„Lieber ins CIRA als in die französische Nationalbibliothek“

Das Internationale Recherchezentrum zum Anarchismus (CIRA) wurde 1957 in Genf gegründet. Seit 1987 findet man das CIRA in Lausanne in der Nähe des CHUV-Spitals in einem Gebäude, das von Sympathisant*innen und Genoss*innen gebaut wurde. Dort findet man Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen, die häufigsten sind Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch. Das CIRA ist nicht nur eine Bibliothek sondern besitzt auch eine grosse Sammlung von Flugblättern, Broschüren, Audio- und Videoaufnahmen.

An einem der ersten Frühlingstage des Jahres, der plötzlich in ein Gewitter umschlug, machten sich zwei junge Redakteure des megafons auf den Weg zum CIRA, um sich ein Bild des Archivs und seiner Hüter*innen zu machen. Am Ende unseres Besuches legten uns Marianne, Gap und der Rest der Gruppe ans Herz, wir sollten die Deutschschweizer*innen ermutigen, öfter das CIRA aufzusuchen. Mit einer Bedingung: «Wenn ihr etwas Bestimmtes sucht: Schaut euch im Online-Archiv um, bevor ihr nach Lausanne fahrt!» Im CIRA ergehe es einem ansonsten wie im Leben: Der Mensch weiss nicht immer, was er sucht, findet dafür tausend spannende Dinge, wenn er nur die Augen offen hält

Megafon: Das CIRA besitzt eine grosse Sammlung an Schriften die teilweise bis Mitte des 19. Jh. zurückreichen. Das macht euch sehr wichtig für die anarchistische Bewegung in der Schweiz und auf der ganzen Welt.
Marianne: Zuerst muss man Eines klarstellen: Das CIRA ist keine anarchistische Organisation. Wir sind eine Bibliothek, ein Archiv über den Anarchismus. Wir haben natürlich nichts gegen den Anarchismus. Die Leute die hier arbeiten sympathisieren auch mit dieser Philosophie. Das CIRA ist offen für alle. Vor allem für diejenigen, welche über den Anarchismus forschen.

Das CIRA beschäftigt sich mit dem Anarchismus, einer zwar oft verschrienen, aber trotzdem weitgehend unbekannten Philosophie. Welche Menschen interessieren sich für euer Archiv und nehmen den Weg nach Lausanne auf sich?
Marianne: Vor allem sympathische Menschen. Generell gesagt, Studenten, manchmal ihre Professoren und ab und zu einmal eine ganze Klasse. Viele, die kommen haben ein spezifisches Thema an welchem sie forschen. Hierfür kommen auch Menschen aus dem Ausland.
Gap: Es kommen uns auch viele Genossinnen und Genossen besuchen, Journalisten oder Leute die zufällig am CIRA vorbeilaufen. Und auch junge Leute, die vom Anarchismus erfahren haben und nun genau wissen wollen, was das eigentlich ist.
Marianne: Die Journalist*innen wollen meistens wissen: «Was ist Anarchismus? Die Hörerin weiss nichts darüber!». Das ist komisch, sie stellen uns diese Frage seit 25 Jahren, und immer noch haben ihre Hörenden keine Ahnung, was Anarchismus ist (lacht).

Welche Motivation steckt hinter der Archivierung zehntausender Schriften und Aufnahmen?
Marianne: Für uns ist es eine der Pflichten unseres Zentrums, alles aufzubewahren, was es an Publikationen über den Anarchismus gibt. Ohne jegliche Zensur! Deshalb haben wir auch einige schlechte und dumme Sachen hier rumliegen (alle lachen). Und natürlich diskutieren wir immer wieder ob das, was wir erhalten, auch wirklich den Anarchismus behandelt oder doch eher einem anderen Thema zuzuordnen ist.
Gap: Wir hatten bereits Situationen wo wir uns wirklich fragten: «Was ist das für ein Scheiss?», aber unsere Richtlinie ist die: Wenn ein*e Autor*in das Werk als anarchistisch betrachtet oder es einen Bezug zum Anarchismus gibt, werden wir es archivieren. Die Besucher*innen des CIRA und unserer Homepage haben ein genug grosses Wissen, um selbst urteilen zu können. Auf der anderen Seite geht es bei den sogenannten anarcho–kapitalistischen Werken manchmal ein Bisschen länger, bis sie auf unserem Online-Archiv zu finden sind (schmunzelt).

Wie erweitert ihr euer Archiv? Kauft ihr Bücher?
Marianne: Wir kaufen keine Bücher – wir nehmen Genschenke an. Das sind Flugblätter, Bücher, Video- und Audioaufnahmen, Bulletins, Zeitschriften, etc. Wenn die Publikation einen direkten Bezug zum Anarchismus hat, nehmen wir sie an. Wir machen auch Ausnahmen, zum Beispiel gibt es viele, die Georg Orwell-Werke mögen, also behalten wir sie.

Wie ist das CIRA organisiert und welches sind eure wichtigsten Aufgaben?
Marianne: Alle CIRA-Helfer*innen arbeiten auf Freiwilligenbasis, ausser unsere zwei Zivildienstleistenden. Wir sind ungefähr zwölf Personen im basisdemokratischen Kollektiv. Einmal im Monat treffen wir uns zu einer Vollversammlung. Von Dienstag bis Freitag ist das Archiv nachmittags geöffnet. Ausserdem veranstalten wir einmal im Monat eine öffentliche Diskussion zu einem Text, Broschüre oder Buch, welches wir gelesen und vorbereitet haben. Ansonsten beschäftigen wir uns mit dem Aufnehmen, Kategorisieren und Archivieren von den erhaltenen Materialien.

