In den Bergen Kandils

Seit Monaten droht die Türkei mit einer Invasion Kandils und hat die Bombardements intensiviert. Während zwei Wochen waren wir - einige schweizer Internationalist*innen [1] - im Widerstandscamp der kurdischen Jugend. Ein Bericht.

Auf der Ladefläche eines Pick-Ups, die Köpfe nach unten geduckt, rasen wir über eine holprige Schotterpiste. Hinter uns verschwindet der letzte Checkpoint der Peshmerga [2], während sich vor uns das gewaltige Kandilgebirge erhebt. Die Berge im Grenzgebiet zwischen der KRG [3] und dem Iran sind seit Mitte der 1990er Jahre das strategische Zentrum der PKK. Die Bewegung konnte sich hier ein Gebiet erkämpfen, dessen bergige Beschaffenheit für den Guerillakrieg wie gemacht ist. Ruckartig bleibt das Fahrzeug stehen. Wir erblicken einen einfach zusammengezimmerten Sonnenschutz, daneben stehen zwei Guerillas der HPG [4]. Knapp zehntausend Kämpfer*innen befinden sich in den Gebirgen um uns herum. Sie führen einen Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Kurd*innen und für den Aufbau einer emanzipativen, basisdemokratischen Gesellschaft. Die PKK ist in Kandil nicht nur militärisch verankert. Zwischen den schroffen Hängen sammeln sich hie und da ein paar Lehmhäuser. In diesen Dörfern wurden Elemente des „Demokratischen Kommunalismus“ in der Praxis erprobt – lange bevor sie in Rojava im grossen Massstab zur Anwendung kamen.

Sehnsucht und Widerspruch
Es geht weiter, höher steigt die Strasse, dringt ein in das Herzen jener Bewegung, die in Europa Gegenstand revolutionärer Sehnsüchte ist. Eine Bewegung, welche seit 1978 besteht und seit über drei Jahrzehnten einen bewaffneten Konflikt mit der zweitgrössten Nato Armee führt. Eine Bewegung, welche viel Kraft aus der Jugend und der Frauenbefreiung schöpft und deren umfassende gesellschaftliche Verankerung unseren isolierten Kämpfen in Europa Inspiration und eine Perspektive bietet. Euphorisch lachen wir dem heissen Fahrtwind und der grellen Sonne entgegen, endlich sind wir hier. Von einem vorbeiziehenden Hügel blickt ein riesiges Porträt Abdullah Öcalans auf uns herab. Der Führerkult ist überall zu spüren: Ein einzelner Mann als Symbol für die organisierte Erhebung einer seit unzähligen Generationen verfolgten und unterdrückten Bevölkerung. In der nächsten Zeit stossen wir immer wieder auf Widersprüche und erleben befremdliche Momente. Das wollen wir weder ignorieren noch soll es uns blockieren. Wir sind mit grossem Interesse gekommen, haben aber auch eigene politische Positionen.

Im zivilen Widerstandscamp der Jugend
Als wir von der Ladefläche steigen, stehen gut zwei Dutzend kurdische Jugendliche bereit, um uns zu begrüssen. Lachend schütteln wir einander die Hände. Wir sind im Widerstandscamp der kurdischen Jugend von Başûr [5] angekommen, wo wir zwei Wochen bleiben werden. Das Camp, das seit dem 8. Juni besteht, versucht die Jugend Başûrs zu mobilisieren, eine internationale Öffentlichkeit für die Situation in Kandil zu schaffen und die Zivilbevölkerung, sowie die Kämpfer*innen vor Ort moralisch zu unterstützen. Wir blicken auf gelbgebrannte Distelwiesen, schattenspendende Baumgruppen und ein paar Zelte. Letztere sind mit einiger Entfernung zueinander platziert. Streuung ist eine wichtige Massnahme, um im Falle von Luftschlägen, möglichst wenig Menschenleben auf einmal zu verlieren.

Dass die türkischen Kampfjets das Jugendcamp ins Visier nehmen, halten die meisten zwar für unwahrscheinlich, aber im Krieg gegen ein faschistisches Regime gibt es eben auch keine Garantien.

