Patriarchale Strukturen und Umweltzerstörung

Wir argumentieren für eine historisch-materialistische Auslegung der ökofeministischen Theorie und weisen den Essentialismusvorwurf zurück. Ein Plädoyer fürs Zusammendenken antikapitalistischer, feministischer und ökologischer Kämpfe. [1]

Wer von euch sich schon mit ökofeministischen Theorien auseinandergesetzt hat, der kräuseln sich vielleicht beim Lesen dieses Titels die Nackenhaare. Bekannte Vertreter*innen wie Ariel Salleh und Vandana Shiva werden für ihr essentialistisches Geschlechterbild [2] und protoreligiöse Technologiefeindlichkeit kritisiert. Wie den meisten grün-politischen Themen haftet dem Begriff Ökofeminismus ein esoterischer Reformhausgeruch an. Diese Kritiker*innen tappen dabei jedoch oft in die gleiche Falle wie manch ein abgedroschener Antifeminist (selten Antifeministin) mit dem Bild unrasierter männerhassender «Kampflesben». Diese gesellschaftlichen negativen Zuschreibungen gegenüber Feminist*innen und Umweltaktivist*innen stellen eine bedeutende Parallele zwischen Feminismus und radikaler politischer Ökologie dar. Der Ökofeminismus will sichtbar machen, dass patriarchale Strukturen, der Kapitalismus und die damit einhergehende unbändige Umweltzerstörung untrennbar miteinander verbunden sind. Die kapitalistische Umweltzerstörung fusst auf patriarchalen Strukturen.

Historischer Materialismus statt Essentialismus

Da der Grossteil der Sorgearbeit für Kinder, alte und kranke Menschen von Frauen geleistet wird, schreibt die Gesellschaft Frauen eine Fürsorglichkeit zu. Daher wird im Weiblichen auch eine höhere Sensibilität gegenüber umweltbezogenen Themen gesehen und der Frau eine umweltschützende Rolle zugewiesen. Aus dieser geschlechtsbezogenen Zuschreibung ziehen Ökofeminismuskritiker*innen die Essentialismuskritik. Nimmt man die ökofeministischen Theorien jedoch etwas genauer unter die Lupe, so muss aus unserer Sicht der vermeintliche Essentialismus stattdessen als solider historischer Materialismus [3] ausgelegt werden. Denn es ist die Lebenswelt der Frau, welche ihr die Sensibilität verleiht, sich umweltbezogenen Problematiken anzunehmen. Das Wissen und die damit verbundenen Fähigkeiten sind dabei sozial anerzogen und erlernt und deshalb gerade nicht essentialistisch. Sie gründen auf gesellschaftlichen Geschlechterrollen. In diesem Sinne ist es aus historisch materialistischer Perspektive auch angebracht, in Bezug auf die ökofeministische Theorie von den Kategorien Frau und Mann zu sprechen, genau weil es sich um diese gesellschaftlich und ökonomisch determinierte Binarität handelt.

Hierarchisierung und Abwertung

Patriarchale Strukturen beruhen auf einer konstruierten Zweiteilung, Hierarchisierung und Abwertung. Eine ähnliche Hierarchisierung, wie sie zwischen Mann und Frau im Patriarchat existiert, wird zwischen Mensch und Umwelt – in Form des Ressourcendenkens – konstruiert. Die weibliche Reproduktionsarbeit wird naturalisiert analog der Reproduktion und Regeneration der Natur. Sowohl die meist weibliche Sorgearbeit als auch die Regeneration der Natur finden ausserhalb der kapitalistischen Produktion statt; die kapitalistische Produktion ist jedoch auf sie angewiesen. In diesem Sinne sind Natur und weibliche Arbeit Felder luxemburgscher ursprünglicher Akkumulation [4]. Und noch eine dritte Parallele lässt sich zwischen weiblicher Unterdrückung und Umweltzerstörung ziehen: Die Hierarchisierung erfolgt unter anderem über eine Entrationalisierung. Weibliche Arbeit wird in der patriarchalen Gesellschaft häufig mystifiziert, während gleichzeitig Frauen der Subjektstatus abgesprochen wird. In ähnlicher Weise werden natürliche Prozesse kategorisiert. Die Natur wird als weiblich und als Gegenteil der Kultur imaginiert, als etwas, das vom Menschen durch Technologie gezähmt, dominiert und kontrolliert werden soll.

Frauen*- und Umweltkämpfe verbinden

Es ist kein Zufall, dass beide Kampffelder – Feminismus und Umweltbewegung – einen schweren Stand in unserer Gesellschaft haben und auch in (patriarchal geprägten) linken Kreisen immer wieder in Rechtfertigungssituationen gedrängt werden. Während gängige Vorurteile regelmässig als Basis von Spässen dienen, werden konkrete Forderungen aus feministischen und ökologischen Kreisen delegitimiert und als unsachlich abgestempelt. Diese Delegitimierung geht oft aus einer patriarchalen Haltung hervor. Dies passiert so lange, wie auch in der Linken die gängigen negativen Stereotype gegen Feminist*innen und Umweltaktivist*innen reproduziert werden. Die ökofeministische Kritik an patriarchalen Strukturen zeigt auf, wie Unterdrückungsmechanismen auch in der Linken funktionieren und wieso es angebracht ist, Kampffelder zusammen zu denken. Denn Frauen*unterdrückung und Umweltzerstörung können wir nur beenden, wenn wir die gemeinsame Grundlage bekämpfen: den Kapitalismus. Erst in einer Gesellschaft, die sich an den Bedürfnissen statt am Profit orientiert und das Privateigentum an Ressourcen und Produktionsmitteln aufhebt, können wir alle frei und ohne Zerstörung der Umwelt leben.


(Header Bild: https://femwarcult.tumblr.com)

Anmerkungen

[1Dieser Artikel erschien zuerst unter dem Titel ‹Wieso die radikale Linke mehr Ökofeminist*innen braucht› in der RosaRot – Zeitschrift für feministische Anliegen und Geschlechterfragen (Herbst 2017, Ausgabe Nr. 53, Greta Rosie Kahl & Emilia Frei).

[2«Der Essentialismus (von lat. essentia ‹Wesen›) ist die philosophische Auffassung, dass Entitäten notwendige Eigenschaften besitzen». (Wikipedia) In diesem Zusammenhang ist damit gemeint, dass Frauen zugeschrieben wird, bestimmte Eigenschaften (hier: Fürsorglichkeit für die Umwelt) natürlicherweise zu haben.

[3Materialismus ist eine «philosophische Lehre, die alles Wirkliche als Materie interpretiert oder von ihr ableitet» (Duden).

[4Siehe: Rosa Luxemburg (1913). Die Akkumulation des Kapitals: Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Berlin: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer.

P.S.

Gefunden auf www.ajour-mag.ch