Meines Erachtens leben wir in einer Art Blase. Objektiv zu sein scheint mir unmöglich, daher habe ich keine Ahnung, in welche Richtung sich der Schweizerische oder internationale Anarchismus momentan entwickelt. Erkennt ihr eine gewisse inhaltliche Tendenz oder thematische Schwerpunkte in den Publikationen, die ihr zugestellt bekommt?
Gap: Wir haben keine genaue Übersicht. Jedoch ist z.B. durchs Internet einfacher geworden, Magazine oder Hefte selber zu publizieren. Aber diese Veränderung hat bereits vor einigen Jahren angefangen. Wir machen momentan keine Erhebungen, wodurch wir Aussagen machen könnten – häufig treffen auch mehrere Themen in einer Publikation aufeinander und vermischen sich.
Marianne: Ich habe bemerkt dass die Insurrektionalist*innen viel mehr veröffentlichen als früher. Die produzieren wie am laufenden Band…
Gap: …aber die Hälfte ist von Bonanno ! (lacht)
Marianne: Antimilitarismus und Pazifismus werden heute weniger behandelt, die Auflagen und die Anzahl an Schriften haben in diesen Themen abgenommen. Dafür werden andere Schwerpunkte wie Antispeziesismus und Intersektionalität immer wichtiger. Wir haben keine genauen Zahlen, vielleicht könnten wir in Zukunft eine solche Erhebung machen. Häufig wird in einem Buch auch nicht direkt vermerkt, dass es von ein*em*er Anarchist*in verfasst wurde. Bei der Sans-Papier-Bewegung sind oft sich als Anarchst*innen verstehende Menschen am Werk; deren politische Gesinnung ist aber angesichts der konkreten Thematik sekundär.

Wie haben sich die Anfragen verändert? Habt ihr eine Zunahme aufgrund eurer Internetpräsenz?
Gap: Ja. Jeder Titel wird jetzt auch im Internet aufgelistet; wir sind dadurch niederschwelliger geworden. Sobald ein neues Werk eintrifft, archivieren wir es so schnell wie möglich online, mit allen bibliothekarischen Eigenschaften. Man kann also unser ganzes Archiv im Netz durchforsten und danach entscheiden, ob man vorbeikommen, lesen, ausleihen oder kopieren will.
Marianne: Leider gibt es auch negative Auswirkungen. Wir erhalten Anfragen, beispielsweise aus Paris: „Könnt ihr mir diese und jene Seiten kopieren und per Post zuschicken? Das ist einfacher für mich, als mich in die französische Nationalbibliothek zu bewegen.“ (lacht)

Grundsätzlich seid ihr ein Archiv und Bibliothek. Soweit, so unproblematisch. Hattet ihr trotzdem schon Probleme mit dem Staat betreffen Repression?
Marianne: In der Zeit von «Fischen-Fritz», vor allem in den 70er-Jahren, gab es eine grosse Akte über uns. Es gab Besuche von der Polizei, die unser Archiv und die Räume fotografierten. Sie waren meist in «Trench-Coats» gekleidet; man konnte sie bereits von weitem erkennen. Einmal kam ein Polizist in dieser Kluft zu uns. Meine Mutter, die damals noch hier wohnte, fragte ihn direkt: «Sind Sie Bulle?» Er antwortete: «Non, mais je suis employé du département militaire fédéral» (Marianne imitiert dabei einen sehr starken Deutschschweizer Akzent). Er war eigentlich ziemlich sympathisch! (alle lachen)

Gap: Unsere ehemalige Webseite anarcha-bolo.ch wurde in den Genfer Schulen blockiert – wir wurden als «Webseite mit extremistischen Inhalten» klassifiziert.

Wie seit ihr mit der Bewegung in Lausanne in Kontakt?
Marianne: In den letzten fünfzehn Jahren hatten wir immer viel Kontakt mit den Besetzungen in Lausanne. Sie waren immer eine grosse Unterstützung für uns: Sie halfen regelmässig im Garten, im Archiv, bei baulichen Konstruktionen. Besonders bei denen, die wahrlich akrobatische Fähigkeiten benötigten. Das besetzte Haus „La Laiterie“ war in derselben Strasse wie wir. Leider gibt es sie nicht mehr. Mit der Espace Autogéré organisierten wir schon Theater- und manchmal Kinovorstellungen. Ohne die Hilfe der Bewegung wäre das CIRA nicht das, was es ist.

Zum Schluss: Habt ihr noch eine Lektüreempfehlung?
Gap: Panait Istrati. Ein rumänischer Autor, Vagabund, Anti-Stalinist. Sehr schöne Texte zum Lesen.

Marianne: Ich empfehle mehrere Schrifsteller, die komplett verschieden sind: Zuerst Fritz Brupbacher, er war 60 Jahre lang Ketzer und aus der SP und der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden. B. Traven natürlich, der Autor von vielen Romanen, in denen die Arbeiterklasse eine grosse Rolle spielt. Und noch Jens Björneboe, ein norwegischer Autor, der sehr düstere Bücher schrieb, sehr nihilistisch. Ich finde ihn sehr leidenschaftlich.

Die französische Version des Interviews findet ihr in der Mai-Ausgabe 2018 des megafons.
Abos, Fragen, Texte: www.megafon.ch / megafon@reitschule.ch.