Internationalismus und Stadtguerilla

Im Rahmen einer selbstorganisierten Seminarreihe „Internationalismus und die Geschichte der Stadtguerilla“, sprach Nuce Ciwan, die kurdischen Jugendnachrichten, mit Teilnehmenden über ihre Perspektive auf die Geschichte bewaffneter Kämpfe in der BRD.

Warum setzt ihr euch, so viele Jahre nach dem Ende der bewaffneten Gruppen in der BRD noch mit dem Thema auseinander? Warum denkt ihr ist das Heute noch wichtig?

Ganz allgemein können wir sagen, dass wir die Geschichte kennen und verstehen müssen um die Gegenwart zu verstehen. Wie sind wir als radikale Linke an den Punkt gekommen, an dem wir Heute stehen? Wie verliefen Kämpfe und Diskussionen in der Vergangenheit? Und nur wenn wir die Gegenwart richtig verstehen, weil wir die Vergangenheit richtig verstanden haben, können wir eine Perspektive für die Zukunft erschaffen. Und das sollte ja das grundlegende Ziel einer emanzipatorischen Politik sein.

Die Zeit der 68er Revolten, die sich daraus entwickelnden Bewegungen und eben auch die bewaffneten Gruppen, waren ein zentrales Moment gesellschaftlicher Umbrüche in der jüngeren Geschicht und besonders prägend auch für die Geschichte der BRD. Daher ist es immer wieder wichtig sich mit dieser Zeit auseinander zu setzen. Wir können die 68er Bewegung als die erste globale Bewegung verstehen, in welcher die Jugend mit ihrer Identität das Jugend bewusst aufgetreten ist. Und diese jugendliche Energie, der Wille zur grundsätzlichen Veränderung, das Einreisen der konservativen Mauern in der Gesellschaft und der gemeinsame Kampfes mit den weltweiten Befreiungsbewegungen, drückte sich auch in der Entstehung der Stadtguerilla aus. Die Beschäftigung mit den bewaffneten Gruppen führen wir nicht allein aus dem Grund, das sie bewaffnet waren, sondern weil sie eine Perspektive für eine Revolution in den Metropolen mit den Kämpfen der Befreiungsbewegungen verband. Das ist das spannende an ihnen.

Aber was wir über diese Zeit und die Entstehung der bewaffneten Gruppen und ihre Politik aus den Medien, Schulbüchern oder von unseren Eltern lernen, ist stark beeinflusst von der Antipropagande des Staates. Demnach sind die Menschen, welche sich gegen diesen Staat und die Verhältnisse bewaffnet haben, einfach nur Terroristen und ihnen wurde und wird eine politische Haltung abgesprochen. Es bleibt also wichtig, dass wir uns unsere Geschichte immer wieder selbst aneignen. Und das zählt besonders für uns als jüngere Generation, die diese Zeit nur noch aus dem Erzählten her kennt. Denn auch die Stadtguerilla, trotz Fehler und Widersprüche, ist Teil von unserer Geschichte als radikale Linke.

Kannst du für uns kurz wiedergeben, was ihr in dem Seminar besprochen habt? Um was ging es euch? Was waren eure Fragen an diese Zeit und die Bewegungen?

Also wir haben uns in diesem Seminar explizit auf die Bewegung 2. Juni, die Revolutionär Zellen und die Rote Zora konzentriert. Dabei haben wir versucht ein wenig die Entstehung dieser Gruppen einzuordnen, auf ihre wichtigsten Merkmale einzugehen und auf die Punkte, an denen ihre Politik nicht mehr aufgegangen ist. Einige Fragen dabei waren für uns, wie sich ihr Verhältnis zur radikalen Linken und allgemein zur Gesellschaft gestaltet hat? Wie waren ihre organisatorischen Strukturen? Wie haben sie die lokalen Kämpfe um die soziale Frage in der BRD verbunden mit einem starken Internationalismus? Und eine wichtige Frage die wir uns selbst stellen musst war, welche Bedeutung die Gefallen dieser Bewegungen eigentlich für uns haben? Kennen wir noch ihre Biographien, Kämpfe, Hoffnungen, Wünsche? Wie stellen wir uns selbst in ein Verhältnis zu diesen, jenseits von einer gemütlichen theoretischen Diskutieren im Seminar im Trockenen? Also konkret in unserem Alltag, in unseren Kämpfen, im Handgemenge linker Praxis und Theorie?

