Stellungsnahme II zu Antisemitismus

Dies ist der zweite Teil unserer Stellungnahme und Auseinandersetzung zum Thema Antisemitismus / BDS / etc.
Gegliedert ist der Artikel in:

1. Situation mit der Publikation des Artikels, Mailverkehr
1.1 Mailverkehr mit bacaia
1.2 Mailverkehr mit jüdisch-anarchistischer Person
2. Telefonat mit bacaia
3. Gespräch mit jüdisch-anarchistischer Person
4. Weiterer Mailverkehr
5. Stellungnahme des Barrikade-Kollektivs
6. Resultate unserer Recherchen in der thematischen Auseinandersetzung innerhalb des Kollektivs

Alle zitierten Passagen (von Gesprächen, Chats, Mails etc.) wurden mit freundlicher Genehmigung der beteiligten Parteien abgedruckt. An dieser Stelle sei den in diesen Diskurs intervenierten Personen und Kollektiven nochmals gedankt.

1. Situation mit der Publikation des Artikels, Mailverkehr

1.1 Zusammenfassung des Mailverkehrs mit bacaia- Bern’s Anarchists & Communists Against Israeli Apartheid (Autor*in des Artikels)

Nachdem bacaia den Artikel vorgeschlagen hatte, wurde bei uns ziemlich schnell entschieden, dass wir den Artikel nicht publizieren wollen mit folgender Begründung:
"[...] Artikel, die Formen von Diskriminierung und Unterdrückung enthalten, haben auf dieser Plattform keinen Platz. Das BDS sieht als Antwort auf die Diskrimierung der Menschen aus dem palästinensischen Gebiet eine Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen aus dem israelischen Gebiet vor. Das Barrikade-Kollektiv lehnt diesen Artikel mit dem Aufruf zur Unterstützung der BDS-Kampange aus diesen Gründen ab."

Danach haben wir innerhalb des Kollektivs nochmals diskutiert und gemerkt, dass wir uns nicht einig sind und eine tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik notwendig ist. Wir haben ihnen dies geschrieben und auch gesagt, dass wir uns über einen Austausch freuen würden. Zu diesem Austausch kam es dann auch.

1.2 Mailverkehr mit jüdisch-anarchistischer Person

Mail von der Person - 04.04.18:

LIebes Barrikade.Info Mods Team,
Ich möchte das eigentlich gerne öffentlich machen, aber das eMail ist mal ein Start, weil es gerade aus meiner jüdischen anarchistischen Perspektive einen offenen Diskurs zu Antisemitismus braucht, einen offene Diskurs dazu wie wir mit Kritik am Israel und Palästina in einem antiautoritären und revolutionären Umfeld umgehen. Ihr habt es meiner Meinung nach ziemlich verkackt mit dem nicht publizieren des BDS Beitrags. Zur Erinnerung, am 29.4 hat BDS, einen Beitrag über die Israeli Appartheit Week gepostet. Leider ist der Beitrag nicht mehr sichtbar, aber vielleicht kann der hier verlinkt werden damit Menschen sich ein eigenes Bild machen können. 3 Tage später wurde dann folgender Kommentar gepostet und der Artikel nicht veröffentlicht.

Hallo BDS-Schweiz, Barrikade.info ist eine Plattform für antiautoritäre und revolutionäre Perspektiven. Artikel, die Formen von Diskriminierung und Unterdrückung enthalten, haben auf dieser Plattform keinen Platz. Das BDS sieht als Antwort auf die Diskrimierung der Menschen aus dem palästinensischen Gebiet eine Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen aus dem israelischen Gebiet vor. Das Barrikade-Kollektiv lehnt diesen Artikel mit dem Aufruf zur Unterstützung der BDS-Kampange aus diesen Gründen ab"

Das liest sich für mich als eine pauschale Antwort an BDS Schweiz, dass sie auf Grund von dem was sie sind nichts auf Barrikade posten dürfen. Es scheint nicht um den Inhalt des Artikels zu gehen (der aus meiner Perspektive auch nicht antisemtisch war und ich erleb doch regelmässig Antisemitismus, dass ich glaube zu wissen wie sich das anfühlt), sondern um die Existenz von BDS. Das ist sehr befremdlich. Ich bin nicht Teil von BDS und finde die Idee von BDS auch nicht wahnsinnig toll, in erster Linie weil die Idee eines Boykotts innerhalb des bestehenden System von Nationalstaaten für mich sehr bürgerlich und weder antiautoritär, noch revolutionär ist. Ich kämpfe für die Abschaffung aller Staaten, in meinem Fall als Jüd_in Israel gerne zuerst, aber nicht mit den Mitteln des Neoliberalismus oder Campaigning und Marketing wie es BDS tut.

Diese Kritik an BDS und antizionistischen Ideen ist in einem deutschen Kontext schon so weit, dass ich als Anarchst_in und jüdische Antionzionist_in nicht mehr für die Abschaffung meines scheinbar eigenen Staates kämpfen darf, oder wie meine Familie es seit fast 100 Jahren tut, antizionistisch denken und handeln. Es kommen weisse christlich sozialisierte Menschen und teilen mir mit das meine Haltung antisemitisch und diskriminierend ist, dass das absurd ist ist selbstredend. Nun scheint ihr bei Barikade.info auf den selben Wagen aufzuspringen und es würde mich wunder nehmen wie eure Position im Detail aussieht. Meine Erfahrung ist, dass gerade Menschen die wenig Wissen oder nur ein sehr einseitiges politisches Theorie Wissen haben (hello Antideutsche, hello Antiimps, genau ihr seid gemeint in euren Unitürmen) in solchen Situationen gerne zensieren. Das ist aber gefährlich und latent antisemitisch, da nur eine komplexe Auseinandersetzung mit Antisemitismus und der Vielfalt jüdischen Lebens, gerade ausserhalb Israels (Fun Fact nur ca, 40% aller Jüd_innen lebt in Israel) und den eigenen antisemitkschen Mustern dazu führend wird, dass es die Shoa vielleicht nicht nochmals geben wird. Die plumpe Zensur, ohne klare Stellungsnahme, macht aus meiner Perspektive alles noch viel schlimmer. Jüdische Anarchistische Perspektiven nicht mitentscheiden zu lassen auch.

