Aussageverweigerung

Vor ein paar Jahren haben zwei Polizisten aus der Westschweiz ein Buch geschrieben, welches erklärt wie beschuldigte Menschen am besten verhört werden können. Das Buch heisst "Die Geheimnisse der polizeilichen Verhörstrategien und -techniken". In diesem Artikel wird ein Teil des Inhalts dieses Buches aufgelistet.

Verbreitete falsche Annahmen zur Nichtzusammenarbeit mit den Cops

Oder warum doch noch viele Menschen die Fragen der Cops beantworten

« Ich bin doch gezwungen mit den Cops zu sprechen »

Die Aussage zu verweigern, ist ein Recht und kann juristisch nicht gegen die befragte Person verwendet werden. Gemäss Gesetz müssen nur folgende Informationen den Cops weitergegeben werden. Name, Vorname, Adresse, Geburtsdatum, Nationalität, Heimatsort, Beruf (aber nicht Arbeitgeber*in).

« Wer nicht spricht erscheint doch verdächtig »

Nicht die befragte Person muss ihre Unschuld beweisen, sondern die Cops müssen ihre Schuld beweisen. Hierfür verwenden sie verschiedene Beweismaterialien, darunter auch Gesprächsprotokolle der Aussagen die ihr macht oder nicht macht. In den Augen des Staates unglaubwürdig zu erscheinen, ist nicht ausreichend, um verurteilt zu werden. Hingegen kann der Versuch mit den Cops zusammenzuspannen, indem Fangfragen beantwortet werden, in die Falle führen.

« Lügen erlauben es, sich aus der Patsche zu ziehen »

Die Cops sind darauf spezialisiert Lügen aufzudecken oder Fragen zu stellen, welche die befragte Person verwirrt oder in Bedrängnis bringt. Glaubwürdig zu bleiben und die Unwahrheit zu sagen, verlangt ein grosses Konzentrationsvermögen, ein gutes Gedächtnis und viel Vorstellungsvermögen. Die Lüge muss eine Stunde/ein Tag/einen Monat später wiederholt werden können. Zu einem Zeitpunkt also, wo nicht klar ist, was die Cops alles gegen die befragte Person in der Hand haben. Die Cops versuchen sogar strategisch befragte Personen zu Falschaussagen zu verleiten, um diese danach mit Widersprüchen zu konfrontieren.

« Warum schweigen, wenn ich ja unschuldig bin »

Und die anderen? Die Freund*innen? Die Cops können Personen auch befragen, um belastende Informationen über andere Personen zu erhalten. Zudem können alle Informationen, die befragte Personen als Auskunftspersonen aussagen, das nächste Mal verwendet werden, um sie als beschuldigte Personen zu belasten.

Generelle Verhörstrategien

Trichter

Mit allgemeinen offenen Fragen beginnen, um dann allmählich zu präziseren geschlossenen Fragen überzugehen. Diese Vorgehensweise soll zuerst Vertrauen schaffen, um dann langsam an den Ort zu gelangen, wo das Gespräch hinführen soll. Es wird mit den Gefühlen der Befragenden gearbeitet.

Good cop, bad cop

Ein Klassiker. Der bad cop setzt zuerst Druck auf, um dann durch den verständnisvollen good cop abgelöst zu werden. Dieser «rettet» die befragte Person aus den Fängen des bad cops, falls die Fragen beantwortet werden. Diese zwei Figuren müssen nicht zwingend gleichzeitig auftauchen, sondern können während der Befragung auch nacheinander auftreten.

Verrennen / Treibsand

Die Cops beginnen mit Testfragen auf die sie bereits Antworten kennen. So wird getestet, ob die befragte Person die Wahrheit sagt. Falls diese lügt, werden sie diese zu maximal vielen Falschaussagen bewegen und so tun, als würden sie der Person glauben. In einer zweiten Phase werden sie die Person mit Beweisen konfrontieren, die aufzeigen, dass die Person gelogen hat oder widersprüchliche Aussagen gemacht hat.

Gefühlssättigung

Auf der Gefühlsebene arbeiten und die Situation der potentiellen Opfer in den Vordergrund rücken. Die Cops werden versuchen bei der befragten Person Schuldgefühle zu wecken, die durch ein Schuldgeständnis «reingewaschen» werden könnten.

