In Bure steht die Zukunft der Atomenergie auf dem Spiel

Am 17 Januar gab Édouard Philippe das Ende des Flughafenprojekts in der Zad bekannt. Am 22. Februar räumten 500 Bereitschaftspolizist_innen den Wald Le-Juc (bois-le-juc), das Zentrum des Widerstands gegen die unterirdische Lagerung von radioaktiven Abfällen. Es gibt den guten und den bösen Bullen. Der Gute gibt vor er wäre gut, aber tut niemanden einen Gefallen, lediglich ein paar Kalküle damit der böse umso effizienter sein kann. Dies ist praktisch ohne Zweifel, wenn man sich die Aktionen der Regierung im Bezug auf die Raumplanungspolitik der letzten Monate anschaut. Das ist in jedem Fall der Eindruck der uns nach diesem Wochende des 3. und 4. März überkommt, nachdem mehrere Versuche den Wald wiederzubesetzen an Mauern aus Bereitschaftspolizist_innen und Repression zerschellten.

Zusammenkunft verschiedener Unterstützer_innenkomitees in Bure und Mandres-en-Barrois am Wochenende des 3. und 4. März. Es sind schon mehr als Zehn Tage seit der Räumung der Waldbesetzung im Bois-le-Juc vergangen. Um die 15 Leute wurden im kalten Morgengrauen eines Februarmorgens von 500 Bereitschaftspolist_innen vertrieben, mit Kamera im Anschlag, geschickt medial in Szene gesetzt und politisch kommuniziert. Eine paar Stunden später stolzieren dort die Prefetin Muriel Nguyen und ferner Sèbastien Lecornu, Sekretär im Ministerium der „ökologischen Transition“ herum. Die Botschaft ist klar, der Staat ist überall der Souverän. Kein kleines Stück seines Territoriums kann sich seines Zugriffs, seiner Dominanz entziehen. Das ist das was Präsident Macron in Notre-dame-de-Landes angefangen hatte, nicht aus Nettigkeit, sondern aus politischem Kalkül. Die Aufgabe eines alten Projekts getragen durch veraltete politische institutionalisierte Kräfte (die verstorbene Sozialdemokratie, „parti socialiste“) und stattdessen die Errichtung einer nicht klar umrissenen Offensive des Staates. Das alles deshalb, um woanders besser alles zertreten zu können. Wie eine Art billiger Lockvogel.

Bure, ein Grundpfeiler des atomaren Komplexes

In Bure steht gleich ein ganzer Teil der nationalen Ökonomie (Frankreichs) auf dem Spiel: Die Spinnerei der Atomenergie. Seit über einem halben Jahrhundert wird das Denken sich mit dem im Boden vorhandenen Kohlenwasserstoffen und anderen fossilen Energieträgern zu bereichern beherrscht. Deshalb setzte der französische Staat alles auf die Atomenergie. Unabhängigkeit in der Energiefrage auf internationaler Ebene und Zentralisierung der Energieproduktion auf nationaler Ebene, Export von elektrischem Strom, des EPR (3. Generation des Druckwasser Reaktors). Die Energieproduktion auf Basis von Atomstrom sichert Frankreich eine wirtschaftliche Kontinuität, weit entfernt von historischen Risiken, Ölkrisen, Wirtschaftsblockaden und internationalen Konflikten. Ein wirtschaftliches Interesse, folglich auch ein politisches Interesse. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden Atomwaffen eine Priorität des französichen Staates, unter De-Gaulle mit der Perspektive die Unabhängigkeit auch auf internationaler politischer Ebene auszubauen. In diesem Zusammenhang ist die koloniale, bzw. die post-koloniale Politik Frankreichs darauf ausgerichtet ihre Atomenergieinteressen in Afrika zu bewahren. Versuche mit Atombomben in der algerischen Sahara (und auch Polynesien), Uranminen die von AREVA (französischer Atomkonzern) in Westafrika bewirtschaftet werden, geschützt und begleitet von verschiedenen militärischen Operationen/Missionen.

Das ist ein allumfassender militärisch-industrieller Komplex, der dort nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist und um den sich die Regierenden so kümmern wollen. Das ist eine Atomenergieisierung der gesamten Gesellschaft, die mittlerweile fast sechzig Jahre andauert.

In Bure ist das Projekt CIGÉO mit dem Vergraben der Abfälle der Atomindustrie ein Versuch der Erhaltung dieses atomaren Komplexes. Das fehlende Kettenglied, damit das System der Atomenergie komplett ist. Von der Uranerzgewinnung in den Minen in der südlichen Sahara bis hin zum Vergraben der radiaktiven Abfälle mit der Halbwertszeit seiner Teilchen (Um es gesagt zu haben, dass heisst die Radioaktivität bleibt hunderte Jahre erhalten, wenn nicht gar tausende.) im Nord-Osten Frankreichs, durchläuft das Rohmaterial mehrere Transformationen in verschiedenen Aufbereitungsanlagen, Druckwasserreaktoren (EPR) und dann die Wiederaufbereitung in La Hague. Verbunden durch ein riesiges Netz von THT (Tres Haute Tension, deutsch. Hochspannungsleitungen) und Eisenbahnschienen welches sich über das gesamte Gebiet Frankreichs legt. Ein allumfassendes atomares System, exportierbar und vermarktbar.