Willst du ein paar dieser aufgeworfenen Fragen für uns beantworten?

Also ohne in die Tiefe zu gehen können wir sagen, dass die Entstehung der Bewegung 2. Juni und der RZ, direkt mit anderen internationalen Kämpfen verbunden war. Das sehen wir schon an den ersten Aktionen dieser Gruppen. Der erste Anschlag der Bewegung 2. Juni richtete sich gegen einen britischen Yach-Club, als Reaktion auf das Massaker des „Blutigen Sonntag“ in Durry, Irland am 30.1.1972. Und die erste Aktion der RZ war gegen die Firma ITT im November 1973, da sie in den Putsch in Chile gegen die sozialistische Regierung von Allende verwickelt war. Aus den RZ ist dann im Laufe der Jahre eine eigenständige Frauenorganisation entstanden. Erste Aktionen von „Frauen der Roten Zora“ gab es bereist 1975, aber als eigene Organisation trat sie erst 9 Jahre später auf. Der Grund für diese Entscheidung der Frauen in den RZ war geprägt durch die Ignoranz der Männer gegenüber feministischen Themen sowohl im Umgang untereinander, als auch in den Punkten der Ausrichtung der Politik der RZ, den Zielen, Methoden und theoretischen Basis. Trotzdem fand immer ein sehr enger Austausch zwischen der Roten Zora und den RZs statt. Es wurden gemeinsam Aktionen gemacht und Erklärungen veröffentlicht. Die Erfahrungen der Roten Zora sind für uns besonders wichtig. Denn in den Diskussionen im Seminar ist deutlich geworden, dass die Frage wie gemeinsame Organisierung von verschiedenen Identitäten und den damit verbundenen Realitäten von Unterdrückung aussehen kann, immer noch nicht gut beantwortet wurde. Und dabei ist immer noch zu beobachten, dass eben feministische Themen oftmals ein Randthema bleiben und nicht zur Grundlage der Politik gemacht werden.

Was für ein Verständnis internationalistischer Kämpfe lag diesen Aktionen zu Grunde? Und was hat die Rote Zora vielleicht anders gemacht?

Wir können da natürlich nur einzelne Schlaglichter aufzeigen. Die Verständnisse waren zum Teil unterschiedlich und haben sich auch im Laufe der Kämpfe und den Erfahrungen verändert. Was für uns aber in diesem Zusammenhang wichtig war, war die grundsätzliche Herangehensweise z.B. der Bewegung 2. Juni, die lokalen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in einem internationalen Kontext zu sehen und auf dieser Grundlage die eigenen Kämpfe zu bestimmen. Internationalismus ist also nicht etwas, was sich nur mit anderen Bewegungen beschäftigt, sondern vielmehr das Bewusstsein über die Verbundenheit der Kämpfe und die strategische Ausrichtung auf dieser Grundlage. Die Aktionen des 2. Juni hatten immer auch zum Ziel gehabt, die Staaten im Westen in konkrete Konflikte zu verwickeln, so das andere Bewegungen mehr Luft zum Atmen, mehr Raum für die Entwicklung revolutionärer Projekte haben. Die RZ hat mal gesagt, dass soziale Kämpfe z.B. in der BRD, wenn sie nicht immer in einen antiimperialistischen Kontext gestellt werden Gefahr laufen, neokoloniale Verhältnisse, so wie Denk- und Handlungsweise reproduzieren. Ein Beispiel wäre, dass eine nationale Arbeiter*innenklasse auf Kosten noch stärkerer Ausbeutung von z.B. Arbeit*innen der s.g. Dritten Welt befriedet werden kann, stellt sie ihren Kampf nicht in einen antiimperialistischen Kontext. Eine weitere Linie der RZ- Strategie war es, wie wir sie auch in der RAF und der Bewegung 2. Juni finden, eine zweite Front im „ruhigen Hinterland“ gegen den Imperialismus zu eröffnen.

