Internationalismus, Arroganz und Projektion

Im re:volt magazine gibt es eine Debatte über Internationalismus und die (deutsche) Linke mit Rojava als Bezugspunkt. Es geht um Fragen der kritischen Solidarität im Internationalismus, was die kurdische Befreiungsbewegung sei und was nicht, um unreflektierte Privilegien und Massstäbe im Internationalismus und vieles mehr.

Ausgangspunkt der Debatte ist der Artikel Tötet die Projektionsflächen in eurem Kopf! des re:volt magazine-Redakteurs Geronimo Marulanda. Dieser wurde mit der Replik Tötet den Metropolenchauvinismus in eurem Kopf! vom kurdischen Aktivisten Erdal Firaz beantwortet. Woraufhin Marulanda mit dem Beitrag Metropolenchauvinismus und Projektion reagierte.

Nachfolgend ein Auszug aus Marulandas letztem Beitrag:

Voraussetzungen eines seriösen Internationalismus

Internationalismus steht zweifelsohne immer in der Gefahr, in die Falle von Metropolenchauvinismus oder Projektionsfläche zu geraten. Da ist die Schwierigkeit der Sprache, die Entfernung, die oftmals fremde politische Kultur, oft kann die Region nicht aufgesucht, sich ein eigenes Bild nicht erarbeitet werden. Dennoch gibt es die Möglichkeit, eine seriöse Perspektive und Praxis zu entwickeln. Das würde jedoch für den oder die AktivistIn bedeuten:

1) Von Bewegungen in nicht-europäischen Ländern nicht zu erwarten, dass sie eine Politik durchführen können oder wollen, die nach europäischen oder deutschen Maßstäben funktioniert. Das heißt, die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Koordinaten des jeweiligen Landes kennen zu lernen und das Programm beziehungsweise die Praxis einer Bewegung an diesen und nicht an den hiesigen zu messen.

2) Positionen und Haltungen der Bewegungen solidarisch aufzunehmen und zu unterstützen, gleichzeitig aber nicht unkritisch zu glorifizieren, sondern gemessen an den Maßstäben des Landes kritisch-solidarisch zu begleiten. [1]

3) Die internationalistische Praxis nicht als einseitigen Lernprozess aufzufassen – nach dem Motto „Was können wir von dort lernen?“ – , sondern als gegenseitigen Austausch und Lernprozess, der in der gegenseitigen Stärkung von sozialen Bewegungen in beiden Ländern mündet. In diesem Prozess wird nicht nur aufgenommen, sondern auch vermittelt.

4) Das im eigenen politischen Kontext nicht vorfindbare revolutionäre Element nicht woanders finden zu wollen, sondern alles daran zu setzen, die Voraussetzung für revolutionäre Politik in Deutschland auch in Deutschland zu schaffen. Die Praxis kann dabei durchaus von anderen Bewegungen inspiriert sein, wenngleich sie aufgrund der Ungleichzeitigkeit globaler gesellschaftlicher Prozesse nie dieselbe Form annehmen wird.

Anmerkungen

[1Besonders zynisch empfand ich in diesem Zusammenhang die Glorifizierung von (häufig minderjährigen) YPJ-Kämpferinnen. Die Tatsache, dass junge Frauen sich, um sich überhaupt noch gegen die endgültige Degradierung zum Objekt wehren zu können, bewaffnen müssen, ist nichts, was zu glorifizieren wäre.