Einige Jugendliche hier kommen aus kurdischen Dörfern im Iran, die meisten sind jedoch in den Städten Başûrs aufgewachsen. Als Daesh 2014 die kurdischen Gebiete im Nordirak angriff, gingen hunderte Jugendliche in die Berge, um sich militärisch von der PKK ausbilden zu lassen. Nachdem sie sich an der Zurückdrängung von Daesh beteiligt hatten, schlossen sich viele der Bewegung an und kämpften später in Afrin. Einige von ihnen sind nun hier, als Teil des zivilen Widerstands. In Gesprächen erzählen sie uns von den schwierigen Bedingungen der politischen Arbeit der Jugend in der KRG. Trotz dem - vor allem in der Jugend vorhandenen - Respekt gegenüber der militärischen Schlagkraft der PKK, konnte sich die Bewegung in Başûr bisher kaum verankern. Ein offenes Auftreten ist aufgrund der Repression nicht möglich. Die Jugend arbeitet in klandestinen oder halb legalen Strukturen. Über Bildungsarbeit an Universitäten und Schulen, Sport- Musik- und kulturellen Aktivitäten, versuchen die Strukturen mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen und ihnen die Ideen der Bewegung näher zu bringen. In diesen Gesprächen schimmert immer wieder die Wut über die Regierung Barzanis [6] durch, in welchem sie einen Handlanger Erdogans sehen.

Die kurdischen Freunde Erdogans
Barzanis Nähe zur Türkei ist durch die ökonomische Abhängigkeit erklärbar und durch militärische sowie politische Kollaboration sichtbar. Die KRG dient als Öllieferant, türkische Firmen investieren und produzieren in der Republik, 70% des in der KRG erwirtschafteten Gewinnes fliesst in die Türkei ab. Eine nationale Elite profitiert von der Zusammenarbeit mit der Türkei, und erkauft sich mit Anstellungen im Staatssektor die Loyalität von Teilen der Bevölkerung. Auch militärisch arbeitet Barzani eng mit der Türkei zusammen. Neben geheimen türkischen Strukturen befinden sich offiziell zwanzig türkische Militärbasen in der KRG.

Seit die kurdische Bewegung in Kandil präsent ist, kommt es regelmässig zu militärischen Auseinandersetzungen mit den Peschmergas, dem iranischen Militär und vor allem dem türkischen Staat. Die Türkei greift seit Jahren (vermeintliche) Guerillastellungen und Dörfer an. Der Tod von Zivilist*innen wird dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern ist Teil einer Strategie, die Angst und Entsolidarisierung in der Zivilbevölkerung hervorrufen soll. Während dem Wahlkampf im Frühling verkündete Erdogan wiederholt, dass die türkische Armee Kandil in Kürze einnehmen werde. Angriffe durch die Luftwaffe haben sich seither intensiviert. Überwachungsdrohnen überfliegen das Gebiet permanent. Fast täglich fliegen die Kampfjets aus dem Norden der Türkei ab und bombardieren Kandil. Meist landen die Geschosse auf Bergkuppen – immer wieder werden aber auch Dörfer zur Zielscheibe.
In einem öffentlichen Auftritt bezeichnet Barzani die PKK als „Besatzungstruppe“ und lud die Türkei damit indirekt zu einer Invasion ein. Doch die türkische Armee befindet sich noch rund hundert Kilometer von Kandil entfernt – hundert Kilometer Gebirge, das mit Fahrzeugen nicht passierbar ist und in dem sich tausende ortskundige Guerillas aufhalten.

Campalltag...
Gemeinsam kochen, diskutieren und spielen sind die Kernaktivitäten unseres Camp-Alltags. Die kurdischen Jugendlichen haben ihre Familien und ihr bisheriges Leben zurückgelassen, um sich voll und ganz dem Kampf für die Bewegung zu widmen.

In einem Gespräch sagt uns ein kurdischer Freund, dass für ihn die Bewegung die Familie, die Freund*innen, die Liebe sei – und zwar alles in einem.