Die wohl bekanntesten Anschläge der Roten Zora waren auf die Bekleidungsfirma Adler. Die Rote Zora folgte in diesen Aktionen einem direkten Aufruf von Arbeiterinnen in den Fabriken von Adler in Südkorea. In diesem Internationalismus ging es direkt um die kämpfenden, arbeitenden Frauen, in Verbindung mit den Themen Sexismus und Rassismus. Die Perspektive war es, Kämpfe von der Basis ausgehend mit einander zu verknüpfen.

Neben den Fragen von Organisationsstrukturen, habt ihr auch die Frage an euch selbst gestellt, welche Bedeutung die Kämpfe und die Gefallenen dieser Kämpfe für euch haben. Gerade dazu würden wir gerne wissen, was da eure Diskussion ergeben hat. Denn, die radikale Linke hat es schwer Anknüpfungspunkte in der Vergangenheit und einen Umgang mit ihren Gefallenen zu finden

Das Stimmt. Das hat zum einen mit der Antipropaganda direkt gegen die Menschen im bewaffneten Kampf zu tun, denken wir nur daran wie z.B. Ulrike Meinhoff vom Staat als „kranke“ Persönlichkeit mit einem gestörten Verhältnis zu den anderen der RAF dargestellt wurde. Aber die Schwierigkeit einen Umgang mit den Gefallenen zu entwickeln ist auch ein Ergebnis der Realität unserer Kämpfe, die eben für viele Jahre weit weg waren von der Realität des bewaffneten Kampfes. Eine emotionale Verbindung mit gefallenen Genoss*innen zu spüren die wir selbst nicht kannten, die auch von den Formen des Kampfes weit weg von uns waren, ist das schwer und fühlt sich auch nicht nach etwas Notwendigem an. Aber das verändert sich gerade, da es wieder Teil unserer politischen Realität wird, dass Menschen im bewaffneten Kampf ihr leben geben. Ich denke dabei gerade an Genossinnen wie Avaşin Tekoşin Güneş (Ivana Hoffman), Helen Qerecox (Anna Campell), Dilsoz Bahar (Kevin Jochim), oder Şahîn Qerecox (Farid Medjahed), die in Rojava gegen Daish und gegen die NATO Armee der faschistischen Türkei gekämpft haben. Und aus dieser Realität, dass Genoss*innen die vor kurzer Zeit noch in „NoBorder“ Protesten oder dem Hambacher Forst an unserer Seite gestanden haben, nun gefallen sind, macht diese Frage des Gedenkens zu etwas ganz realem. Wie kann ich meinem Gefühl der Trauer, der Wut einen Ausdruck geben? Wie kann ich in meinem Kampf, den Kampf dieser Genoss*innen weiter führen und ihre Wünsche erfüllen? Und durch das Erfahren dieser Realität, entsteht auch eine stärkere Verbindung zu Gefallenen uns voraus gegangener Kämpfe. Ich denke das konnten wir auch an dem diesjährigen Gedenken an Andrea Wolf sehen, welche in den Bergen Kurdistans als PKK Kämpferin gefallen ist.

Du sprichst Rojava und die kurdische Bewegung an. Auf welche Verbindungen zur kurdischen Bewegung seit ihr in eurem Rückblicken auf die Stadtguerilla gestoßen?