Als Lektüre aus innerjüdische Perspektive und um mehr Verständnis dafür zu haben, warum so viele Jüd_innen im antiautoritären, anarchistischen und revolutionären Kontext Antizionist_innen sind (und das durchaus mit einer langen Tradition, mein Grossvater hat als Anti_zionist Ausschwitz überlebt!) kann ich euch diesen Text meiner jüdischen Freund_innen empfehlen: https://jewishantifaberlin.wordpress.com/uber-uns/
Ein weiterer Gedanke der mich verfolgt, warum habt ihr euch Entschieden wenn es um Israel/Palästina geht, mit nicht Veröffentlichung (statt z.B. mit einem Kasten wie bei den meisten anderen Beiträgen) zu reagieren, aber wenn es um kurdische Interessen geht, selten wer aufschreit, wenn autoritäre kommunistische Gruppen oder Strukturen Texte schreiben die gepostet werden, die nationalistische kurdische Inhalte haben oder auch Texte im generischen Maskulin, die von dem immer selben Ecken ohne Lernprozess immer wieder im generischen Maskulin gepostet werden. Was ist mit eurem eigenen internalisierten Antisemitismus, der leicht dazu führen kann Israel als Staat zu verteidigen, nur um ja nicht antisemitisch zu handeln. Ich als Jüd_in sage aber, genau da beginnt der Antisemitismus, damit, dass ihr euch nicht auseinandersetzt mit eurem eigenen Antisemitismus, sondern blind und wahllos, alles zensiert um ja auf der sicheren Seite zu sein. Etwas überspitzt gesagt…. Ich wünsch mir dass ihr als Menschen die Teil einer christlich sozialisierten Dominanzkultur seid, euren eigenen Antisemitismus bekämpft und der der um Euch rum ist, den den ich jeden Tag erlebe. Wo wart ihr als zu Charlotteville kein einzige_r mich gefragt hat, wie es mir geht nachdem auf offener Strasse in dem USA Kill Jews gerufen worden ist, wo wart ihr als am 8. März eine Frauen* Und FLTIQ* Demo gegen Rechts, das Wort Jüd_innen nicht mal erwähnt haben? Was heisst Solidarität mit jüdischen antiautoritären und revolutionären Menschen heute?

Ich hätt grosse Lust dass mit euch zu diskutieren, auch an einer Sitzung 

Herzlich

Unsere Antwort - 05.04.18:
Hoi du

Mersi für dein ausführliches Statement aus einer auch betroffenen Perspektive. Es stimmt, dass wir uns bisher viel zuwenig mit diesen Fragen auseinander gesetzt haben und deshalb wahrscheinlich problematisch ist einen Artikel abzulehnen. Intern ist die Diskussion aber noch am laufen und wir versuchen grade unsere Haltung dazu herauszufinden.
Wir haben den Artikel nicht defintiv abgelehnt, aber wollen zuerst an einer Sitzung darüber diskutieren und dann eine Entscheidung treffen.
Und danke für dein Angebot zur Diskussion. Wir melden uns bestimmmt bald wieder.

mensch von brrkd

Unsere zweite Antwort - 19.04.18:

Lieber*r [...]
Nun kommt endlich unsere späte Antwort:

Bei der Veröffentlichung des Artikels über die Aktion an der Uni Bern von BDS sind wir uns innerhalb des Kollektivs uneinig, trotzdem haben wir uns nun entschlossen den Artikel zu veröffentlichen. Der vorherige Entscheid, den Artikel abzulehnen, wurde zu schnell getroffen und wir entschuldigen uns dafür.
Unsere Uneinigkeit hat auch mit unserer Uninformiertheit zu tun. Wir sind uns dieser Problematik bewusst und befassen uns nun innerhalb des Kollektivs eingehender mit diesen Thematiken und versuchen uns mehr Wissen anzueignen. Gerne würden wir mit dir ein Jitsi-Treffen (ähnlich wie Skype) machen um deine Sicht/Meinung zu hören und uns aus zu tauschen. [...]
Solidarische Grüsse
barrikade.info-Kollektiv

Anschliessend kam es zu einem Treffen.

2. Bericht vom Telefonat mit bacaia im Mai 2018

Anwesend: 3 Leute vom Barrikade Kollektiv, 3 Leute von Bacaia (Bern’s Anarchists & Communists Against Israeli Apartheid), ein Kollektiv, das die BDS-Kampagne unterstützt. BDS heisst auf Deutsch Boykott, Desinvestition und Sanktionen (gegen Israel bis zum Ende von Apartheid und Besatzung in Palästina); in der Schweiz: bds-info.ch <http://bds-info.ch/> ; offizielles Kampagnenkomitee in Palästina: https://bdsmovement.net/bnc <https://bdsmovement.net/bnc> .

Zuerst haben wir, die Personen des Barrikade-Kollektivs, die Ereignisse auf unserem Forum zusammengefasst und uns bei BDS Bern für die vorschnelle „Abfertigung“ ihres Posts entschuldigt.

Danach hatten wir die Gelegenheit, bacaia folgende Fragen zu stellen:

Frage brrk: was ist BDS?
Antwort bacaia:
BDS ist eine zivilgesellschaftilche Bewegung, gestartet von der palästinensischen Zivilgesellschaft.
Die Kampagnenziele basieren auf dem Völkerrecht. BDS sucht nach einer „gerechten“ Lösung für alle bzw versucht, die Bedingungen hierfür zu schaffen.
BDS ist keine Organisation/ kein Verein, sondern eine Bewegung / Kampagne/ Strategie
Bacaia ist ein Kollektiv in Bern, das die BDS-Kampagne unterstützt, „betroffene Personen“ sind auch dabei (mit jüdisch-israelischem Hintergrund, mit palästinensischem Hintergrund etc).
BDS versucht gezielt Druck auf Firmen (nicht auf z.b. linke Projekte) aufzubauen. Der Boykott von kulturellen Einrichtungen wird weltweit in der BDS kampagne unterschiedlich gehandhabt.
BDS schliesst an die Geschichte von palästinensischem Widerstand und zivilem Ungehorsam an.

wie steht ihr zum Antisemitismusvorwurf zum Logo von der BDS-Bewegung, dem Comic „Handala“?
Bacaia kannte den Comic handala, nicht jedoch den Antisemitismus-Vorwurf.
Die Personen von bacaia werden sich die Comics anschauen und dies intern diskutieren, haben jedoch sowieso kein eigenes Logo.

Ist BDS antisemitisch? Gibt es antisemitische Strömungen innerhalb der Bewegung?
Es ist schwierig, auf alle BDS-Kampagnen weltweit Bezug zu nehmen, da BDS eben eine Bewegung ist. Zudem ist es eine Kapazitätenfrage, sich immer wieder gegen Antisemitismus in der eigenen Bewegung zu positionieren. Jedoch ist es sehr wichtig, gegen Antisemitismus anzukämpfen. Das Bacaia-Kollektiv und auch die Menschen, die sich in der schweizerischen Koordination von BDS treffen, wissen um die Gefahr der Anschlussfähigkeit von Antisemitismus an ihrer Zinoismuskritik. Die internatinoale Homepage der BDS-Kampagne hat ausführliche Statements / FAQ dazu. Die schweizerische BDS-Koordination möchte diese englischen Statements auf Deutsch übersetzen.

