(vor)kriegszeiten in Rojava, teil 2

(vor)kriegszeiten in Rojava, teil 1

nach den drohungen des türkischen staates fingen wir an, den bunker unter der erde einzurichten. ein bunker mit nur einem ausgang, für den zweiten war keine zeit mehr. die wenigsten hier trauen den bunkern, sie sagen, "wie dick muss eine betondecke sein um raketen von bis zu einer tonne standzuhalten?"

die luft ist eher schwer, doch der raum ist gross, es passen etwa 50 matratzen rein. mit den kinder, zwischen vier und vierzehn jahren alt, tragen wir decken, wasser, essen und ölblechbehälter als toiletten hinunter. unsere rucksäcke sind immer gepackt und bereit mit dem nötigsten für uns und spielsachen für die kinder. die kinder haben schon viel schlimmes erlebt im krieg, mit ihren familien oder ohne familien. manche von ihnen hatten bei den notfallübungen angst, weinten und klammerten sich an uns. wir probieren es spielerisch aufzuziehen, etwas spezielles, wie ein abenteuer. vor ein paar tagen hatten wir dann echten alarm in der nacht bekommen. wir weckten alle kinder, viele wollten nicht aufstehen, glaubten uns nicht. mit einem weinenden kind an der einen hand und im anderen arm eine decke gingen wir ins ungewisse unter die erde. mein herz klopfte stärker, jedoch nahmen mir die kinder viele momente des darüber nachdenkens, weil sie uns nun brauchten. wir sangen, redeten, kuschelten, wurden ruhig mit ihnen und eins nach dem anderen schlief langsam ein. meine ohren waren weit offen, und jedes geräusch hörte sich aufeinmal nach schüssen an. ich probierte wegzuhören, anderswo meine gedanken zu vertiefen. ich dachte daran, was wir noch alles brauchen hier. die stromversorgung wird sicher eines der ersteren ziele sein, dann sitzen wir im tiefschwarzen dunkel, was dann? wir brauchen gas um die milch für das baby zu wärmen, sonst wird es nicht lange überleben. wie lange werden wir dann hier sein...
am nächsten morgen war alles ruhig, es wurde nicht angegriffen. das leben geht wie gewohnt - mit dem krieg im nacken – weiter.

die welt wird klein und düster
die arbeiten gehen weiter. der drohende krieg ist seit wochen das thema, welches die köpfe besetzt. von morgens am frühstück bis in die nacht, wenn wir nachtschicht für die kinder mit den mamas machen, sprechen wir mit den frauen aus der gesellschaft über die situation. es gibt angst, ungewissheit, wut. diese situation, dass jeden moment die stadt angegriffen werden kann, erdrückt die köpfe. es lässt den blick manchmal nur noch um sich herum schauen, die welt wird klein und düster. Afrin sitzt schwer in den erinnerungen der menschen. obwohl die YPJ/YPG Afrin zwei monate lang verteidigen konnte, anstatt dass es in fünf Tagen eingenommen wurde, wie Erdogan ankündigte, wurde die stadt durch das türkische militär und islamistische gruppen überfallen und stark zerstört. die besatzer wüten bis heute gegen die bevölkerung. frauen und mädchen werden verschleppt, bewohner_innen verhaftet und gefoltert, auch auf offener strasse. alles wird geplündert und den menschen wird wieder verboten ihre identitäten zu leben.

gleichzeitig gib es ein starkes vertrauen
gleichzeitig gibt es ein starkes vertrauen in die volksverteidigungskräfte Rojavas. dort kämpfen auch von den meisten familien, von den frauen, mit denen ich arbeite, teile ihrer familie. und fast jede familie hat shehids. andere sind in anderen arbeiten für den demokratischen konföderalismus, für das lebenskonzept, welches hier schon so viel verändert hat. das wissen die menschen, das erzählen sie viel. sie sagen, wenn der luftraum geschlossen bleibt, dann werden wir uns verteidigen können. aber mit den kampfjets, den bomben aus dem himmel, werden sie einfach alles in krater verwandeln können.
fast alle frauen hier haben kinder, und das macht es nochmal schwerer. in ihren entscheidungen tragen sie immer die verantwortung für viele. viele sagen, sie werden sich verteidigen, die stadt und Rojava. es gibt verschiedene ausbildungen für die gesellschaft, um sich auf die selbstverteidigung vorzubereiten.

einzelne haben schon gepackt und sind aus der stadt gegangen. die meisten aber bleiben, und viele von den frauen hier sagen, dass sie hier bleiben, auch wenn angegriffen wird. zum einen sagen sie, "wo sollen wir auch hin, wir sind umzingelt von feinden". zum anderen wollen sie nicht nochmal alles aufgeben, irgendwo anders ein neues leben anfangen. es gibt eine starke verbindung von vielen menschen hier zu ihren orten. oft sind das die orte, an denen sie ihr ganzes leben schon verbracht haben. sie arbeiten in Kobane, haben ihre familien um sich, ihre freund_innen, ihre lebensgeschichte und kultur. Kobane hat eine starke bedeutung durch den unbeschreiblichen widerstand gegen den IS im jahre ’14/15, durch die zerstörung der fast gesamten stadt und den wiederaufbau in kürzester zeit.
und das leben welches hier aufgebaut wird, insbesondere für die frauen, wollen sie nicht wieder hergeben.

widerstand und leben
es wird einen unerbittlichen widerstand der revolutionären kräfte Rojavas und den hunderten von internationalist_innen in rojava geben.
hier wird nichts verloren sein, hier ist nichts verloren, das ist in den köpfen der kämpfenden fest verankert. in Afrin fielen 1000 YPJ/YPG kämpfer_innen shehid. es wurden viele lehren aus dem krieg in Afrin gezogen, viele erfahrungen gegen eine solche übermacht zu kämpfen gemacht. es wurde nicht aufgegeben hier mit der gesellschaft ein solidarisches kommunales leben aufzubauen, es wurde nicht gezweifelt, ob es vielleicht einen besseren moment geben würde.
die einzige antwort auf den unmittelbaren krieg kann nur die verteidigung sein. wenn der feind sich unmittelbar vor uns bereit macht uns alles zu nehmen, bereit ist über tausende leichen zu gehen, was sollen die menschen hier tun? wir stehen vor einem massaker, vor einem ausmass an zerstörung, das unvorstellbar ist. und bis jetzt schaut die welt grösstenteils nicht einmal zu. ist es zu weit weg um einen bezug zu bekommen, oder einfach noch zu unspektakulär, so ohne explosionen, giftgas, ruinen, flüchtlingsströme, tote etc?
In der struktur, in der ich bin, wird gerade in diesen tagen eine bibliothek aufgebaut. daneben sitzen frauen in der ausbildung zu ärztinnen, und im raum nebendran gibt es ausbildung an der waffe für die frauen, mamas aus der bevölkerung. Rojava ist hier, ist am leben, ist am kämpfen und sich am entwickeln. die menschen leben, hier kann nichts verschoben werden.

teil drei folgt...

(vor)kriegszeiten in Rojava, teil 3