Also es gab eine Reihe von Aktionen, welche von er Stadtguerilla auch direkt in Solidarität mit der kurdischen Bewegung, bzw. gegen die Verbindung der BRD zur Türkei, durchgeführt wurden. So z.B. der letzte Anschlag der Roten Zora auf die Werft der Firma Lürssen bei Bremen. Lürssen war aktiv in Waffengeschäften mit dem türkischen Staat und liefert übrigens noch Heute Waffen in Kriegsregionen. Aber auch Unternehmen wie MAN, wurden immer wieder von den Revolutionären Zellen zum Ziel von Aktionen, auch aufgrund ihrer Waffenexporte in die Türkei. Wenn es um die Bezugnahme auf den Kampf der Kurd*innen und der PKK und die Verbindungen zur deutschen Politik geht, dann muss natürlich die Aktion des “K.O.M.I.T.E.E.S.” genannt werden. Sie verübten am 27.10.1994 einen Anschlag auf die Bundeswehr und thematisierten dabei die Bedeutung der Türkei für die NATO-Strategien und die besondere Rolle der BRD dabei, was Waffenlieferungen und Ausbildung von türkischem Militär und Polizei betraf.

Auch wenn es natürlich viele Unterschiede gibt, muss ich in diesem Zusammenhang an die Kampagne Fight4Afrin denken. Auch in dieser wurden mit militanten Aktionen die Waffenfirmen in der BRD und Banken, welche an diesen Geschäften beteiligt sind, angegriffen. War das ein Thema im Seminar?

Zum Teil. Wir haben das so interpretiert: In der Zeit des Höhepunkts des Krieges in Afrin, sind einige Aspekte zusammengekommen, welche das besondere dieses Moments ausgemacht haben. Zum einen gab es die Bilder der deutschen Panzer in Afrin, gleichzeitig die uneingeschränkte Unterstützung der Türkei durch die BRD und dann einen starken gesellschaftlichen Reflex gegen diese Politik, welcher zu großen Demonstrationen und Protest geführt hat. Und das Ganze im Zusammenhang der kurdischen Befreiungsbewegung, welche eine sozialistische Perspektive für das 21. Jahrhundert aufmacht und zwar nicht nur für ihren antikolonialen Befreiungskampf, sondern als Projekt einer weltweiten Bewegung. Das alles zusammen erinnerte viele im Seminar an die Konstellation gesellschaftlicher und politischer Begebenheiten, aus welchen sich die Stadtguerilla entwickelte, auch wenn es natürlich sehr viele Unterschiede gibt, gerade was die allgemeine Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft betrifft.

Wie geht eure Bearbeitung des Themas weiter? Mit was wollt ihr euch noch beschäftigen und was erwartet ihr langfristig von einer solchen Auseinandersetzung?

Im gesamten Rahmen der Seminarreihe wollen wir uns nicht nur mit der Geschichte bewaffneter Kämpfe in der BRD beschäftigen, sondern auch mit anderen Gruppen, wie der Action Directe in Frankreich, oder der Roten Brigade in Italien. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von Gruppen deren Namen wir vielleicht schon mal am Rande gehört haben, mit denen es sich lohnt auseinander zu setzen. Zum Beispiel mit den Comandos Autónomos Anticapitalistas, den Antikapitalistischen Autonomen Kommandos, welche neben der ETA im Baskenland Aktionen durchführten. Oder die Bretonische Befreiungsfront. Wir denken, dass wir noch einiges von diesen Gruppen lernen können und das die Auseinandersetzung mit ihnen wichtig ist. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Entwicklung einer revolutionären Perspektive für die kapitalistischen Zentren und das Wiederbeleben eines Internationalismus, der auf die heutigen Herausforderungen Antworten geben kann. Dabei ist es wichtig, dass wir uns nicht nur auf ihre ideologischen Annäherungen und Organisationsformen konzentrieren, sondern die persönlichen Geschichten verstehen und nachempfinden. Wie haben diese Gruppen einen solch starken Willen zum revolutionären Kampf entwickelt und was waren die Werte, nach welchen sie ihre Politik bestimmten? Es sind also noch viele Fragen offen, welche wir versuchen wollen zu beantworten.

Das Interview ist zuerst auf der Seite von Nuce Ciwan erschienen.