Hier das Statement zur Frage, ob ein Boykott von Israel antisemitisch ist, auf Englisch (Quelle : https://bdsmovement.net/faqs ):

"Isn’t a boycott of Israel anti-Semitic?
The BDS movement stands for freedom, justice and equality.
Anchored in the Universal Declaration of Human Rights, the BDS movement, led by the Palestinian BDS National Committee, is inclusive and categorically opposes as a matter of principle all forms of racism, including Islamophobia and anti-semitism.
BDS campaigns target the Israeli state because of its responsibility for serious violations of international law and the companies and institutions that participate in and are complicit in these Israeli violations. The BDS movement does not boycott or campaign against any individual or group simply because they are Israeli.
The world is growing increasingly weary of Israel’s attempts to conflate criticism of its violations of international law with anti-Semitism and to conflate Zionism with Judaism. Israel is a state, not a person. Everyone has the right to criticize the unjust actions of a state.
Many Jewish students, academics, intellectuals, LGBTQ advocates and others as well as and a growing number of Jewish-Israelis support and advocate for BDS.
As the US organisation Jewish Voice for Peace has explained, Israel claims to be acting in the name of all Jewish people but a rapidly increasing number of Jewish people of conscience feel compelled to make sure the world knows that many Jews are opposed to Israel’s actions.“

Bei Bacaia besteht eine lange interne Diskussion dazu. Es ist für die Gruppe anstrengend, sich stetig gegen diesen Vorwurf von aussen zu wehren.

Antwort des Barrikade-Kollektivs: auch wenn diese Auseinandersetzung für das Kollektiv „anstrengend“ sein mag und eine Kapazitätenfrage darstellt, kann eine klare Kante gegen Antisemitismus in der eigenen Bewegung bzw eine tiefgehende Auseinandersetzung damit fruchtbar sein für den eigenen Kampf. Eine solche Auseinandersetzung stärkt die Bewegung; macht Positionen klarer; zumal ja für die Empanzipation an sich gekämpft wird (dh. eine interne Selbstreflektion und -kritik gehört auch dazu).

Ein oft gehörter Vorwurf von bürgerlicher Seite ist, dass BDS dem Staat Israel „die Existenzberechtigung abspricht“. Wie steht bacaia dazu? (aus anarchistischer Perspektive scheint diese bürgerliche Kritik hinfällig bzw ist die Staatskritik a priori eine andere. Es ist interessant, dabei die Entwicklung der antideutschen zur antinationalen Ideologie zu beobachten, welche besagt, dass „alle Staaten abgeschafft gehören, der israelische Staat jedoch zuletzt, da dieser Schutzraum bis zuletzt nötig ist“)

Eine Person von Bacaia möchte mit einem Zitat von Abi Melzer antworten: „kinder, die aus einer vergewaltigung entstanden sind, sind dennoch liebenswert /lebenswert“

Ein Votum einer anderen Person von bacaia, welche sich auf interantionales Recht bezieht: laut internationalem Recht besteht ein Staat aus „Gebiet/Volk/Staatsgewalt“; hat aber per se nicht ein verbrieftes „Existenzrecht“.
Der heutige (Apartheid-)Staat würde in der Tat aufhören zu existieren würde BDS durchgesetzt
Es ist ein Faktum, dass Israel existiert, eine Realität; die Menschen dort existieren ebenfalls → dh es ist grundlegend, dass die dort lebenden Menschen mitentscheiden können müssen, was mit dem Staat passieren soll: braucht es einen Regimewechsel, weniger Militär, etc.
Die antideutsche Position eines Schutzraums ist ein Versagen, eine Kapitulation vor dem eigenen Antisemitismus: der Schutzraum für jüdische Personen ist überall notwendig, auch im eigenen Land, nicht nur in Israel. Es braucht keinen anderer Schutzraum; ein anderortiger Schutzraum geht immer auf Kosten Anderer und ist deswegen abzulehnen

Abschluss
Bacaia überlegt, eine Veranstaltung zu organisiern zum Antisemitismusvorwurf, ob dieser intern oder öffentlich erfolgen wird, wird noch diskutiert. Das Barrikade-Kollektiv würde eine solche Verantstaltung begrüssen.
Die beiden Parteien danken für anregendes Gespräch und bleiben in Kontakt.

3. Gespräch mit jüdisch-anarchistischer Person

Hier ist eine Zusammenfassung des Gespräches:
Anwesend: zwei Personen von barrikade.info, die Person die uns das Mail geschrieben hat und eine befreundete Person

- Bei Diskursen über Antisemitismus werden sehr häufig die Stimmen der Betroffenen ausgeblendet, wenn nicht sogar aktiv verneint. Gerade in antideutschen Diskursen kommt dies noch häufiger vor. Dabei findet oftmals auch eine Fremddefinition der Diskriminierung statt. Das heisst der eigentlich betroffenen Person wird erklärt, was antisemitisch sei und was nicht. Gerade auch jüdische Menschen, die sich gegen den israelischen Staat stellen werden immer wieder als antisemitisch bezeichnet. In dieser Thematik werden die Grundsätze des Awreness immer wieder übergangen, nämlich, dass die betroffene Person definieren kann, was sie als diskriminierend erlebt und dass die Stimmen der Betroffenen stärker im Fokus stehen.

- Ein weiteres Problem an dem Diskurs rund um Antisemitismus ist die Tabuisierung und die fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus. Es besteht die Annahme, dass einem dieses Thema nichts angeht und Antisemitismus wird auf den Palästina/Israel Konflikt, sowie auf die Vergangenheit bezogen, jedoch selten auf unsere Realität hier in der Schweiz. Eine konstruktive Reflektion der eingenen Privilegien und dem verinnerlichten Antisemitismus findet selten statt.

- Das vorschnelle Zensieren des Artikels von BDS zeigt diese fehlende Auseinandersetzung gut auf. Es geht dabei gar nicht unbedingt darum, dass die Person BDS unterstützt oder nicht.

- Es ist wichtig, dass die emanzipatorische Auseinandersetzung durch verschiedene Menschen/Gruppen/Zusammenhänge gepusht wird und Veranstaltungen und ähnliches darüber organisiert werden. Damit nicht die ganze Verantwortung bei betroffenen Menschen liegt.

- Die alltägliche, sowie auch die bewegungsspezifische diskriminierung jüdischer Menschen führt auch immer wieder dazu, dass sich Menschen nicht wagen zu sagen, dass sie jüdisch sind.


- Die Situation in Palästina/Israel ist sehr komplex und auch sehr durch Kolonialisierung geprägt. Die Menschen die dort leben geben ihre Traumas von Generation zu Generation weiter und es kann aufgrund der permanenten Anspannung kaum eine Aufarbeitung stattfinden.

