Technophobie in der linken Szene

Die Zeit rennt. Alles wird schneller, effizienter, besser organisiert. Der technologische Fortschritt ist nicht zu übersehen. Eingekauft wird immer mehr Online, wenn in einem Laden eingekauft wird, dann kann kontaktlos an einer Self-Checkout Kasse bezahlt werden. Doch ist diese Entwicklung schlecht?

Stimmen werden immer lauter, voller Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, weil ein Roboter oder Programme nun die gleiche Arbeit übernimmt und diese Arbeiten meist noch qualitativ und vor allem quantitativ besser macht. Einige fordern neue Steuern (Juso/SP), andere argumentieren gar gegen den Fortschritt der Technologie an sich. Jedoch wird das Problem häufig am falschen Ort gesucht. Weniger Arbeit wird als Problem gesehen, obwohl die meisten Menschen lieber ihre Freizeit geniessen würden, als diese mit Lohnarbeit zu füllen. Das Problem aber liegt darin, dass nur jene einen Vorteil in der neu gewonnen Zeit haben, welche die Produktionsmittel besitzen. So können durch eine einmalige Investition etliche Stellen gestrichen werden und der Profit wird bei gleichbleibendem Umsatz erheblich gesteigert. Was ebenfalls zur Folge hat, dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt aufgrund höherer Arbeitslosigkeit steigt. Dies führt wiederum dazu, dass mehr Leistung gefordert werden kann, stets mit dem Bewusstsein, dass jede Arbeitskraft ersetzbar ist.

Doch sollten bei weniger anstehenden Arbeit nicht auch die Arbeiter*innen einen Vorteil daraus ziehen können? Dies ist leider sehr unwahrscheinlich, wenn nicht an den Grundfesten dieses ökonomischen Systems gehörig gerüttelt wird.

In diesem Falle könnte durch die Abschaffung der Lohnarbeit sowohl die Arbeitslosigkeit wie auch die Arbeitszeiten der einzelnen Arbeiter*Innen auf ein Minimum gesenkt werden, produziert würde nachwievor die selbe Menge oder zumindest soviel wie auch benötigt wird. So ist Schluss mit Burn-Out und Existenzängsten, Schluss mit sozialem Abstieg durch Arbeitslosigkeit. Natürlich fragt sich nun, hat einjede*r dann genug um zu leben, wenn weniger gearbeitet werden muss? Auch diese Antwort fällt leicht. Wenn die Produktionsmittel allen gehören, ist es auch nicht möglich, dass sich wenige Personen an der Arbeitsleistung der Arbeitenden bereichern. Wenn die Lohnarbeit abgeschafft ist, wird alles was Produziert wird, auch allen zugutekommen. Eine Überproduktion von Gütern wird somit absurd, weil kein Interesse besteht, etwas zu produzieren, was nicht benötigt wird.

Deshalb ist nicht die Automatisierung oder die Technik schlecht, sondern allein das System, welches ermöglicht, dass solche Technologien zur effizienteren Bereicherung der besitzenden Klasse benutzt wird. Immer öfter wird der Technologie die Schuld an z.B. höherer Arbeitslosigkeit gegeben und nicht a Chef, geschweige denn am System das den Chef dazu zwingt die Arbeit effizienter zu machen und Lohnkosten zu sparen. Das selbe Phänomen beobachten wir auch bei der Überwachung. Anstelle der Behörden, die überwachen, wird oft der Technologie die Schuld gegeben. Jedoch könnte diese uns aus subversiver, aktivistischer Perpsektive sehr grosse Vorteile bringen. Grössere, schnellere Mobilisierungen zu Protesten, effizientere Kommunikation in Gruppen, wie auch gezielte Irreführung der Überwachenden. Also warum sollten wir den Herrschenden diesen Vorsprung gönnen?

Leider sehen wir auch in alternativ linken Strömungen eine grosse Akzeptanz der Technophobie, ganz besonders im Bezug auf Mobiltelefone und sozialen Medien. Viele rennen mit Steinzeithandys rum und denken, sie entziehen sich irgendetwas Bösem. Jedoch ist auch dieses Gerät überall zu Orten, SMS und Telefonate sogar einfacher abhörbar, als z.B. Whatsup oder ähnliche Alternative Kommunikations Apps. Zudem können solche Handys ein weitaus grösseres Sicherheitsproblem darstellen, wenn sie in die falschen Hände gelangen. Denn, wir haben noch nie ein Nokia 3310 gesehen, welches verschlüsselt werden kann. Dies soll natürlich nicht als Smartphonelobpreisung verstanden werden, jedoch gibt es kaum Argumente, welche die Nutzung eines technologisch höherentwickelten Handys infrage stellen würden. Vielleicht ist die Verweigerung davon auch einfach eine linke Modeerscheinung und somit wird es zur innerlinken Coolnessfrage.

Ebenso verhält es sich mit sozialen Medien. Oftmals erfahren wir grosse Abneigung zur Nutzung von Facebook und ähnlichen Medien. Jedoch müssen wir uns die Frage des Ziels stellen. Was wollen wir erreichen, mit Texten, welche verfasst werden und Veranstaltungen, für welche mobilisiert werden? Wenn erreicht werden will, dass möglichst viele Menschen, die sich noch nicht in linkspolitischen Zusammenhängen bewegen, unser Schaffen mitbekommen, müssen wir auch die Plattformen nutzen, auf welchen unsere Zielgruppen sich befinden. So beispielsweise Facebook (Uns ist bewusst, dass Facebooks Algorithmen soziale Proteste gezielt lähmen und auch dieverse andere kritische Argumente klar vertretbar sind). Wenn jedoch nur die bereits aktive Bewegung erreicht werden soll, können wir selbstverständlich auch die szeneinternen Kommunikationswege brauchen. Doch müsste unser Ziel nicht sein, Inhalte so weit wie möglich zu streuen, um Menschen zum Nachdenken zu bewegen und sie im besten Fall zum Handeln zu bringen? Uns ist jedoch, wie schon erwähnt, bewusst, dass viel Kritik an Facebook und Co. angebracht und richtig ist, und dennoch tragen wir Nikeschuhe und essen ein Schinkensandwich. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

Uns erscheint es am sinnvollsten, die Technologie zu benutzen, immer im Bewusstsein um deren Schwächen. Jedoch müssen wir auch immer bereit sein Neues bezüglich dem Umgang zu lernen und den unseren zu reflektieren. Denn wenn wir die Schwachstellen der Technik besser kennen, können wir uns nicht nur selbst besser schützen, sondern Sie auch bewusst als Waffe benützen. Hiermit wollen wir einen Gegenpol zu einem Denken darstellen, welche uns höchst reaktionär erscheint. Denn sich der Technologie zu verschliessen, heisst ihr auch ausgeliefert zu sein. Deshalb lasst und fortschrittlich sein, der Rest der Welt wartet nicht auf uns.