Mechanismus unbewusstes Akzeptieren

Die Befragung beginnt mit einer Reihe zweitrangiger unwichtiger Fragen, die mit «Ja» beantwortet werden können (z.B. sind Sie wirklich Frau X? Wohnen Sie wirklich an dieser Adresse?) Das Ziel dieser Befragungstechnik ist es zu verhindern, dass die befragte Person sich verschliesst und stattdessen eine akzeptierende, offene Haltung einnimmt. Diese Technik wird auch von Telefonverkäufer*innen oder durch Richter*innen verwendet.

Naive Cops

Die Cops stellen stichhaltige Fragen, die jedoch in keinem direkten Zusammenhang zur Sache stehen. Diese Frage erwecken den Eindruck die Cops seien dumm und dass ihnen die Wahrheit ohne weiteres vorenthalten werden könne. In der Folge wird die befragte Person weniger achtsam.

Zeitspiel

Die Befragung wird in die Länge gezogen. Wenn die befragte Person ermüdet, werden Fangfragen gestellt, die nicht direkt verständlich sind. Dabei werden am Anfang und am Schluss der Frage strategische Schlüsselwörter platziert, um die Antwort zu beeinflussen.

Emotionales Anstecken

Die Cops versuchen die befragte Person in eine Gefühlslage zu versetzen, wo diese verletzbar ist. Hierfür werden die Cops diese Gefühlslage selber auch einnehmen. Z.B. werden die Cops selber zornig und wütend, damit die befragte Person ebenfalls wütend wird und Fehler begeht.

Befragungstechniken bei reuigen, kollaborierenden, empfindsamen Personen

Die Wahrheit begünstigen

Diese Technik wird oft bei Affekt-Taten verwendet. Das Erleichternde eines Geständnisses wird von den Cops aktiv erwähnt, die Cops nutzen die moralischen und religiösen Überzeugungen der befragten Person aus.

Verhaltensänderung

Der befragten Person wird gespiegelt, dass diese sich anders verhält wenn diese von verdächtigen Themen spricht. Die Cops wollen damit den Eindruck erwecken, der Körper der befragten Person verrate alles über diese und dass diese nicht mehr glaubwürdig erscheine.

Tatsachen herunterspielen

Die Cops zeigen sich hinsichtlich der vorgeworfenen Taten verständnisvoll. Sie spielen die moralische Schuld, wie auch die juristischen Folgen herunter. Z.B. indem einer der befragten Personen, der ein Überfall vorgeworfen wird, gratuliert wird, dass sie zumindest nie mit Drogen gedealt habe.

Rettungsring

Die Cops trösten die befragte Person. Sie zeigen sich sympathisch. Sie erweisen ihre kleinen Gefallen z.B. eine Zigarette anzünden, Wasser bringen, Versprechen abgeben. Die befragte Person soll sich im Gegenzug anerkennend und dankbar zeigen und kollaborieren. Diese Technik schafft auch eine emotionale Befangenheit.

Sichtweisen des Umfelds relativieren

Die Cops versuchen die soziale Repression des Umfeld (Familie, Arbeitgeber*in) herunterzuspielen, mit der die befragte Person im Falle eines Geständnis rechnen müsste. Die Cops werden behaupten, dass sich das Umfeld verständnisvoll zeigen werde, insbesondere wenn diese sich geständig zeigt.

Die Beziehung zwischen Cops und befragten Person harmonisieren

Die Cops zeigen sich persönlich enttäuscht von der befragten Person. Sie tun so als wären sie als Mensch persönlich betroffen von der mangelnden Kollaboration der befragten Person. Diese Strategie geht gut einher mit der Rettungsringstrategie. Zuerst werden die Cops irgendwelche Gefallensdienste in Aussicht stellen, damit die befragte Person zur Mitwirkung im Gespräch zu bewegen. Falls diese nicht darauf einsteigt, werden die Cops versuchen bei ihr ein schlechtes Gewissen zu erwecken.

Den Fehler an Dritte abzuschieben

Es geht darum, die befragte Person davon zu überzeugen, dass diese nicht wirklich schuldig ist. Die Schuld liege viel eher bei den Kompliz*innen, bei der gesetzlichen Lage, beim Unternehmen usw.