- Wir sollten die Situation in dieser Region aus unserer Position heraus nicht beurteilen, respektiv bewerten. Unteranderem deswegen, weil wir in einem nicht kolonialisierten Land sozialisiert wurden. Was nicht heisst, dass wir uns nicht mit emanzipatorischen Kämpfen solidarisieren können.

- Aus einer anarchistischen Position ist es wichtig, dass mensch sich gegen alle Staaten und Nationen stellt, so auch gegen Palästina und Israel


- Zum Beispiel auf barrikade.info wurden schon Artikel gepostet, die Beschreibung von antisemitischer Gewalt beinhaltet (zum Beispiel die "Unite the Right" Demo in Charlottesville, USA, vom August 2017). Dabei ist es wichtig, dass, so wie auch bei anderen Diskriminierungsformen, Triggerwarnungen gemacht werden und mensch aufmerksam auf diese Gewalt ist.

- Gerade bei dem Angriff eines Neonazis auf eine antifaschistische Gegendemo in Charlottesville, bei dem auch eine Frau umgebracht wurde, merkte man, wie stark diese Aufmerksamkeit fehlt. In fast keinem Demobericht wurde über die Gewalt gegenüber jüdischen Menschen gesprochen. Dabei haben die Neonazis Parolen, die zu Gewalt gegen jüdische Menschen aufriefen, skandiert.

- Es fehlte in dieser Situation (sowie auch in etlichen anderen) an Aufmerksamkeit und Solidarität gegenüber jüdischen Menschen.

[Mittlerweile hat barrikade.info eine eingebaute Triggerwarnung, die bei gewaltvollen Artikeln aktiviert wird]


Dieses Gespräch war sehr bereichernd und hat uns Punkte aufgezeigt, bei denen eine Reflektion und Diskussion sehr nötig sind. Und dieser Prozess wird auch nicht so schnell beendet sein.

4. Weiterer Mailverkehr

Nach dem Gespräch hat uns bacaia folgende Mail zukommen lassen:

Liebe Barrikade-Menschen

Wir möchten euch ein Update geben über die Diskussionen, die wir nach unserem Austausch mit euch hatten und immer noch haben. Nur zur Kenntnis, ohne weiteren Anspruch.

Handala / Naji al-Ali
- Wir haben über den Schöpfer des Handala, Naji al-Ali, recherchiert und darüber diskutiert, inwiefern wir seine Darstellungen antisemitisch finden oder nicht.
- An einem weiteren Treffen wollen wir die kritischen Stellungnahmen von proisraelischen Gruppen und Personen zum Handala und zu Naji al-Ali lesen, um zu schauen, ob wir eine andere Sicht haben und ob uns vielleicht Dinge einfach nicht auffallen, die antisemitisch interpretiert werden können oder antisemitisch sind.

FAQs auf der BDS-Website
Sind wir noch nicht dazugekommen, wollen wir aber machen bzw. anregen.

Gaza-Kundgebung 15.5.18
Am 15. Mai wollten wir aus Anlass der israelischen Angriffe auf Gaza und der Tötung von über 100 Menschen durch israelische Soldaten eine Solikundgebung organisieren. Wir waren schon an zwei Freitagen zuvor mit kleinen Kundgebungen und Flugis in der Stadt präsent gewesen. Für jenen Freitag, den 15. Mai, kamen uns [...] Genoss*innen [...] mit einem Kundgebungsaufruf zuvor, wir waren dankbar dafür und schlossen uns ihnen an. Wir gingen allerdings nicht geschlossen als Gruppe hin, sondern kamen einzeln, wir waren nicht sehr gut vorbereitet (hatten einfach grosse Sagex-Buchstaben «Free Gaza» und ein Banner), und wir hatten keine Flugis dabei. Die [...] Genossen hatten auch die Lautsprecher organisiert. Als wir einzeln ankamen, sahen wir alle recht schnell, dass die [...] Genossen recht massiv A-4-Plakate dabeihatten, auf denen Israelfahnen mit Hakenkreuzen gleichgesetzt waren.
Aktivist*innen der [...] und andere wollten zuerst ebenfalls an die Kundgebung kommen, schlossen sich aber aufgrund dieser Plakate nicht an, sondern gingen dann mal ziemlich aufgebracht wieder (von uns aus gesehen völlig verständlicherweise).
Wir selber haben an der Kundgebung aus unserer Sicht nicht (nur) gut reagiert. Wir haben zwar einzeln versucht, mit den [...] Genoss*innen über den Inhalt dieser Plakate zu diskutieren, und eine von uns bat sie, sie einzusammeln, was sie dann auch (vorübergehend) taten. Im Nachhinein fanden wir, dass wir viel schneller hätten reagieren sollen. Es wäre hilfreich gewesen, wenn wir uns vorher getroffen hätten und gemeinsam hingegangen wären.
Wir haben das Ereignis sofort danach unter uns noch reflektiert. Dann haben wir die [...] um einen Austausch gebeten (siehe Mail unten).

[Mail:]
Hallo zäme
In der Eile ohne Verschlüsselung … ?? sorry
An der Solidaritätskundgebung für den zivilen Widerstand in Gaza und ganz Palästina gestern Dienstag 15. Mai waren [...] Genoss*innen präsent, die Plakätchen trugen, auf denen Israelfahnen mit dem Symbol des Hitlerregimes/Nazideutschland (Hakenkreuze) gleichgesetzt waren. Als Palästina-solidarische Anarchist*innen und Kommunist*innen (ja, da sind wir nicht ganz einig :-)) hatten wir auch zu der Kundgebung aufgerufen und waren mit Schildern (Free Gaza) und einem grossen Banner («Für ein Ende der Blockade von Gaza») anwesend. Wieder andere Gruppierungen («Gerechtigkeit und Frieden in Palästina») haben Flugis verteilt, auf denen v.a. Forderungen an die Schweizer Regierung standen. Wir selber hatten leider keine Flugis dabei.
Die mit den Plakätchen dargestellte Botschaft ist uns zutiefst zuwider und wir können nicht hinter einer solchen Aussage stehen. Mit den [...] Genoss*innen sind wir punktuell in internationalistischer Solidarität verbunden. Wir wussten, dass sie da sein würden bzw. hatten uns ihrem Aufruf angeschlossen. Das Ganze war recht spontan. Am Anfang waren wir von der Situation etwas überfordert und konnten nicht reagieren und haben es verpasst, uns klar zu distanzieren.
Dann haben wir versucht, mit den Genoss*innen über die Plakätchen zu diskutieren. Derjenige, der sie vorbereitet und verteilt hatte, hat sie nach unserer Intervention eingesammelt. Aber viele derjenigen, die sie trugen, fanden sie okay und verstanden unsere Kritik nicht bzw. hatten eine andere Meinung dazu. Einer sagte, die Linken aus den reichen Ländern seien eben ganz anders als die Linken aus den kolonisierten Ländern.
Wir haben im Nachhinein unter uns noch darüber diskutiert und würden uns wünschen, uns einmal mit euch darüber auszutauschen, welche Erfahrungen ihr mit politischen Gruppen mit anderen Hintergründen («aus kolonisierten Ländern») habt und wie ihr es handhabt, wenn ihr für eine Sache einstehen wollt, für die andere mit anderen Hintergründen auch einstehen. Wo sind die Grenzen? Habt ihr da eine gemeinsame Haltung oder gibt es bei euch unterschiedliche Meinungen oder Sensibilitäten/Verständnisse?
Wir werden unter uns weiter darüber diskutieren und würden uns sehr über einen Austausch mit euch mal im Juni freuen.
Solidarisch,
einige Palästina-Solidarische und Unterstützer*innen der Kampagne gegen die israelische Apartheid