An Gründe sich dem Projekt CIGÉO des militärisch-industriellen Komplexes entgegen zustellen mangelt es nicht. Gegen das ökologische Desaster in dem wir uns befinden vorzugehen, gegen die Kolonisierung der Welt durch seine Infrastrukturen, seine neo-koloniale Politik, seine Kriege, seine Dominierung des staatlichen Gebiets und der Bevölkerung, gegen die industrielle Gesellschaft…. Die Liste unserer Klagen gegen die Gesellschaft der Atomenergie ist lang mit dem Hinblick darauf, dass sie heute ein wichtiger Pfeiler des kapitalistischen Systems ist.

Und auch wenn schon viele Teile dieses atomaren Komplexes seit einiger Zeit verwirklicht sind, ist noch nicht alles fertig eingerichtet. So z.B. das Projekt CIGÉO das bei aufmerksamer Betrachtung einen Teil des Grundpfeilers des Systems bildet.

Der Widerstand gegen das Projekt CIGÉO wird immer stärker und stärker, auf lokaler, wie aber auch auf nationaler Ebene. Dem Gegenüber steht der Staat, der mit einer Hartnäckigkeit hofft dieses so kostspielige Projekt nach seinem Vorstellungen durchzudrücken. Die Spannungen zwischen diesen beiden Polen spitzten sich in den letzten Monaten zu, auf Bure und die Umgebung gesehen schon seit einigen Jahren. Militärische Besetzung des Gebietes, Hausdurchsuchungen, Prozesse, Druck, alle repressiven Elemente sind vor Ort spürbar. Bis zum Höhepunkt der Räumung des Waldes im letzten Monat, welches im Wegsperren zweier Menschen in Untersuchungshaft und im kontrollieren von zig verschiedenen Leuten mündete.

Zusammenkunft der Widerstandskommitees

Das repressive Aufgebot ist immer noch gross, auch ausserhalb des Wochenendes der Widerstandskommitees. Mehrere prefektorale Verbote wurden erlassen: ein komplettes Demonstrationsverbot während des Wochenendes mit dem Zusatz des Parkverbotes in den Gemeinden Bure und Mandres-en-Barrois. Vor Ort, in den Dörfern parkten permanent mehrere LKWs der Garde-Mobile (französische Bereitschaftspolizei), die alle Ankünfte und Abfahrten filmten und dokumentierten. Besonders auf der Höhe des Hauses des Widerstands. Während diesen zwei Tagen erschienen diese Gemeinden Menschenleer, ohne Einwohner. Nur ein nebenherexistieren von Bereitsschaftspolizei und Gegner_innen des Projekts in einer feindlichen Stimmung.

Am Samstag und Sonntag wurden Strassensperren mit der Genehmigung Fahrzeuge zu durchsuchen im weiten Umkreis der Zone errichtet. Einige kleine Wege blieben trotzdem immer zugänglich.

Das Klima ist das einer militärischen Besetzung.

Das alles verhinderte jedoch nicht die Zusammenkünfte, die seit langen geplant einen noch grösseren Sinn bekamen, mit dem Hintergrund der Räumung des Waldes Le-Juc (Bois-le-juc) 10 Tage vorher. Über 300 Menschen versammelten sich um über die Zukunft des Widerstandes zu diskutieren, und herauszufinden in welchem Mass der Wald zugänglich ist, bzw. die polizeiliche Stärke einzuschätzen ist.

Kommitees aus ganz Frankreich, Belgien und aus Deutschland waren anwesend. Die Ideen sind vielfältig. Eine der Prioritäten ist gemeinsame Aktivitäten im Gebiet zu entwickeln und den Widerstand zu verbreitern. Sozusagen aus Bure herauszukommen.

Die Gegner_innenschaft zum Projekt CIGÉO vervielfältigen, auf seine Rahmenbedingungen, gegen die die es vorrantreiben, ist ein Ziel. Dies eingefasst in verschiedene Achsen der Auseinandersetzung: Über das Projekt des Atomklos und seine Auswirkungen informieren, logistische Unterstützungen ausbauen (Kantinen, Baumaterialien, Hütten…), einen konstanten Druck auf die an der Realisierung dieses Projekts beteiligten Firmen ausüben. In gewisser Weise sich von der Kraft inspirieren lassen, welche die Anti-Flughafen-Bewegung in Notre-Dame-de-Landes ausgemacht hat.

Im Gebiet selbst versuchten sich verschiedene Initiativen dem Wald zu nähern.