Genossenschaftliches Verhalten prägen das Zusammenleben. Respekt und Zuneigung füreinander gehen dabei mit einer fordernden Haltung einher. Der Kampf um Befreiung setzt auch bei zwischenmenschlichen Beziehungen und der Entwicklung der Persönlichkeit an. Dabei wird Kritik an problematischen Verhaltensweisen geübt und kollektiv nach Lösungen gesucht.

Während unserer nächsten Tage im Camp kommen immer wieder widersprüchliche Gefühle auf. Angesichts der Wichtigkeit, welche die Frauenbefreiung in der Bewegung hat, irritierte uns Frauen* die eigens erfahrenen Diskriminierungen im Camp besonders. Dies zeigt sich vor allem in einem eingeschränkten Handlungsspielraum auf Grund des Geschlechts: Frauen* haben keine Möglichkeit im Camp zu duschen, im Fluss zu schwimmen oder sich im kühlen Raum der Moschee auszuruhen. Wir suchten nicht das Gespräch mit den kurdischen Frauen im Camp, sondern äusserten unsere Kritik direkt gegenüber dem männlichen Campverantwortlichen. Rückblickend müssen wir festhalten, dass wir uns damit über die lokalen Frauenstrukturen und ihre Kämpfe hinwegsetzten.
Patriarchale Strukturen prägten die oben beschriebenen Szenarien und müssen kritisiert werden. Die kurdische Bewegung arbeitet jedoch bewusst im Spannungsfeld zwischen einer patriarchal geprägten Gesellschaft und ihren eigenen Werten und Zielen. Eine solcher Ansatz erfordert Kompromissbereitschaft und viel Geduld, ermöglicht aber auch Veränderungen in und mit der Gesellschaft.

Ein weiterer Auslöser widersprüchlicher Gefühle war die Form der politischen Kampagne des Jugendcamps, welche unter dem Namen „lebende Schutzschilde“ geführt wurde. Aus unserer Perspektive weckt der Titel befremdliche Assoziationen: Der eigene Körper wird passiv den Bomben entgegengesetzt - unbeteiligte Menschen für politische Ziele instrumentalisiert. Doch auch wenn das Camp natürlich politischen Zielen dient, liegt ihm weder Passivität noch Instrumentalisierung zugrunde. Als taktisch eingesetzte Form ist das Camp eingebettet in eine umfassende Strategie zur Verteidigung des Kandilgebirges. In diesem Kontext sind Widerstandsformen, die isoliert betrachtet als passiv erscheinen, ein aktiver Teil des revolutionären Prozesses. Dies zeigt sich auch durch die Verschmelzung des militärischen mit dem zivilen Zweig. Viele der Jugendlichen haben bereits militärische Erfahrungen gesammelt und sich nun bewusst dem unbewaffneten Teil des Widerstandes angeschlossen. Dabei werden individuelle Bedürfnisse oder Wünsche dem Gesamtprojekt untergeordnet. Dies geschieht durch eine kollektivere Auffassung von Emanzipation, als wir sie aus unserem Kontext kennen. Es geht nicht darum, die individuelle Handlungsfähigkeit in den Vordergrund zu rücken, sondern vielmehr das eigene Handeln in Abstimmung mit einem kollektiven Kampf zu verstehen. Da dieser Kampf die Form eines Krieges - mit über zehntausend Gefallenen - hat, ist diese Unterordnung mit einer starken Opferbereitschaft verbunden. Disziplin und Märtyertum sind in diesem Licht nachvollziehbar, auch wenn sie mit problematischen Aspekten einhergehen. Individuelle Entfaltung und kollektive Befreiung bedingen sich gegenseitig und sind in in einem revolutionären Prozess gleich wichtig. Im Konkreten – und unter oben genannten Bedingungen – bedeutet dies aber einen enorm schwierigen Aushandlungsprozess, der zum Teil wunderschöne Selbstermächtigung, zum Teil religiös anmutende Loyalität hervorbringt.