Wir haben bis jetzt keine Antwort von der [...] bekommen.
Eine Woche danach haben wir uns unter uns noch einmal getroffen und ausführlich inhaltlich diskutiert, warum diese Gleichsetzung Israelfahne–Hakenkreuz für uns nicht geht. Wir gewichten die verschiedenen Gründe individuell unterschiedlich, sind uns aber einig, dass es definitiv nicht geht. Dieser Austausch hat auch unter uns Vertrauen gebildet.
Wir haben entschieden, den [...] Genoss*innen unseren Standpunkt mitzuteilen und ihnen ebenfalls einen Austausch anzubieten, falls sie dazu bereit sind. Bis jetzt noch keine Rückmeldung von ihnen.
Wie bleiben dran.

Inzwischen heissen wir übrigens Bacaia (Bern’s Anarchists* and Communists* against Israeli Apartheid). Wir haben, wie ihr merkt, auch eine Mailadresse, (bacaia@immerda.ch), auf der wir verschlüsselt erreichbar sind.

Liebe Grüsse.
15.6.18

5. Stellungnahme des Barrikade-Kollektivs

Am 19. Juli 2018 erfolgte die Stellungnahme des Barrikade-Kollektivs:
Siehe
https://barrikade.info/Stellungnahme-Diskussion-zum-Artikel-Israelischer-Checkpoint-an-der-Uni-Bern-19-1282?lang=de

6. Resultate unserer Recherchen in der thematischen Auseinandersetzung innerhalb des Kollektivs

Im Laufe der Diskussionen um das Thema haben sich einige Kollektivmitglieder intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt und Recherchen angestellt.
Im Folgenden möchten wir diese Recherchearbeit abbilden, Wissen teilen und überdies Kritik ermöglichen und den Diskurs vorantreiben.

Die Recherche hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, ist nicht wissenschaftlich durchgeführt worden und ist sicher beeinflusst von der jeweiligen Position der Recherchierenden – welche u.a. weiss, christlich sozialisiert und in der Schweiz aufgewachsen beinhaltet.

Ziel war es, den Hintergrund des Konflikts um den Artikel zu durchleuchten und die Entwicklung einer reflektierten Position zum Thema Konflikt Israel/Palästina,sowie BDS / Antizionismus / Antisemitismus zu ermöglichen.

Wir freuen uns über Kritik an der Recherche und neue Inputs, inklusive Literatur-/Film-/Quellenvorschläge. Besonders freuen wir uns über jüdisch-anarchistische Positionen.

Historischer Hintergrund

Im Zuge unserer kollektiven Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dem Raum Israel und Palästina, haben wir neben den verschiedenen Definitionen auch einen Teil der Geschichte des Konflikts, sowie emanzipatorische Bewegungen darin, angeschaut. Dabei ist uns wieder einmal aufgefallen, dass der Fokus der Geschichte meist auf den Entscheidungen und Handlungen der jeweiligen Regierungen liegt. Den Erlebnissen, Taten und Bedürfnissen der Menschen, die dort leben, wird seltener Beachtung geschenkt.

Als wir unsere Recherchen zusammentrugen, um einen Teil davon zu veröffentlichen, diskutierten wir darüber, ob wir die von uns zusammengestellte Chronologie auch hinzufügen wollen. Wir haben uns schliesslich dazu entschieden, sie nicht zu veröffentlichen. Einerseits aus dem vorher genannten Grund, da wir den Fokus nicht noch mehr auf die Regierungen legen wollen, andererseits auch, weil der Konflikt zu komplex und zusammenhängend mit anderen Entwicklungen ist, um ihn kurz zu fassen.
Wir wollen jedoch darauf hinweisen, dass wir es für eine kritische Auseinandersetzung mit den Entwicklungen vor Ort, sowie den eigenen antisemitischen, antimuslimischen und rassistischen Haltungen, wichtig finden, dass man sich informiert und sich auch mit emanzipatorischen Teilen des Widerstandes und allgemein den emanzipatorischen Bewegungen und Meinungen befasst und den Stimmen der direkt betroffenen und/oder widerständigen Menschen Beachtung schenkt.
Dies bedeutet, nochmals allgemeiner gefasst: Aus einer antiautoritären Perspektive finden wir, dass man sich nicht auf die Seite einer Regierung stellen und diese verteidigen sollte, sondern sich solidarisch mit den widerständigen, antiautoritären Bewegungen zeigen kann. Ausserdem finden wir eine kritische Reflektion der eigenen Position und den damit verbundenen Privilegien als Mensch aus einem nicht kolonialisierten Land nötig.

Definition Antisemitismus

Vorläufer von Antisemitismus vor dem 19. Jh.: Christlicher Antijudaismus, dieser war nicht (pseudo-)„wissenschaftlich“ auf die „Rasse“ der Semit*innen begrenzt (welche natürlich sowieso nicht existiert), sondern auf die Religion bezogen. Jüd*innen konnten auch konvertieren / sich assimilieren. Der christliche Antijudaismus war (bzw. ist) eine gruppenpsychologische Massnahme zur Festigung der eigenen, neuen Religion in Abgrenzung zur „Mutterreligion“ Judentum. Später wurde der Antijudaismus auch für nicht-religiöse Konflikte instrumentalisiert.

Antisemitismus bzw. Antijudaismus ist seit 2000 Jahren Teil der christlichen Kultur und dem kulturellen Bewustsein. Jedoch: Antisemitsmus als „natürlich“ darzustellen, missachtet den gesellschaftlichen /kulturellen/politischen Wandel. Antisemitismus als natürlich darzustellen legitimiert Israel, da das „Verhalten von Jüd*innen“ keinerlei Einfluss auf den ihnen entgegen gebrachten Hass zu haben scheint.

