Stellungnahme: Diskussion zum Artikel "Israelischer Checkpoint an der Uni Bern", 19.4.2018

Ende März wurde bei barrikade.info ein Artikel von BDS Bern (BDS steht für Boycott, Divestment and Sanctions) zur Veröffentlichung vorgeschlagen. Der Artikel (https://barrikade.info/Israelischer-Checkpoint-an-der-Uni-Bern-975?var_mode=calcul) beschrieb eine Aktion, die an der Universität Bern durchgeführt wurde. Dabei haben Aktivist*innen von BDS Bern am 26. März mit einem spontan aufgestellten Checkpoint bei der Uni auf "das israelische Apartheidregime", wie sie schreiben, aufmerksam gemacht.

Der Artikel hat bei uns im Moderationskollektiv sehr viele und lange Diskussionen ausgelöst. Innerhalb unseres Kollektiv herrschte Unbehagen, ob der Artikel unterdrückende oder diskriminierende Inhalte enthält. Dieses Unbehagen wurde insbesondere durch die Bewegung BDS ausgelöst. Das Logo von BDS - eine Figur Strichmännchen namens Handala, siehe http://handala.org/ - wurde vom palästinensischen Zeichner Naji Al-Ali gezeichnet, in dessen Comics Israelis grundsätzlich mit Hakennase dargestellt werden: ein klassisches Symbol des Antisemitismus.

Unsere Ignoranz, Uninformiertheit und die damit einhergehende Überforderung haben in einem "anti-antisemitischen" Abwehrreflex dazu geführt, dass wir den Artikel vorerst und überstürzt abgelehnt haben: unsere Angst jedoch, etwas antisemitisches zu sagen oder schreiben, spies sich aus der mangelnden Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Allgemeinen. Diese fehlende (selbst-)kritische Analyse sowie ein philosemitischer Reflex (philo-semitisch ist das Gegenteil von anti-semitisch, von griechisch philos = Freund*in; als philosemitisch werden meist nichtjüdische Menschen beschrieben, die jüdische Personen und die jüdische Religion aus verschiedenen Gründen vorbehaltlos unterstützen, verehren bzw. verklären) können wiederum Nährboden für Antisemitismus darstellen, wie von der Jüdischen Antifa Berlin dargelegt (siehe https://jewishantifaberlin.wordpress.com/uber-uns/).

In der Folge haben wir BDS Bern über unsere Entscheidung informiert und es fand ein längerer Austausch per Mail statt. Zusätzlich hat sich bei uns eine Person gemeldet, die unser Vorgehen aus jüdischer, anarchistischer Perspektive kritisiert hat. Uns wurde bewusst, dass die Entscheidung für das vorläufige Ablehnen des Artikels vorschnell und mit zu vielen Fragezeichen zur Thematik getätigt wurde. Es wurde offensichtlich, dass wir uns als Kollektiv eingehender mit der Thematik - sowie und insbesondere mit unserem eigenen Antisemitismus - befassen müssen.

Wir haben den Artikel von BDS Bern Mitte April schliesslich publiziert mit dem Kommentar, dass wir uns innerhalb des Kollektivs eingehender mit diesen Thematiken auseinandersetzen würden, und darauf ein Online-Treffen mit BDS-Bern organisiert, wo wir einige Fragen klären konnten und ein kritisch-konstruktiver Austausch stattfand.

Es fand auch ein Treffen mit der Person statt, die unser Vorgehen aus jüdischer, anarchistischer Perspektive kritisiert hatte. Auch dieses Gespräch war herausfordernd und erhellend. Gleichzeitig haben sich einige Personen des Kollektivs tiefer mit der Geschichte des Nahostkonflikts sowie mit Begrifflichkeiten wie "Antisemitismus", "(Anti)zionismus", "Apartheid" usw. befasst.

Zuletzt fand an einer Kollektivsitzung ein Austausch und ein Input über das Erfahrene und Gelesene statt. Dieser Input soll im nächsten Monat hier publiziert werden, um alle an den geführten Gesprächen und unseren Recherchen teilhaben zu lassen, uns wiederum Kritik zu stellen und - dies als Hauptmotivation - eine Debatte zu Antisemitismus (auch von links) zu lancieren bzw. fortzuführen.

Alles in allem konnten wir uns somit als Kollektiv der Thematik stellen und unser überstürztes Vorgehen mit dem BDS-Artikel kritisch reflektieren. Die Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt sowie mit Antisemitismus, Antizionismus etc. hat jedoch erst begonnen und wir werden die Reflexion und Diskussion fortführen. Die Situation mit dem BDS-Artikel und unser Umgang damit waren exemplarisch für das Fehlen einer fundierten Diskussion zu Antisemitismus in emanzipatorischen Zusammenhängen im Allgemeinen.

Für die Etablierung einer solch fundierten Diskussion haben wir - neben der eigenen fortwährenden Reflexion - einige Ideen und Vorschläge:

das Publizieren von Analyse-Artikeln, z.B. hier auf barrikade.info; die Organisation von Vorträgen und Diskussionen, von Lesekreisen und Filmvorführungen; auch Podcasts gibt es zahlreiche zum Thema, diese können gemeinsam gehört und kritisch diskutiert werden. Ganz grundlegend wünschen wir uns Solidarität mit Jüd*innen. Im Allgemeinen soll die christliche Mehrheitskultur in der Schweiz als solche benannt und sichtbar gemacht werden und unsere Sensibilität für die Ausschluss- und Diskriminierungsmechanismen von Personen, die nicht dieser Mehrheit angehören, erhöht werden.

Abschliessend möchten wir BDS Schweiz und der anarchistisch-jüdischen Person für ihre wertvollen Inputs und ihre Geduld danken.