V-Mann Gerrit Greimann in Göttingen enttarnt

Am 13. November 2018 wurde in der Göttinger Gruppe Basisdemokratische Linke (IL) ein V-Mann des Niedersächsischen Verfassungsschutzes enttarnt. Gerrit Greimann (24) war als Vertrauensperson (VP) beschäftigt, das heißt er hat unter seiner normalen Identität vom Verfassungsschutz angeworben die Göttinger Strukturen ausgeforscht. Vertrauliche Informationen, die aufgrund eines Fehlers beim VS im Zuge eines Auskunftsersuchens öffentlich wurden, machten es möglich, Greimann zu identifizieren und zu outen.

Im Zuge eines Auskunftsersuchens an das Landesamt für Verfassungsschutz Niedersachsen wurde juristisch gegen einen Sperrvermerk vorgegangen. In den dazu angelegten Akten ist nachvollziehbar, dass der Verfassungsschutz versehentlich nicht geschwärzte Akteninhalte an das Verwaltungsgericht Hannover übersendet hat. Über die darin enthaltenen Begründungen für die Nichtherausgabe der Berichte, die als „amtlich geheim gehalten, Verschlussache - vertraulich (Quellenschutz)“ eingestuft sind, konnte Greimann identifiziert werden.

Greimann war schon während seiner Schulzeit politisch interessiert. Nach seinem Abitur 2015 an der Gesamtschule Hüllhorst in Nordrhein-Westfalen zog er nach Göttingen in Niedersachsen. Hier war er nach eigenen Angaben bei solid/Your Turn aktiv. Über einen öffentlichen Einstiegsabend kam er schließlich im November 2016 zur Basisdemokratischen Linken. Hier beschäftigte er sich zunächst mit dem Thema Antifaschismus, ab Anfang 2018 dann mit Politik an der Hochschule. Aus der Gruppe heraus nahm er an antifaschistischen Gegenprotesten und auch überregionalen Treffen teil. Außerdem äußerte er Interesse an Strukturaufgaben. Allerdings war er auffällig wenig engagiert, in der Gruppe relativ schlecht vernetzt und pflegte keine tiefergehenden sozialen Beziehungen.

An der Georg-August Universität ist Greimann seit dem Wintersemester 2015/16 für Politikwissenschaft und Arabistik/Islamwissenschaft mit der Matrikelnummer 21560635 eingeschrieben, ohne bisher in seinem Bachelor-Studium einen einzigen Credit-Point gesammelt zu haben. Er hat in den letzten zwei Jahren bei Hochschulwahlen für das Studierendenparlament, den Fakultätsrat und die Fachschaft Philosophie auf der Alternativen Linken Liste kandidiert und ist aktuell das einzige studentische Mitglied in der Struktur- und Haushaltskommission der Philosophischen Fakultät sowie stellvertretendes studentisches Mitglied der Studienkommission der Philosophischen Fakultät.

Gerrit Greimann, geboren am 17.06.1994, kommt aus 32609 Hüllhorst, Beethovenstraße 6, in Nordrhein-Westfalen und wohnt aktuell im Studierendenwohnheim Rosenbachweg 6, 37075 Göttingen, Zimmernummer 306. Seine Handynummer lautet 015733996586 und er benutzt die Email-Adressen gerrit.greimann@outlook.com, gerrit.greimann@stud.uni-goettingen.de, haferriegel@riseup.net und designatedsurvivor@riseup.net.
Sein Konto ist bei der Volksbank Schnathorst (IBAN: DE49 4926 2364 0078 6795 01 BIC: GENODEM1SNA). Bei Facebook ist er unter facebook.com/gerrit.greimann angemeldet. Er ist aktiver League of Legends Spieler (Gamer) und spielt Schach.

In den Akten begründet der Verfassungsschutz die Geheimhaltung der vertraulichen Informationen mit folgendem Satz: „Autonome Szenen sind in der Lage akribisch zu recherchieren und versuchen auch nach längerer Zeit zu rekonstruieren, in welchem personellen Umfeld sie sich bei einer Demonstration oder Veranstaltung befunden haben. Ein Rückschluss auf die VP ist somit nicht auszuschließen. Eine Offenlegung der Erkenntnisse ist daher aufgrund der Gefährdung für die VP nicht möglich.“ Kein Spitzel oder V-Person kann sich auf die amtliche Geheimhaltung verlassen.

Wir kriegen sie alle!

Nachwort:

Jedes Outing eines Spitzels oder einer V-Person bringt nicht nur die Freude mit sich, eines dieser Schweine erwischt zu haben, sondern stellt auch die Fragen nach Schutz und Umgang. Wir möchten an dieser Stelle auf ein paar zentrale Punkte hinweisen, die vermutlich vielen bekannt, aber dennoch gerade in der aktuellen Situation wichtig sind und nicht vergessen werden sollten.

Ruhe bewahren! Alle haben diesen Hinweis schon mal im Kontext vom Umgang mit Bränden gelesen. Er gilt aber gerade auch in der aktuellen Situation. Das, was viele schon lange geahnt haben, ist jetzt bestätigt und wenig verwunderlich: Ja, auch in Göttingen gibt es Spitzel. Vielleicht kommen jetzt Zweifel an Genoss*innen oder ein weggewischter Verdacht wieder in den Kopf. Aber: nur weil jetzt ein V-Mann geoutet wurde, sind nicht alle anderen auch welche. Angeworbene Spitzel, die mit der eigenen Identität in den Strukturen operieren, sind extrem schwer zu enttarnen, da verdächtige Fehler oder Lücken in der recherchierbaren Biografie praktisch nicht auftauchen. Und nur, weil eine Person sich komisch verhält, vielleicht sozial nicht den Erwartungen entspricht oder unsicher wirkt, muss sich in ihr nicht gleich der VS verbergen.
Geht bei einem Verdacht sorgfältig vor, nehmt euch die Zeit und Ruhe für eine gründliche Recherche und Bewertung. Holt euch bei Fragen Hilfe. Panik, Misstrauen und Streit führen zu Fehlern und nutzen letztendlich immer den Repressionsbehörden.

Wichtig ist auch, nicht zu glauben, dass die eigene Struktur ausreichend geschützt sei. Spitzel und V-Personen können überall auftauchen. Mit dem Finger auf andere Gruppen zu zeigen und deren angeblich zu laschen Sicherheitsvorkehrungen zu kritisieren, erhöht bestenfalls das eigene Sicherheitsgefühl, schafft aber keine Atmosphäre, in der betreffende Personen enttarnt werden können.
Und noch was: Linksradikale Politik lebt davon, dass sich immer wieder neue Menschen politisieren und aktiv werden. Nicht selten steht die dafür nötige Offenheit im Kontrast zum notwendigen Schutz der eigenen Strukturen. Und um die richtige Balance kann prächtig gestritten werden. Vergesst aber bitte nicht, dass sich ohne diese Offenheit irgendwann auch für eure Gruppe keine neuen Mitstreiter*Innen finden werden.

Zum Schluss noch ein Hinweis zum persönlichen Umgang. Wie jede Festnahme oder Razzia bringt auch die Enttarnung einer V-Person die laufende Repression stärker in das Bewusstsein. Wir alle haben in solchen Situationen immer wieder Zweifel und Ängste, fühlen uns vielleicht alleine oder hilflos. Geht mit diesen Gefühlen ehrlich um. Sprecht in euren Bezugsgruppen, WGs oder Freundeskreisen darüber.

Lasst nicht die Angst und damit die Repressionsbehörden gewinnen!