Der Antisemitismus wird mit den nationalistischen Strömungen des 19. Jh. gross. Er ist ein Mix aus Rassismus, Verschwörungstheorien (eigentlich: -Mythen! Da Theorien per Definition nachweisbar sind), Antijudaismus und Sozialdarwinismus (im pseudowissenschaftlichen Diskurs des 19. Jh., der viel mit Biologie argumentierte, wurden Jüd*innen als „Bakterien“ oder „Pest“ angesehen bzw damit gleichgesetzt (sie wurden nicht mehr „nur verglichen“).

Antisemitismus wird kritisch auch als eine Fiktion, als „Gerücht“ betrachtet (Theodor W. Adorno (1903-1969), ein Philosophe/Soziologe der sogenannten Frankfurter Schule, hat geschrieben: „Antisemitismus ist das Gerücht über die Jüd*innen“. Gegen ein Gerücht ist schwer vorzugehen, da es nicht überprüfbar ist und dahinter keinerlei Fakten stehen. Deswegen kann Antisemitismus auch als Verschwörungsmythos klassifiziert werden. Der Text „Die Protokolle der Weisen von Zion“ soll zwischen 1918-1939 „das weltweit am meist verbreitete Buch nach der Bibel“ gewesen sein (Quelle: Handleman, Scott. 2003. „Trivializing Jew-Hatred.“ In: Cockburn, Alexander and Jeffrey St. Clair (ed). 2003. The Politics of Anti-Semitism. AK Press: Oakland, S. 12-20. auf Seite 15, eigene Übersetzung).

Tony Butler definiert Antisemitismus als „To hate Jews because they are Jews“. Wobei: Antisemitismus ist nicht ganz so einfach, er dient bspw. auch als Welterklärungsmodell. Dies erklärt auch die Existenz von Antisemitismus in Gegenden wo es fast keine Jüd*innen gibt, zb in Japan. Hier ist zu beachten:
Die Definition von Antisemitismus unreflektiert / grenzenlos zu erweitern ist gefährlich: das Wort verliert so seine Qualität.

Antizionismus hat sich ebenfalls gewandelt mit Auschwitz: Es gibt eine Zunahme von antisemitischen Ressentiments im Antizionismus nach 1948 durch die Staatsgründung von Israel. Der Zionismus war Antwort auf ein „jüdisches Problem“, welches im Europa des 19.Jh. so von nicht-jüdischen Menschen definiert wurde. Drei der „Lösungen“ auf das ihnen zugeschriebene „Problem“ waren für einige jüdische Menschen: 1) Assimilation, 2) Sozialismus (als Emanzipation aller, auch der Jüd*innen), 3) Zionismus.
Ein weiteres wichtiges und interessantes Thema ist die Geschichte von jüdischem/religiösem/anarchistischem Antizionismus; dies wird an dieser Stelle aus Kapazitätsgründen nicht behandelt.

Antisemitische Argumentationslinien in linker Szene

Verkürzte Kapitalismuskritik:

In der theoretischen Kritik wird die Produktion von Zirkulation getrennt. Geldbesitzende, darlehende Personen, Geld „raffende“ Personen seien das einzige Problem (hier wird „raffendes Volk“ dem „schaffenden Volk“ gegenübergestellt). Die Zirkulation von Geld wird sodann mit Jüd*innen gleichgesetzt, dies auch aus Gründen der antijudaistischen wie antisemitischen Geschichte von Zinswesen, Handel etc.
(Ein Zitat aus dem Werk „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer von 1947: „Jüd*innen wurde in die Zirkulationssphäre verbannt“).

Verschiedene Wirtschaftstheoretiker*innen wie Silvio Gsell trennen die Produktions- und Zirkulationssphäre voneinander; Marx mache dies anscheinend nicht. Vergleiche auch die Diskussion zu Silvio Gsell und sein Antisemitismus auf Barrikade.info dazu:
Kritik an Gsell: https://barrikade.info/Kommt-dir-jemand-mit-Vollgeld-1119?lang=de
Replik: https://barrikade.info/Gesell-der-Rebell-1126?lang=de

Personalisierung von Kapitalismuskritik durch die Personifizierung von Kapitalverhältnissen: Beispiele: Parolen gegen Kapitalist*innen, nicht gegen den Kapitalismus; „böse Spekulanten“ statt „böse Spekulation“; gegen die Finanzkapitalelite, WallStreet, McDonalds, etc.

Antisemitische Argumentationslinien kommen auch in der Antifa-Bewegung vor und werden viel zu wenig thematisiert, dasselbe gilt auch für andere Bewegungen wie z.B. die feministische Bewegung. Das Thema wird ignoriert, es wird als Problem angeschaut, von dem mensch „überfordert ist", mensch „nicht betroffen ist“, etc. Eine Lösung wäre, feministische Jüd*innen in die Diskussion miteinzubeziehen!

In solchen Bewegungen gibt es teilweise vehementen Widerstand gegen den Antisemitismus-Vorwurf. Dieser Widerstand kann als „Vernichtungs-Antisemitismus“ im deutschen linken Diskurs definiert werden, welcher folgende Elemente teilt:

  • Antisemitismus wird nur als Massenmord an Jüd*innen definiert (hier wird die antisemitische Kultur vollkommen ausgeblendet)
  • Antisemitismus läge „nur bei Auschwitz“ vor. Antisemitismus andernorts wird geleugnet!
  • die dominierende, christliche Mehrheitskultur wird vollkommen ausgeblendet / nicht benannt / als normal dargestellt
  • von einigen wird der Antisemitismus-Vorwurf fast schlimmer als der Antisemitismus selber empfunden oder dargestellt
  • was der Staat Israel macht, sei „fast schlimmer“ als „das was Deutschland im zweiten Weltkrieg gemacht hat“; Deutschland habe sich in den letzten Jahrzehnten „reingewaschen“ und sei „sicher besser“ als „die Juden“.

Argumentation Antizionismus = Antisemitismus

Hier stellen wir die Argumentationslinie dar, welche Antizionismus mit Antisemitismus gleichsetzt:

Nach 1948 (Staatsgründung Israels) ist Antizionismus nicht mehr dasselbe, da Israel faktisch existiert.
Weil Antisemitismus „verboten“/“verpönt“ ist, nennt mensch es einfach Antizionismus; Antisemitismus und Antizionismus sind aber faktisch dasselbe, Antizionismus ist eine „Camouflage-Technik“ für Antisemitismus, Antizionismus sei „der ehrbare Antisemitismus“. Mensch sei gegen Israel, nicht gegen Jüd*innen. Doch: in der Argumentstruktur von Antizionismus werden Jüd*innen sowie das Judentum entwertet.
In der Dämonisierung Israels herrschen antisemitische Stereotype vor: Israel sei das Land der „Menschenfeinde“, „Kindermörder“, „Brunnenvergifter“ (da Israel chemische Waffen verwenden soll); „Juden sollen ins Meer getrieben werden“ (Ausspruch nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967, als die Israelsolidarität in der deutschen Linken zu bröckeln begann; mensch sprach vom „Holocaust an den Palästinenser*innen“, Israel wurden als die „neuen Faschos“ dargestellt, etc.)
Die Wortkombination „Boycott Israel“ hat 2 Millionen Google-Suchresultate; gegen keinen anderen Staat wird so vorgegangen wie gegen Israel. Dies deutet auf eine Obsession mit dem israelischen Staat hin.
Israel wird mit „der Jude“ gleichgesetzt – dabei gibt es in Israel christliche, drusische, muslimische Menschen sowie Menschen anderer Religionszugehörigkeiten.

