-, oder *pri-, bedeutet „Liebe“. [3] Diese Wurzel setzt sich fort im Gotischen, Nordischen, Keltischen, Hindi, Russischen und im Deutschen. [4] Vor tausend Jahren war das germanische Wort für „Freund“ das Partizip Präsens des Verbs freon, welches „zu lieben“ bedeutete. In dieser Sprache gab es auch das Adjektiv *frija-, das „frei“ im Sinne von „nicht versklavt“ bedeutete. Nicht versklavt zu sein, bedeutete mit geliebten Menschen zu sein. Frija bedeutete „geliebt, im Kreis geliebter Freunde und Familie“. [5] Das Unsichtbare Komitee schreibt in An unsere Freunde:

„Friend“ und „free“ in Englisch … entspringen der selben indo-europäischen Wurzel, welche die Idee einer geteilten, wachsenden Stärke ausdrückt. Frei zu sein und Bindungen zu haben, waren ein und dasselbe. Ich bin frei, weil ich Bindungen habe, weil ich verbunden bin mit einer Realität, die mehr umfasst, als mich selbst.“ [6]

Einige Jahrhunderte später wurden Freiheit und Verbundenheit von einander losgelöst. Thomas Hobbes, ein Philosoph des 17. Jahrhunderts, stellte sich Freiheit als nicht mehr vor, als ein „Fehlen von Widerstand“ für isolierte, selbstsüchtige Individuen. Für Hobbes ist der freie Mann ständig bewaffnet und auf der Hut: „Wenn er sich schlafen legt, verschliesst er seine Tür; selbst wenn er in seinem Haus ist, verschliesst er seine Truhen.“ [7] Das freie Individuum lebt in Angst und kann sich nur sicher fühlen, wenn es Gesetzte und Polizei gibt, die es und seinen Besitzt beschützen können. Es ist definitiv Er, denn dieses Individuum basiert auf patriarchal männlicher Vorherrschaft und ist verbunden mit der Trennung von Geist/Körper, Aggression/Unterwerfung, Rationalität/Emotion, usw. Seine sogenannte Autonomie ist untrennbar von seiner Ausbeutung Anderer.
Die „Befreiung“ der Bauern in dieser Zeit bedeutete in den meisten Fällen, dass sie von ihrem Land und ihrem Lebensunterhalt vertrieben wurden, womit sie „frei“ wurden, ihre Arbeit in einer Fabrik für Lohn zu verkaufen oder zu verhungern. Es ist kein Zufall, dass diese einsame Vorstellung von Freiheit in der selben Zeit aufkam, wie die europäischen Hexenprozesse, die Einfriedung von gemeinschaftlichem Land, der Aufschwung des transatlantischen Sklavenhandels und der Kolonisierung und dem Genozid in den Amerikas. Zur selben Zeit, als die Bedeutung von Freiheit getrennt wurde von Freundschaft und Verbundenheit, wurden auch die lebendigen Verbindungen zwischen Menschen und Orten durchtrennt.
Als das Empire Land und Körper einschloss, beaufsichtigte es auch die Einschliessung des Denkens. Das Zeitalter der Vernunft markierte auch eine neue Art des Wissens, welches die Natur und den menschlichen Körper unterwerfen und kontrollieren konnte und kapitalistische Rationalisierung und Arbeitsdisziplin ermöglichte. [8] Zeit und Raum wurden messbar und starr festgelegt. Körper waren nicht länger Leitkörper magischer Kräfte, sondern Maschinen, die für die Produktion nutzbar gemacht wurden. Pflanzen, Tiere und andere, nicht-menschliche Wesen waren nicht länger verwandt, sondern wurden zu Objekten, die es aufzuteilen und zu konsumieren galt.
Selbst unter den Intellektuellen Europas waren nicht alle einverstanden mit Hobbes angstvoller Vision von Freiheit und den Trennungen, die durch das cartesianische Denken auferlegt wurden. Descartes Zeitgenosse, Baruch Spinoza, formulierte eine Philosophie, in welcher Menschen von sich aus verflochten sind mit ihrer Welt. Spinoza hinterliess Anweisungen, dass sein Hauptwerk, die Ethik, erst nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte. Er wusste, dass seine relationale Weltsicht sowohl die monotheistische Religion, wie auch die dualistische Philosophie seiner Zeit untergrub und er ihretwegen Folter und Hinrichtung zu fürchten hatte. Anstatt einer passiven Natur auf der einen und eines aktiven, übernatürlichen Gottes auf der anderen Seite, vergegenwärtigte Spinoza eine holistische Realität, in der Gott in allen Dingen vorhanden ist und in welcher alle Dinge aktive und dynamische Prozesse sind. Geist und Körper, Mensch und Nicht-Mensch, Freude und Traurigkeit sind miteinander verflochten.
Wir wollen hier nicht Spinoza‘s Philosophie als ein Handbuch für das Leben in unserer Zeit darstellen. In vielerlei Hinsicht blieb Spinoza ein Kind seiner Zeit; er benutzte geometrische Methoden, um seine philosophischen Ansprüche zu beweisen, er überwand nicht die patriarchalen Trennungen und er blieb dem Staat, als Garant für Sicherheit, treu. Unser Interesse liegt nicht in Spinoza selbst oder seiner Philosophie als Ganzem, sondern in der Art, wie seine Ideen von einer einer kleinen Strömung im westlichen Denken aufgenommen wurden, einer Strömung, die relationaler, holistischer und dynamischer ist. Spinoza‘s Werk bleibt eine Randerscheinung im Vergleich zu Descartes und Hobbes, doch seine relationalen Anschauungen wurden dennoch aufgenommen von Radikalen an den Rändern der Philosophie, der Ökologie, des Feminismus, des Marxismus und des Anarchismus. [9]
Für uns am wichtigsten ist, dass Spinoza‘s Philosophie sich auf dem Affekt begründet. [10] Dinge sind nicht dadurch definiert, was sie sind, sondern was sie tun: wie sie die Kräfte der Welt beeinflussen und von ihnen beeinflusst werden. Auf diese Weise sind Fähigkeiten nicht festgelegt für alle Zeit, sondern sie sind in ständiger Veränderung. Dies ist eine fundamentale Abkehr von der von sich aus ableistischen und altersdiskriminiernden Perspektive, die alle Körper bemisst nach ihrem Verhältnis zur Norm eines „gesunden“, „erwachsenen“ oder „fähigen“ Körpers. Wenn wir direkt von der materiellen Eigenheit eines Körpers ausgehen, ohne ein eingreifendes „sollte“, wird auch das Lernen fundamental anders. Statt abgetrennter Kategorisierung oder der Beobachtung stabiler Eigenschaften, findet es durch aktives Versuchen in geteilten, sich ständig verändernden Situationen statt.