Befragungstechniken bei nicht-reuigen, nicht-kollaborierenden Personen

Zweifel erwecken

Die Cops täuschen vor, die ganze Wahrheit bereits zu wissen. Sie bluffen und verwenden bewusst nichtvorhandenes oder falsches Beweismaterial. Sie machen auch falsche Aussagen bezüglich ihrer Ermittlungstechniken und -methoden. Dadurch erwecken sie bei der befragten Person Zweifel.

Kompliz*innen erwähnen

Der befragten Person wird gesagt, ihre potentiellen Kompliz*innen hätten ausgesagt. Falls die befragte Person nicht auch aussage, erwecke dies vor Gericht den Eindruck, die befragte Person sei die Drahtzieherin der Gruppe. In Tat und Wahrheit können die Cops dies aber auch dann behaupten, wenn sie keine weiteren Verdächtigen verhaftet haben. Umgekehrt können die Cops auch mit dem Ungerechtigkeitsgefühl der befragten Person spielen. Ihr wird gesagt, sie sei die einzige verhaftete Person, obwohl die Spuren auf mehrere Täter*innen hinweisen würden. Bei Aussageverweigerung werde sie allein für die Gruppe büssen müssen.

Schmeicheln

Durch Komplimente bezüglich der Stärke, des Muts oder der Intelligenz, die für die Tat nötig sei, soll der Stolz der befragten Person geweckt werden, sich zur Tat zu bekennen.

Provokation

Die Cops machen sich lustig über die befragte Person. Sie machen deren vermutete Rolle im Zusammenhang mit dem Vergehen lächerlich. Sie lachen über Teile des vermuteten Plans, die nicht aufgegangen sind. Damit versuchen sie, die befragte Person zu beleidigen. Sie drängen die befragte Person dazu, sich zu rechtfertigen und somit zu gestehen.

Verschiedene Arten von Fragen

Oder wie die cops versuchen werden Infos aus euch rauszuholen ab dem Moment wo sie begreifen das ihr auch mit ihnen diskutieren werdet.

Offene Frage

Wird gebraucht um sich ein globales Bild der Situation zu machen, sowie der Personalität der angefragten Person. Wird am Anfang eines Verhör gebraucht, um Vertrauen zu schaffen. Leitet Zukunftsfragen ein.

  • Was denken Sie davon?
  • Was können Sie mir zu diesem Thema sagen?
Geschlossene Frage

Wird gebraucht, um zu einer bestimmten Information zu kommen. Werden oft zwischen offenen Fragen gestellt, um zu Überaschen und zu verunsichern.

  • Wer hat Ihnen diese Uhr gegeben?
  • Haben Sie X gestern gesehen?
Alternative Fragen

Gibt den Eindruck das die Polizei schon viel weiss. Wird gebraucht, um zu verunsichern.

  • Haben Sie gestern oder vorgestern mit X telefoniert?
  • Sind Sie in Paris Nord oder Sud gewesen?
Test Fragen

Das sind Fragen von denen die Bullen schon die Antwort wissen und damit schauen, ob die verhörte Person die Wahrheit sagt oder nicht. Wird am Anfang eines Verhörs oder vor einer wichtigen Frage gebraucht.

  • Was war der Preis des Zug-Tickets?
  • Mit wem waren Sie zu dieser Zeit unterwegs?
Hindeutete Frage

Fangfrage, die gezielt in Verlegenheit bringen soll, egal, was die Antwort ist. Verschafft den Eindruck, sich rechtfertigen zu müssen.

  • Das hast du wahrscheinlich geklaut, oder?
  • Warum willst du es nicht zugeben? Hast du Angst vor deinen Freunden?
Projektions-Frage 

Sind oft hypothetische Fragen, die den Eindruck erwecken, mensch könne darauf antworten, ohne sich dabei in Gefahr zu bringen.

  • Was würden Sie an unserer Stelle denken?
  • Was würden/hätten Sie gemacht wenn...?
Zwischenstation

Wird gebraucht, um bei einer interessanten Aussage die Diskussion weiter in die gewollte Richtung zu führen. Kurze Frage. Kann den Eindruck machen, dass die Polizei Empathie und Verständnis zeigt.

  • Wie bitte? Erzählen Sie mir das genauer.
  • In welchem Fall würden Sie so einen Job denn annehmen? (bei einer Person, die gerade gesagt hat dass «sie in so einem Fall keinen Job annehmen würde»)

P.S.

Eine tiefere Analyse über polizeiliche Verhörstrategien wird bald auf barrikade.info publiziert werden.