Gegenargumente von antizionistischer/israelkritischer (jüdischer) Seite

Hier stellen wir die Argumentationslinie dar, welche die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus kritisiert:

Antisemitismusvorwurf ist ein Herrschaftsinstrument; antizionistische Jüd*innen werden pathologisiert (= für krank erklärt), von der Gemeinschaft ausgeschlossen, mit Gewalt begegnet, delegitimiert (sie seien „selbsthassende Jüd*innen“)
Antizionistische Kritik von Jüd*innen wird unterbunden: nichtjüdische Deutsche wollen jüdischen Deutschen (oder Jüd*innen im Allg.) befehlen, was sie zu sagen haben.
Gegenüber dem meint die Jüdische Antifa Berlin: „Wir beanspruchen, für uns selbst unsere Identität und Politik zu definieren.“
Jüdische Stimmen werden nicht priorisiert im Diskurs; dies ist eigentlich unhaltbar, mensch könnte dies mit einer Sexismus-Diskussion vergleichen, in der die Stimmen von heterosexuellen Cis-Männern priorisiert werden.

Hier eine Skizzierung von antizionistischen, linken Positionen:

Antizionistische Jüd*innen stehen für universelle Menschenrechte ein, nicht nur für die Menschenrechte von Jüd*innen nach Auschwitz. „Nie wieder Auschwitz“ muss überall gelten, nicht nur auf Jüd*innen / Deutschland / Israel bezogen.
Israel ist ein Staat, keine Person; Zionismus darf nicht mit Judentum vermischt werden, Kritk an Israel darf nicht mit Antisemitismus vermischt werden.
Die Vermischung wird als Instrument benutzt, um Israel zu schützen, Das Problem ist aber, dass das Wort durch diese Vermischung an Qualität verliert und dass dadurch Massen von neuen Antisemit*innen kreiert werden (die eigentlich gar keine sind – durch die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus wird Antisemitismus aufgewertet!); zudem wird Antisemitismus in der arabischen Welt sehr durch Zionismus und durch die Kriege Israels befeuert. Progressive Jüd*innen bemühen sich, Antisemitismus und Antizionismus klar voneinander zu trennen, um den Antisemitismus einzudämmen.
Wenn Kritik an Staaten ok ist, warum ist Kritik an Israel nicht in Ordnung? Die Vorsicht bei bzw. die Angst vor dieser Kritik ist der fehlenden Aufarbeitung in Deutschland geschuldet; Die Gleichsetzung „Antisemitismus = Antizionismus“ funktioniert über das schlechte Gewissen von Deutschland, es herrscht die „Bedingungslosigkeit-Doktrin“ vor: „Durch dick und dünn mit Israel“
Die linke Unterstützung von Israel als „Jüdischem Staat“ wird kritisiert: Linke würden nicht einen „islamischen Staat“ unterstützen; der begriff „Jüdischer Staat“ ist rassistisch und diskriminierend, den Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen in dieser Region gegenüber. Zudem: Ethnischer Nationalismus, „Ethnokratie“ (Oren Yiftachel) nicht unbedingt auf Religion basierend.

Dies sind Gegenargumente zum Vorwurf des „Doppelstandards“ bei der Kritik an bzw. zum Vorwurf der „Obsession“ mit Israel:

Eine dezidierte Kritik an Israel aus Deutschland/Europa ist verständlich, da Deutschland mitverantwortlich für die Gründung des Staates Israel ist. Zudem stellt „Der Westen“ Israel auf einen Sockel, sozusagen über internationales Recht (Argument von Desmond Tutu), und behandelt Israel ebenfalls als „Spezialfall“. Auch unterstüzen die USA und Europa Israel seit Jahren wirtschaftlich und liefern Israel Waffen. Und auch da Israel sich selber als „einzige Demokratie“ in der Region rühmt und sich als Hafen von Freiheit, Gleichheit, etc. darstellt.

Philosemitismus:

(philo-semitisch ist das Gegenteil von anti-semitisch, von griechisch philos = Freund*in; als philosemitisch werden meist nichtjüdische Menschen beschrieben, die jüdische Personen und die jüdische Religion aus verschiedenen Gründen vorbehaltlos unterstützen, verehren bzw. verklären)
Die jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) schreibt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951): „Sozialer ‚Philosemitismus‘ endete immer damit, dem politischen Antisemitismus jenen mysteriösen Fanatismus hinzuzufügen, ohne den Antisemitismus kaum je der beste Slogan zur Mobilisierung der Massen hätte werden können.“ Philosemitismus liefert eine Grundlage oder Rechtfertigung für Antisemitismus. Die Beiden sind komplementär, der gemeinsame Nenner von Philosemitismus und Antisemitismus: Obsession mit Jüd*innen und dem Judentum

Unbeachtete Flecken in der linken Unterstützung von Befreiungsbewegungen im nahen Osten / Palästina

  • Mythologisierung, Glorifizierung von Nation, Staat, Volk
  • Antiimperialismus wird zum Ersatznationalismus
  • Bedingungslose unterstützung von Gruppen, obwohl diese religiös-fundamentalistisch / nationalistisch sind
  • Bezeichnung von Israel als den „heutigen Nazis“: dies gründet auf einem deutschen Wunsch nach Entlastung, dem Wunsch, endlich „normal“ und keine Nazis mehr zu sein.

Was ist die antideutsche Ideologie?

Die antideutsche Ideologie entstand um 1990, als Protest gegen die Wiedervereinigung von BRD und DDR und für die Auflösung von Deutschland in eine multikulturelle Region. Ein bekannter Slogan: „Nie wieder Deutschland“
Antideutsch war erst ein Schimpfwort von Neonazis für diese linken Autonomen, die gegen Deutschland protestierten; Letztere haben sich dann den Begriff positiv angeeignet.

