Medienmitteilung der Wohlstandsverwahrlosten

Am Dienstag dem 27. März haben wir, „Die Wohlstandsverwahrlosten“, das Gebäude der Grossen Halle (wieder)besetzt.

Das Gebäude gehört, so wie der restliche Teil der Reitschule, der Stadt Bern. Anders als der restliche Teil der Reitschule wird der Raum nicht von der basisdemokratischen Organisation der Reitschülerinnen betrieben, sondern vom Trägerverein Grosse Halle. Dieser hat heute ausser seiner geografischen Nähe und einigen persönlichen Überschneidungen wenig bis gar nichts mit der Reitschule zu tun.

Dies erscheint absurd, vor allem wenn man die Geschichte des Ortes in Betracht zieht. Im Herbst 1987 wurde das Tor zur Grossen Halle in Folge einer Jugendbewegung, welche nach mehr Freiräumen verlangte, aufgebrochen. Es war der Beginn der zweiten Besetzung der Reitschule. Zwei Jahre lang gehörte die grosse Halle ganz selbstverständlich zur ganzen Reitschule.

Heute 30 Jahre später veranstaltet die Trägerschaft nebst dem allmonatlichen Flohmarkt verschiedene Events, so wie in diesem März das „WeLoveTechno“, bei welchem ein Eintrittspreis von 50 Franken verlangt wurde! Meistens aber sind die Tore der grossen Halle geschlossen und der Raum ist ungenützt. Manchmal wird er als, Zitat, „ Entwicklungsort, Werkstatt und Proberaum“ genutzt, welcher dann aber nicht öffentlich frei zugänglich ist.

Grundsätzlich finden wir, dass die Grosse Halle heute mit dem Geist der Besetzung nichts mehr zu tun hat. Es werden keine Utopien gelebt, keine revolutionären Ideen gewagt. Der Raum ist kapitalistischen Logiken unterstellt (hohe Eintrittspreise), die Organisation entzieht sich der basisdemokratischen Strukturen der Reitschule und häufig ist die grosse Halle schlichtweg geschlossen. Kurzum die grosse Halle ist heute alles andere als ein Freiraum.

Die Kritik an der grosse Halle ist also so weit verständlich. Aber was ihr wollt, existiert ja bereits in der Reitschule, denkt ihr euch vielleicht. Das stimmt für uns eben nicht so ganz.

Als allererstes ist zu sagen, dass die Reitschule der wichtigste Vernetzungsort in ganz Bern ist. Ohne ihn hätten sich unsere KollektivmitgliederInnen vermutlich nie kennengelernt. Wir wollen mit der Besetzung der Grossen Halle keineswegs die Reitschule spalten oder sie gar angreifen. Wir wollen lediglich einen Gedankenanstoss für die heutigen ReischulbetreiberInnen sein, eine Alternative zum Bestehenden bilden. Jedoch hegen wir einige klare Kritiken gegenüber der Reitschule:

Zum einen kritisieren wir den Fakt, dass in der Reitschule Lohnarbeit herrscht. Dadurch haben sich viele ReitschülerInnen finanziell abhängig von ihrem Schaffensort gemacht. Das heisst, die Aufrechterhaltung des Betriebs wird manchmal über ideologische Beweggründe gestellt. Ausserdem mussten durch die Lohnarbeit Eintritts und Konsumpreise eingeführt werden, welche in anderen Kulturlokalen nicht anders sind (Gin Tonic: 12.- Konzert: 25.-). Eine Konsequenz davon ist der (auch medial) viel besprochene Vorplatz. Gewalt, Schlägereien, Diebstahl und Deal sind immer wieder Thema. Es sind vor allem die Menschen, die sich dort rumtreiben, welche sich die hohen Preise innerhalb der Reitschule nicht leisten können.

Und ja, die Reitschule bietet so einiges mehr, als nur Restaurant, Bar und Konzertlokal. Zum Beispiel das Kino und der Infoladen. Diese sind jedoch durch ihre Lage für die Menschen auf dem Vorplatz kaum sichtbar. Nein, Hauptteil der Reitschule sind diejenigen Betriebe, welche durch ihre Konsumangebote es möglich machen, den MitarbeiterInnen ihre Löhne auszubezahlen. Die Reitschule ist dadurch ein stückweit zu einem Konsumtempel geworden, der ganz klar zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen unterscheidet.

In den letzten Jahren wurden im Raum Bern einige Freiräume erkämpft und besetzt. Einige wurden geräumt (Effy 29/WIFAG), anderen ist der Zwischennutzungsvertrag ausgelaufen und das Gebäude wurde dem Erdboden gleich gemacht (Murtenstrasse/Moserstrasse), wieder andere bestehen heute noch (Fam. Osterhase/Café Toujour/Fabrikool/Denkmal/Steigi 69). Klar ist aber, dass auch diese, in absehbarer Zeit verschwinden werden und deren Bemühungen und Energien dem Bulldozer weichen müssen werden.

Wir verlangen einen unbefristeten Freiraum. Einer der nicht auf Zeit steht und sich nicht städtischen Verträgen unterordnen muss, denn das Bedürfnis danach ist gross und real!

Wir wollen Lebensraum und Treffpunkt schaffen für alle Menschen, unabhängig deren finanziellen Mittel oder deren Herkunft. Deshalb werden Eintritts und Fixpreise durch Richtpreise ersetzt. Das bedeutet, dass alle so viel für eine Dienstleistung oder ein Gut bezahlen, wie sie wollen oder können. Das bedeutet auch, dass weder Lohnarbeit noch sonstige Selbstbereicherung Platz in diesem Raum Platz haben werden. Zudem soll der Raum ein Ort sein, indem sich Menschen politisieren, bilden, informieren, engagieren und vernetzen. Wir wollen all den Jugendlichen, all den MigrantInnen, all den Menschen, welche sich Wochenende für Wochenende auf dem Vorplatz tummeln niederschwellige Partizipationsmöglichkeiten bieten.

In der ersten Woche findet ein vielschichtiges Programm statt, das von uns auf die Beine gestellt wurde. Wir sehen uns jedoch überhaupt nicht als BesitzerInnen des Freiraumes, die jetzt sagen wo es lang geht. Wir sehen uns viel mehr als IntiatorInnen dieses Projekts. Wir sind offen für gute Ideen und Energien und freuen uns auf alle Menschen, welche das Projekt unterstützen und sich einbringen wollen, in welcher Form auch immer.

Jeder Generation ihre Zeit. 1987 hatten unsere Eltern die Ihre und jetzt haben wir die Unsere. Wir sind der Generation von 1987 sehr dankbar dafür, für was sie geleistet hat und es verdient grossen Respekt. Es ist jedoch an der Zeit diesem Gebäude neues Leben einzuhauchen und wieder von Utopien und einem selbstbestimmten Leben zu träumen.

Es grüssen die Wohlstandverwahrlosten