Anmerkungen

[1Donna Haraway, "Anthropocene, Capitalocene, Pantationocene, Chthulucene: Making Kin" Environmental Humanities 6/1 (2015)

[2Freedom - Definition of Freedom in English" Oxford English Dictionary (Oxford: Oxford University Press, 2016)
https://en.oxforddictionaries.com/definition/freedom

[3Douglas Harper, "Free (Adj.)" Online Entymology Dictionary
http://www.etymonline.com

[4Ebd.

[5American Heritage Dictionaries, eds., Word Histories and Mysteries: From Abracadabra to Zeus (Boston: Houghton Mifflin, 2004)

[6Unsichtbares Komitee, An unsere Freunde (Edition Nautilus, 2015)

[7Thomas Hobbes, Leviathan (Oxford: Oxford Paperbacks, 2008)

[8Diese kurze Zusammenfassung des Zeitalters der Vernunft stützt sich hauptsächlich auf Silvia Federici. Siehe Federici, Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (Wien: Mandelbaum Verlag, 2004)

[9Einige Bücher, die wir hilfreich gefunden haben: Jane Bennet, Vibrant Matter: A Political Ecology of Things (Durham: Duke University Press, 2010); Giles Deleuze, Expressionism in Philosophy: Spinoza (New York: Zone Books, 1992); Moira Gatens, ed., Feminist Interpretations of Benedict Spinoza (University Park: Penn State University Press, 2009); Antonio Negri, The Savage Anomaly: The Power of Spinoza`s Metaphysics and Politics (Minneapolis: University of Minnesota Press, 1991); Tiqqun, Einführung in den Bürgerkrieg (Zürich: Diaphanes, 2007)

[10Unser Verständnis von Spinoza begründet sich hauptsächlich auf Deleuze und jene, die er beeinflusst hat. Für eine hilfreiche Einführung hierzu, siehe Giles Deleuze, Lecture on Spinoza’s Concept of Affect (Lecture, Cours Vincennes, Paris, 1978), https://www.gold.ac.uk/media/deleuze_spinoza_affect.pdf; Michael Hardt, The Power to be Affected, International Journal of Politics, Culture, and Society 28/3 (September 1, 2015); Brian Massumi, Politics of Affect (Cambrige: Polity, 2015)

P.S.

Dieser Text wurde ursprünglich im Rahmen einer Diskussionsrunde über "Kommunismus, Ko-Evolution und Sein-in-Beziehung" von einigen Kindern einer wilden Kommune übersetzt.
commune_sauvage@riseup.net