...und Kriegsrealität
Mit dem ersten Bombenalarm und dem Geräusch der türkischen Kampfjets, wird der Krieg von einer surrealen Bedrohung plötzlich zu einer konkreten Gefahr. Wir kauern in kleinen Gruppen unter Bäumen und können das Blinken der Flugzeuge am Himmel sehen. Angst vermischt sich mit einem Gefühl der Wut angesichts der eigenen Handlungsunfähigkeit. Die kurdischen Freund*innen wirken gelassen, manche singen leise vor sich hin oder machen Witze. Gemeinsam warten wir darauf was passieren wird. Heute Nacht treffen die Bomben niemanden.
Am nächsten Tag erfolgt erneut ein Bombenalarm. Dieses Mal kommt die Warnung spät, das Haus in dem wir uns befinden zittert, der Knall ist extrem laut. Wir schrecken auf und verlassen langsam in Kleingruppen das Haus, laufen die Strassen entlang und knien uns neben eine Hauswand. Schon hören wir den zweiten Einschlag und sehen eine Rauchwolke auf einem nahe gelegenen Hügel emporsteigen. Dieses Mal warten wir länger – mindestens eine Stunde - gemächlich kriecht eine Schildkröte an uns vorbei. Andere Dorfbewohner*innen kommen zu uns, verteilen Wasser und Gebäck. Für sie sind die Bomben eine alltägliche Realität.

Die Reise nach Kurdistan anzutreten sehen wir als Teil einer internationalistischen Praxis.

Die Hauptintention ist, neben der praktischen Solidarität, die Möglichkeit wahrzunehmen, einen Einblick in die kurdische Bewegung zu gewinnen und von ihr zu lernen. Bei aller Kritik, bei allen Widersprüchen, muss der kurdischen Freiheitsbewegung attestiert werden, die derzeit grösste revolutionäre Kraft zu sein. Sie überlebte den Zusammenbruch des Realsozialismus, während weltweit viele andere vereinnahmt oder zerschlagen wurden. In den darauffolgenden Jahren, in welchen sich das kapitalistische System als eine scheinbare Alternativlosigkeit manifestierte, schaffte es die PKK, sich weiterzuentwickeln und gesellschaftlich so zu verankern, dass sie rein militärisch nicht mehr zu besiegen ist.

Die PKK hat hierbei Analysen und Methoden entwickelt, die dem spezifischen Kontext Kurdistans entsprechen und sich nicht schablonenartig auf Europa übertragen lassen. Niemand kann uns die Arbeit abnehmen in einem kontinuierlichen Prozess eigene Erfahrungen auszuwerten und Methoden und Strukturen zu entwickeln, die unseren eigenen Bedingungen entsprechen. Nichtsdestotrotz können uns viele Aspekte der kurdischen Bewegung für eine revolutionäre Praxis in Europa helfen: Seien es die Ernsthaftigkeit und die Langatmigkeit in der praktischen Umsetzung der eigenen Ideen, die konsequente Arbeit an sich Selbst oder die Genossenschaftlichkeit als elementaren Bestandteil des Kampfes.

Von Kandil über Rojava bis nach Europa – Der Kampf für Befreiung ist international!

P.S.

Fussnoten
[1] Gender*: Wir verwenden ein *, da die Kategorien „Frau / Mann“ sozial konstruiert sind und Binaritäten reproduzieren. Im Bezug auf die kurdische Bewegung übernehmen wir jedoch ihre Schreibweise von Mann und Frau.
[2] Peshmerga bezeichnet die Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistans. Sie waren an zahlreichen Aufständen gegen Saddam Hussein beteiligt und seit Jahrzehnten immer wieder in bewaffnete Konflikte mit der PKK involviert.
[3] Die Autonome Region Kurdistans (KRG) liegt im Nordirak und grenzt an Syrien, Iran und die Türkei und verfügt über staatliche Verwaltungsapparate.
[4] Die Volksverteidigungskräfte (HPG) bezeichnet den militärischen Arm der PKK.
[5] Başûr (kurdisch: Süden) bezeichnet die kurdischen Gebiete auf irakischem Staatsgebiet.
[6] Masud Barzani war von 2005-2017 Präsident der KRG. Heute ist sein Neffe Nêçîrvan Barzani Staatsoberhaupt