Kundgebung am Bahnhof Luzern

Am Mittwochmittag haben 25 Personen gegen rassistische Fasnachtssujets am Bahnhof Luzern demonstriert. Dabei wurde mit Flyern, Wurfblättern und einer Rede auf die diskriminierenden Masken und Figuren aufmerksam gemacht. Die dort gehaltene Rede ist wird hier publiziert.

„Party tagelang, Musik auf den Strassen, adee Winter hallo Frühling. Es ist Fasnacht in Luzern. Wie jedes Jahr hangen hier in der Bahnhofshalle Objekte zu einem Thema, gemacht von verschiedenen Gugge-Musiken.

Ich interessiere mich für Gestaltung, ich habe gerne originelle Kostüme und betrachte deshalb auch immer die Objekte, die an Fasnacht hier im Bahnhof aufgehängt werden. Zwei der Objekte hier über uns irritieren mich aber sehr. Thema Kulturreise. Und in einem Koffer ein Gesicht mit groben Zügen, dunkler Hautfarbe, grossen Zähnen und Lippen und bösem, komischem Blick. Ein anderes Objekt, eine Figur, ebenfalls mit dunkler Hautfarbe. Anstatt einem Gesicht steht nur ein Wort: Urtrieb.

Einen Moment zweifle ich an mir selbst: habe ich einfach keinen Humor? Aber dieser Moment ist nur sehr kurz. Ich mag nicht die humorvollste Person sein, aber dass ich diese Sujets nicht lustig finde, hat damit wenig zu tun. Denn was ist lustig daran, Personen grotesk und wüst darzustellen, die stellvertretend sind für jene Leute, die in unserer Gesellschaft eh schon diskriminiert werden? Was ist lustig daran, Personen mit dunkler Hautfarbe nicht als Menschen darzustellen, sondern als Symbol für dumm, wild, böse, triebgesteuert? Falls Leute das lustig finden, dann masse ich mir die Defintionsmacht an und kläre sie gerne über dieses kollektive Missverständnis auf: Das ist nicht lustig. Es ist rassistisch. Und Rassismus ist nie ein Witz.

Ach, völlige Überreaktion, die linken Spassbremsen nerven wieder mit ihrem Anspruch an soziale Gerechtigkeit. Ja! Hey ihr Leute, die euch nervt über uns Mühsame, hey ihr SBB, die diese Objekte noch nicht entfernt haben, ihr (Un)Ordnungs-hüter*innen, die schon darauf warten, uns vom Platz zu weisen, hey ihr Traditionsfreudigen, ihr Fasnacht-Fans, ihr Kreativen und begeisterten Bastlerinnen! Tausende Menschen sehen diese Objekte, wie sie da über uns schweben und ihre Geschichte erzählen! Wir haben alle eine Verantwortung, mit solchen Bildern umzugehen. Die Bilder in unseren Köpfen, die geprägt und eingebrannt sind von der kolonialen, unterdrückerischen und ausbeuterischen Geschichte des globalen Westens müssen neu gezeichnet werden! Reproduktion dieser Bilder bringt mit sich, dass Leute auch weiterhin auf ihre Hautfarbe reduziert werden, dass die Polizei weiterhin Kontrollen durchführt, nur weil Leute „ausländisch“ aussehen. Leute bekommen weiterhin keinen Job wegen ihrer Hautfarbe oder ihrem Namen. Leute schämen sich weiterhin für ihre Herkunft, oder müssen sich rechtfertigen, weil sie als „anders“ kategorisiert werden. Leute werden weiterhin gefragt, was denn ihre „Wurzeln“ seien.

Nachdenken über Rassismus heisst immer auch Nachdenken über die eigene Position im Leben und auf der Welt. Das ist nicht immer einfach, es gibt keine einfachen Antworten. Reflexion ist manchmal unbequem, vor allem wenn es um die eigenen Privilegien geht.

Fasnacht als Möglichkeit, sich lustig zu machen, könnte aber eine solche Chance sein. Warum nicht Selbstverständlichkeiten und gesellschaftlichen Positionen hinterfragen? Warum sich nicht über Leute lustig machen, die oben stehen an den Machtstrukturen? Die Profiteur*innen? Die Unterdrücker*innen? Warum nicht kritisch hinterfragen, anstatt plump reproduzieren? Warum nicht kreativ provozieren, statt hämisch rum zu trampeln?

Wenn ich diese Objekte anschaue, dann sehe ich die viele Arbeit, den Aufwand, die Ambitionen der Gruppen, die sie gemacht haben. Ich bin überzeugt, dass Fasnacht kreativ, fantasievoll, provokativ und lustig ist. Und zwar ohne diskriminierend zu sein.“

———————

Anmerkung der Rednerin: Ich bin eine Frau mit „weisser“ Haut. Obschon meiner Privililegien und vielen Möglichkeiten gehört zu werden, habe ich mich entschieden, diesen Text zu verfassen. Und ihn im Bahnhof in die Menge zu lesen, weil ich Kritik an Machtstrukturen wichtig finde. Und so bin ich auch dafür, dass diese Rede kritisiert wird.