(vor)kriegszeiten in Rojava

dieser text wurde am 12.12. angefangen zu schreiben, als erdogan den einmarsch seiner truppen ankündigte. über einen monat lang wurde daran weitergeschrieben. so beschreibt er diesen zeitraum

teil 1

am 12.12. kündigte erdogan wiedermal die auslöschung rojavas, die vernichtung der "terroristen" an. die drohung war ernst. die massiven truppen und panzer verschiebungen der türkischen armee an die grenzen rojavas und die zwei angriffe auf maxmur und shengal waren klare zeichen. am 20.12. kündigte die USA den rückzug aller truppen aus Rojava an. daesh/IS sei besiegt, es gäbe keinen grund mehr für sie hier zu sein. für die USA ist klar, das sie somit dem türkischem staat grünes licht geben um uns, den demokratischen konföderalismus, das neue leben in nord-ost Syrien anzugreifen. so wird auch die zusammenarbeit und die interessen der zwei staaten einmal mehr sichtbarer. für beide ist die revolution Rojavas mit ihrer gesellschaft, die sich abwendet von staatlicher kontrolle und die sich selbst organisiert, mit den frauen als avantgarde, die aufstehen gegen die unterdrückung des patriarchats, eine grosse gefahr für ihre imperialistischen pläne. wenn der luftraum frei ist, bedeutet das pure zerstörung. es wurde noch einmal klarer, das der krieg jeden moment ausbrechen kann.
diese situation veränderte in den letzten wochen massiv das leben in Rojava. durch tausende menschen die auf der ganzen welt aus die strasse gingen, und viele stimmen, die sich gegen den angriffskrieg aussprachen, musste die USA ihre öffentliche politikrichtung ändern, und spricht nun von einem rückzug über 4 monate oder sogar länger. dies kann im moment eine invasion verhindern, jedoch sind die auswirkungen davon, den aufwind für alle feinde Rojavas, überall zu spüren. in Bashur (Irak) gab es stärkere angriffe, in Deir ez-Zor intensivierten sich der kampf gegen den IS. in Minbic wurde auf die menschen der lebenden schutzschild aktion geschossen, in Qamischlo und Heseke gingen syrische nationalisten auf die strasse und forderten den einmarsch syrischer truppen. in verschiedenen städten Rojavas gibt es vermehrt selbstmordanschläge durch IS schläferzellen. in Idlib bekämpfen sich rivalisierende türkische milizen, islamistische gruppen sind am morden, und das syrische regime sowie russische kampfjets bombardieren die gegend.

die türkische armee ist bereit. ihre verbündeten islamistischen gruppen haben ihre beteiligung angekündet und beide sammeln sich haufenweise an den grenzen zu Rojava. daraus resultiert auch, das der schwere kampf gegen daesh nicht in diesen ausmass weitergeführt werden kann und sie werden wieder land, mut und zulauf bekommen. und dass sich die menschen der revolution in Rojava zwischenzeitlich nicht mit aller kraft auf den aufbau der neuen gesellschaft konzentrieren können, sondern sich auf den krieg konzentrieren müssen. dies ist auch ein teil des spezialkrieges, mit dem die imperialistischen kräfte auf allen ebenen versuchen Rojava zu zerstören.
wir werden von einem faschistischen staat angegriffen, von einer grössenwahnsinnigen staatsmacht die im mittleren osten das osmanische reich aufbauen will!