Obsession Philosemitismus

Neben diesem Ursprung ist Antideusch eine Reaktion auf die linke Unterstützung von pro-Palästinensischer Befreiungsbewegung; eine -teils - bedingungslose Unterstützung von Israel.
Die Ideologie ist potentiell kriegsaffin, z.B. beim US-Golfkrieg gegen den Irak 1990. Damals war das Schwarz/Weiss-Denken sehr verbreitet, Antideutsche sprachen von „muslimischen Banden“ in dieser Region.
„Anti-Amerikanismus“ wird als „struktureller Antisemitismus“ wahrgenommen (Achtung: struktureller Antisemitismus wird anders definiert als zb. struktureller Rassismus)
Die antinationale Strömung ist eine reformierte Strömung der Antideutschen: sie ist gegen alle Staaten, doch soll Israel als letzter Staat abgeschafft werden (da der Schutzraum Israel benötigt wird).

BDS

Der Boykott läuft unter anderem auf ökonomischer, kultureller, akademischer Ebene; Israel investierte im jahr 2015 23 Millionen Euro für eine weltweite Anti-BDS Kampagne.

Argumente: BDS sei antisemitisch

BDS sei geschichtsvergessen
Die Existenz Israels ist mit der Shoah verbunden, dies kann nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.
Es gibt eine historische Parallele von BDS zu den antisemitischen Aufforderungen und Schildern, die an Läden angebracht wurden, u.a. in Nazideutschland: „Kauft nicht bei Juden“
Im Vorwurf, dass Israel ein imperialistischer/kolonialer Staat sei, wird Israel implizit die Existenzberechtigung abgesprochen

Kontra-argumente: BDS sei nicht antisemitisch

Der Antisemitismusvorwurf an BDS sei seinerseits geschichtsvergessen: Wie könne mensch Menschenrechtler*innen (von BDS) mit Nazis vergleichen?
Durch den Vergleich von antisemitischen Verbrechen und Katastrophen mit der friedlichen BDS-Kampagne wird die Shoa verharmlost.
Israel ist heutzutage keine bedrängte Minderheit wie es Jüd*innen im Nationalsozialismus waren, sondern militärisch sowie wirtschaftlich das stärkste Land in der Region.

Vorwurf an BDS-Kampagne, ihr Logo, die Comicfigur HANDALA, sei antisemitisch

Hintergrund des Comics:
Der Comiczeichner Naji al-Ali ist selber palästinensischer Geflüchteter, während der Nakba 1948 musste seine Familie aus ihrem Dorf Ash Shajara flüchten, Naji al-Ali wuchs in einem libanesischen Flüchtlingscamp auf. Er kreierte Handala um 1975.
Die Figur Handala gilt heute noch als Symbol für Widerstand, sie versinnbildlicht einen 10-jährigen rebellischen Jungen, der aus Palästina flüchten musste.
Es sei das berühmtester Comic in arabischem Raum.
Naji al-Ali erhielt zahlreiche Morddrohungen wegen Antisemitismusvorwurf, 1987 wurde er in London ermordet.

Zu den Zeichnungen: Alle können sich auf dieser Homepage ein Bild des Comics machen: http://hndala.org/
Die auf http://handala.org/ ersichtlichen Zeichnungen bilden israelische Soldaten in Uniform ab, diese Menschen werden mit antisemitischen Stereotypen gekennzeichnet, z.B. mit einer „Hakennase“, sie werden sehr „hässlich“ und gewalttätig dargestellt, sie bedrängen eine sehr „schön“ dargestellte Frau, die für Palästina steht.

Definition Apartheid (zitiert von Wikipedia)

Apartheid ist ein international definiertes Verbrechen gegen die Menschlichkeit (englisch "Crime of Apartheid")[1]. Die Definition entstand während des Kampfes gegen die juristische und faktische Diskriminierung rassisch definierter Bevölkerungsgruppen in Südafrika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit der Generalisierung und Kodifizierung dieses Verbrechens in mehreren Völkerrechtsverträgen wird die Definition juristisch auch auf vergleichbare Zustände außerhalb Südafrikas angewendet. Die südafrikanische Apartheid wurde 1994 abgeschafft. Heute wird der Begriff auch im Sprachgebrauch für jegliche Arten von ethnisch bzw. rassistisch motivierter Segregation verwendet, bei der die Staatsgewalt in einem Land zur Einschränkung der sozialen und bürgerlichen Rechte einer Gruppe missbraucht wird.

Kurzer Exkurs: Historischer Antijudaismus und Antisemitismus in der Schweiz

Vertreibung von Jüd*innen im 15. Jh. aus der „Schweiz“, sie werden als „Schwarm“ / „Pest“ gebrandmarkt.
Bis 1874 haben Jüd*innen nur eingeschränkte Rechte, diese rechtliche Diskriminierung wurde nur nach Druck von ausserhalb der Schweiz aufgehoben.
Die Tierschutzgesetze von 1893 (durch die erste Volksinitiative beschlossen) beinhalten einen Fokus auf das Schächtverbot (was einen antisemitischen Zusammenhang hat).
Zudem herrschte immer eine restriktive Asylpolitik gegenüber Jüd*innen. 1930 erfolgt ein antisemitisches Schweizer Parteienbündnis. Insbesondere nach 1938 erfolgte eine hohe Anzahlt Abweisungen jüdischer Geflüchteter.

Quellen

Podcasts

  • Podcasts auf freie-radio.net: Schlagwort „Antisemitismus“ und „Israel“; Zahlreiche Interviews und Hintergrundberichte
  • Podcast auf „Lila Podcast“: „Feminismus u Antisemitismus“, Zu BDS, Judith Butler, Laurie Penny

Weiterführende Literatur

  • Werke von Moshe Zuckermann, Ilan Pappe, Evelyn Hecht-Galinski: „Das 11. Gebot: Israel darf alles“
  • Jürgen Mümken/Siegbert Wolf (Hg.), „Antisemitismus, das geht nicht unter Menschen“. Anarchistische Positionen zur Antisemitismus, Zionismus und Israel. Band I, Von Proudhon bis zur Staatsgründung, 295 Seiten; Band II, Von der Staatsgründung bis heute, 268 Seiten.
  • Stein, Timo. 2011. "Zwischen Antisemitismus und Israelkritik. Antizionismus in der deutschen Linken". VS-Verlag.
  • Alexander Cockburn and Jeffrey St. Clair (ed). 2003. The Politics of Anti-Semitism. AK Press: Oakland.
  • Améry, Jean. 1969. „Der ehrbare Antisemitismus" (ein Klassiker der antideutschen literatur)
  • Spohr, Johannes. Verheerende Bilanz: Der Antisemitismus der Linken. Klaus Rózsa und Wolfgang Seibert zwischen Abkehr, kritischer Distanz und Aktivismus. Neofelis Verlag https://www.neofelis-verlag.de/politik-debatte/relationen/7-verheerende-bilanz/