Samstag Nachmittag versammelten sich die Leute vor Ort um einen Umzug in Richtung des Waldes zu machen mit dem Ziel einen Aussichtsturm auf einem Feld, welches von einem Bauern am Waldrand bereitgestellt wurde zu errichten. Der Aussichtsturm wurde als Bausatz von einem Teil des Umzugs mitgeführt, geschützt durch einen anderen Teil mit Schildern auf dem ein Foto Nicolas Hulots (französischer Journalist und Aktivist) zusehen ist der „Non“ zu dem Projekt CIGÉO sagt. Einige hundert Meter vor dem Wald versperrte ein Grossaufgebot der Polizei den Weg. Ein Wasserwerfer, ein Helikopter, hunderte von Garde-Mobile in einer Reihe, ein Fernsehteam der Polizei, viele verschiedene Polizeioffiziere und die behelmte Prefetin des Departements Meuse, die ihre Anweisungen durch ein Megafon schrie. Die Inzenierung war perfekt. Der Umzug wird auf dem Feld auseinander getrieben unter stetigem Beschuss von Tränengasgranaten. Vor der Härte und Grösse dieses Aufgebotes und der Unmöglichkeit dieses zu durchfliessen, im Hintergrund die Erinnerung an alle Verletzten vom letzten 15. August vermied der Umzug weitere Konfrontationen und zog sich zurück. Kollektive Intelligenz heisst manchmal eben auch sich nicht einfach bei vollem Bewusstsein von einer Übermacht niedermähen zu lassen.

Video: Was die Bilder der Bullen nicht zeigten - Demo vom 3 März

Sonntag Nachmittag, die zweite Auseinandersetzung. Um die 150 Menschen brachen zu einem Spaziergang auf, mit der Idee mobiler zu sein als einen Tag vorher und dem polizeilichen Aufgebot auszuweichen. Diesmal ohne einen Aussichtsturm transportieren zu müssen. Nach einem langen Weg über die Felder, einige hundert Meter vor dem Wald setzte eine Kompanie der Garde-Mobile den Umzug fest. Immernoch mit der gleichen Strategie: Reihen bilden und die Demonstranten mit Tränengasbeschuss vom Wald weg treiben. Nach einem kurzen Niederregnen, einigen kurzen sporadische Auseinandersetzungen, ein Versuch die Linien der Garde-Mobile, die weniger organisiert wirkte als die anderen zu druchfliessen. Die Verstärkung kommt, LKWs der Garde-Mobile, Motocrossmaschinen, Helikopter. Der Umzug wird bis an die Departementsstrasse zurückgedrängt. Dort ein kurzer Zugriff, ein Handgemenge, Menschen die verhaftet werden. Der Umzug zieht auf der Strasse zurück bis Mandres-en-Barrois, nah gefolgt von der Garde-Mobile. Am Eingang des Dorfes werden Barrikaden errichtet und Tränengasgranaten regnen in den Dorfkern. Die Luft ist verpestet in Mandres-en-Barrois.

Die Blauen sind überall.

Video: Zusammenstösse zwischen Anti-Atomkraftbewegung und den Kräften der Unordnung

Perspektiven.

In der kommenden Zeit wird sich alle Aufmerksamkeit auf die Widerbesetzung des Waldes konzentrieren. Das ist ein strategischer Ort im Rahmen des Projekts CIGÉO an dem das Lüftungssystem für die hochgiftigen Gase der Lagerkammern gebaut werden soll. Das Vorranschreiten dieser Arbeiten aufzuhalten heisst, konkret den Fortschritt des ganzen Projekts zu blockieren. Über die Wiederbesetzung des Waldes nachzudenken ist zielführend. Das heisst einen Weg zu finden dieses riesige Polizeiaufgebot zu durchfliessen und besonders wie wir im Wald bleiben können. Wie können wir ihn halten?

Aber das ist nicht der einzige strategische Punkt dieses Projekts um die Arbeiten aufzuhalten. Der Bau, bzw. die Wiederinbetriebnahme einer Eisenbahnstrecke für den Transport radioaktiver Abfälle zu dem Ort der Einlagerung ist ein weiterer wichtiger Teil des Projektes CIGÉO an welchem es möglich ist diesen zu unterbrechen. Die Lebens- und Organisationsorte existieren schon und sind entlang der möglichen Trasse angesiedelt. Der Boden welcher ANDRA gehört ist besetzt und wird bepflanzt.

Unterstützt konkret den Widerstand hier.

Zum Schluss. Es ist eine Demonstration für den 16. Juni in Bar-De-Luc gegen das Projekt CIGÉO vorgesehen. Es ist schon einige Jahre her, dass es eine grosse Demonstration gegen dieses Projekt in der Stadt gab, in der Prefektur des Departements Meuse, auf dem Boden Gérard Longuets (ehemaliger konservativer französischer Verteidigungsminister). Das letzte Mal fand eine Demonstration 2005 statt und versammelte mehr als 6000 Menschen. Wetten wir drauf, dass wir uns in dieser Zahl und mit der selben Entschlossenheit wiedersehen werden.
de.vmc.camp

P.S.

Übersetzt von lundi.am.

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