Jedoch hat er krieg schon angefangen

die bomben sind noch nicht angekommen, aber was sie jetzt schon anrichten, sind schwere gedanken, vorstellungen in den köpfen. vorbereitungen zum genug essen haben, gas haben zum kochen (das kommt manchmal nicht an, weil voll beladene gas lastwagen gute ziele sind zum angreifen), etc.
die frauen erzählen von kriegserfahrungen. wie es ist abgeschnitten zu sein von aussen, wie die bomben die erde erschüttern, wie sie sich mit ihren schreien abwechseln mit der stille, den rufen, schüssen, dem chaos dazwischen. die angst verletzte zu haben, tote, verschüttet zu werden, gefangen zu werden. vor dem alles nicht aushalten können. es ist ein krieg mit sich selbst, den krieg nicht in sich kommen zu lassen. die angst nicht überhand nehmen zu lassen, die gedanken nicht zu weit gehen zu lassen an alles schreckliche was passieren kann. dies sind gedanken, die das leben aus dem kopf zu reissen versuchen.
die angst, die hoffnung zu verlieren, das vertrauen in die kurdische freiheitsbewegung und die bevölkerung rojavas. doch der glaube an eine besseren welt, die hier aufgebaut wird, fängt immer zuerst in den köpfen an. und dort muss der kampf beginnen, nicht aufzugeben.
dies lerne ich von den frauen, wie sie miteinander umgehen, mit denen ich hier in der frauenstruktur der freien frauen Rojavas zusammenarbeite. berxwedan jiyan e - widerstand ist leben.
in unserer aufgabe hier in der kinderbetreuung und erziehung bedeutet das, dass wir versuchen zu lernen, in dieser zeit liebevoll mit den kindern zu sein, sie spüren zu lassen, dass sie wichtig und wundervoll sind. gemeinsam eine welt aufbauen, die auf annäherung, vertrauen und gemeinsamer lebensgestaltung basiert. voneinander lernen. das leben danach richten, dass noch ein schönes leben vor uns geschrieben steht, solange wir dafür kämpfen und eben (jetzt) leben.

der androhende krieg besetzt die gedanken, das handeln und das herz. wir warten hier seit tagen auf das, was uns zerstören, umbringen kann. auf bomben aus dem himmel, die krater in unsere häuser dreschen. auf druckwellen, die uns zerreissen können, auf raketen, panzer, schwere artillerie und soldaten, die einem faschistischen staat gehorchen. männer, ja männer, die nur warten um die menschen hier zu ermorden.

abwarten...

die bomben fallen noch nicht, doch meinen kopf ist besetzt von gedanken an alles, was passieren kann. ich liege im bett, draussen der dunkle himmel, mein herz fängt an zu rasen, angst kommt auf, tiefe angst für das ungewisse gewisse grausame. wie wird es weitergehen, jeder moment kann der sein, der alles verändern wird.

sehr wahrscheinlich werden bei uns nicht die ersten, und auch nicht die zweiten bomben einkrachen. zuerst kommen die orte der verteidigungskräfte, munitionsdepots etc. dann alles was uns versorgen kann mit essen, trinken, strom, handynetz, internet, um die menschen auszuhungern, auszudursten, frieren zu lassen.

...und nicht warten

die andere gefühlswelt ist angetrieben durch die kraft der revolution, der kurdischen freiheitsbewegung und den starken menschen hier. durch diese unglaubliche realität, die hier aufgebaut wird, in permanenter bedrohung und verschiedensten angriffen. durch eine entwicklung des lebenswillen und bereitschaft dafür alles zu geben. durch die hevals, die unerschüttert dem leben bedeutung und willenskraft schenken. ihr leben ist nicht an ihr eigenes gebunden, es ist an die leben aller und an die freiheit gebunden. rojava wird nicht so einfach aus den händen gegeben werden. hier bebt das leben, die veränderung und das bewusstsein, das ein anderes leben möglich ist, und gelebt wird.
auch wir werden uns, die kinder und die revolution verteidigen, mit allem was nötig sein wird.

und was, wenn auch in Bakur der widerstand der kurdischen bevölkerung noch einmal aufblüht und die kurdischen kräfte aus Bashur und Rojhilat sich vereinen gegen die vernichtung ihres eigenen volkes? vielleicht wird es auf der Welt an so vielen orten zu zuständen kommen, welche einfluss haben, dass hier der krieg gestoppt wird. vielleicht geht die geschichte in eine neue phase, wie es 2014/15 in Kobane gegen den unaufhaltsamen IS geschah. wer stellte sich damals vor, dass es so kommen wird?